Kolumne„Butter bei die Fische“: Mit nur 25 Euro kommen wir nicht weit

Dani Parthum Tom Salt

Mit Kleinstbeträgen „groß investieren“. So werben Banken, Robo-Advisor und Informationsplattformen für Sparpläne auf Aktien oder Exchange Traded Funds, den ETFs. Mantraartig heißt es: Ab 25 Euro, ach was, schon ab 1 Euro pro Monat, bauen Sie bei uns Vermögen auf mit Investments in weltweite Aktienportfolios oder dem Kauf von Aktien Ihres Lieblingsunternehmens.

Begrenzter Verlust, Teilhabe am Wohlstandsgewinn

Das klingt leicht und harmlos und setzt Hemmschwellen und Berührungsängste gegenüber Aktien enorm herab. Zum einen, weil nicht viel Geld in die Hand genommen wird und damit die Verluste im Zweifel klein ausfallen. Was sind schon 25 Euro im Monat? Dreimal Kino in der Großstadt. Nicht so dramatisch, sollten die „verzockt“ werden.

Auf der anderen Seite ermöglichen die Mini-Einstiegssparbeträge selbst Menschen mit niedrigen Einkommen, an der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung teilzuhaben und Vermögen aufzubauen. 25 Euro kann fast jede und jeder von den monatlichen Einnahmen abknapsen.

Die Chance, auch mit kleinen Beträgen in Aktien und Fonds wie ETFs investieren zu können, ist neu, ermöglicht durch die Digitalisierung, und absolut zu begrüßen. Die Teilhabe an den Wohlstandsgewinnen der weltweiten Wirtschaft wird damit egalitär, also für jede und jeden erreichbar, und ist nicht mehr nur wohlhabenden Menschen zugänglich.

Das ist die Sonnenseite. Reden wir über die Schattenseite, die fast nie thematisiert wird.

Fehlendes Wissen führt zu finanziellen Schäden

Einfach mal so sein Geld in Aktien oder ETFs zu stecken, ohne wirklich verstanden zu haben, was eine Aktie ist, wie Aktienkurse entstehen, welche Risiken mit Aktien verbunden sind und welchen Einfluss unsere Psyche auf die Geldanlage hat. Oder: Wie ETFs entstehen, wonach sie ausgesucht werden, welche Wertschwankungen mit ihnen verbunden sind und wie mit Börsencrashs umzugehen ist.

Dafür braucht es kein Expert’innenwissen. Grundsatzwissen ist wichtig. Eigenes Grundsatzwissen! Damit das Geld wirklich sinnvoll eingesetzt ist und nicht durch Unwissenheit zu Verlusten führt. Wie das der vielseitigen Schauspielerin Caroline Peters passiert ist. Sie gab im Juni 2020 der Süddeutsche Zeitung für die Rubrik „Reden wir über Geld“ ein Interview. In diesem erzählte sie ehrlich von ihrem größten Verlustgeschäft – das waren ETFs. Peters hatte sich erklären lassen, dass es gut sei, „wenn man eine automatische Bremse einzieht, dass also ab einem bestimmten Betrag des Verlustes der Logarithmus eigenständig verkauft.“ Im Corona-Crash fielen nun die Aktienkurse und damit die Werte ihrer ETFs drastisch, was den „Brems“impuls auslöste (Stopp-Loss-Order). Ergebnis: automatischer Verkauf mit vierstelligem Verlust.

Das Ding ist: ETFs und automatische Verkaufsorder passen für den langfristigen Vermögensaufbau nicht zusammen. Eigenes Wissen schützt vor solchen und vielen anderen Fallen beim Einfach-Drauflos-Investieren.

Wiegen in Sicherheit

Die andere Schattenseite von Mini-Sparbeträgen ist das Wiegen in Sicherheit. In trügerischer Sicherheit: Ich tue ja etwas und spare für später.

Was aber bringt ein 1-Euro-Sparplan auf beispielsweise eine der Lieblingsaktien der Deutschen, der Allianz AG? Die Aktie notiert bei rund 200 Euro. Mit einem 1-Euro-Sparplan bräuchten wir 16,6 Jahre, um eine Allianz-Aktie zu besitzen. Wählen wir einen Welt-ETF  wie den Vanguard FTSE All-World für rund 105 Euro, brauchen wir 8,75 Jahre, um einen Anteil zu kaufen. Mit einem 25 Euro-Sparplan gehört uns die Allianz-Aktie immerhin schon nach acht Monaten und ein Anteil am Vanguard All World nach 4,2 Monaten.

Rechnen wir das mal hoch: Monatlich 25 Euro bei einer konservativen Marktrendite von 5 Prozent in einen breit aufgestellten ETF wie den Vanguard investiert, erwirtschaftet nach 25 Jahren ein Vermögen von rund 15.000 Euro. Das reicht für ein Zubrot zur Rente über 25 Jahre von etwa 70 Euro. Besser als gar nichts auf jeden Fall. Nur:

Um Rentenlücken zu schließen und uns bis ins hohe Alter finanziell unabhängig machen, brauchen wir höhere Sparbeträge als 25 Euro. Die sind gut zum Investieren für Kinder und Jugendliche, die noch wenig Geld haben. Und zum Testen, dran gewöhnen, reinfühlen, weiter lernen.

Beim strategischen Vermögensaufbau muss mehr Butter bei die Fische. Werden zum Beispiel 25 Jahre lang monatlich 100 Euro in einen Welt-ETF investiert, kann ein Vermögen von rund 60.000 Euro entstehen (Marktrendite 5 Prozent p.a.). Aus monatlich angelegten 200 Euro könnten schon rund 120.000 Euro werden. Damit lassen sich Rentenlücken schließen. Was das praktisch bedeutet?

Kleinvieh macht zwar auch Mist, Großvieh aber großen

Haben Sie noch nie investiert, beginnen Sie ruhig mit niedrigen Sparbeträgen. Das übt. Diese steigern Sie dann innerhalb eines Jahres auf Beträge zwischen 50 Euro und 100 Euro monatlich. Als Faustformel für die Höhe der Raten hat es sich als praktikabel erwiesen, in jungen bis mittleren Jahren mindestens zehn Prozent des Netto-Einkommens zusätzlich für die Rente langfristige zu investieren. Je älter, desto eher sind es 20 Prozent des Netto-Einkommens. Die Zeit spielt lange für uns – irgendwann aber auch gegen uns. Deshalb: Lassen Sie das mit der zusätzlichen Rente nicht hängen, machen Sie sich finanzschlau, üben Sie Investieren und steigern Sie Ihre monatlichen Investitionsbeiträge.

 


Dani Parthum ist Diplom-Ökonomin, Geldcoach, Finanzbloggerin und Buchautorin. Unter der Marke Geldfrau unterstützt sie Frauen dabei, ihre Angst vor Finanzen abzulegen und für sich selbst Strategien zu entwickeln, selbstbestimmt mit Geld umzugehen und Vermögen aufzubauen. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Dani Parthum