KolumneBörsen-Höchststände zum Jahresausklang

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Mit einem Kursfeuerwerk hat sich die Dekade verabschiedet! Sie wird als das bisher beste Jahrzehnt in die Börsenannalen eingehen. Ungeachtet der Korrekturjahrgänge 2011 und 2018 befinden wir uns in einer Hausse, die aufgrund eines gewaltigen Strukturbruchs ihren Lauf nimmt. Die Abschaffung positiver Realzinsen verändert die Welt erheblich. Während der Drang der Staaten und der Politik zum Schuldenmachen ungehemmt ist, treten die Notenbanken und damit die Gelddruckmaschinen zunehmend als Hauptgläubiger auf den Plan. Dadurch wird ein Perpetuum in Gang gesetzt, das fortgesetzte Gelddruckerei zur Präzedenz erhebt, bis das Vertrauen (lateinisch Credit) in die bisherigen Strukturen und Systeme aufgebraucht ist.

Für Deutschland ist die Entwicklung mehrfach tragisch, weil das schlechte Geld das gute Geld vertreibt und eine Entwicklung hin zum niedrigsten gemeinsamen Standard in der Euro-Zone im Gang ist (Greshamsches Gesetz). Es war ein offenkundiger Fehler, die D-Mark und damit die Souveränität über die eigene Währung vorzeitig weggegeben zu haben.

Gleichwohl wären die Resultate dieser politischen Fehlentscheidung wesentlich gemildert, wenn die Bevölkerung an den durchaus bestehenden Vorzügen des Euro kräftig partizipiert hätte. Ohne Zweifel konnten deutsche Unternehmen von der Einführung des Euro per Saldo profitieren. Wären die Bürger Deutschlands an den Unternehmen hinreichend beteiligt, dann wären ihnen diese Vorteile in Form von Vermögenszuwächsen reichlich zugutegekommen. Leider ist das Anlageverhalten unserer Landsleute recht unelastisch. Anstatt sich der neuen Währung und dem Wegfall positiver Realzinsen durch Umschichtung des Geldvermögens anzupassen, setzen die meisten Geldbesitzer in Deutschland ihr traditionelles Kapitalanlageverhalten unverändert fort. Der Vermögensschaden dieser Rigidität beträgt mehrere tausend Milliarden Euro.

Schauen wir dazu auf ein Beispiel: Wäre das Geldvermögen der Deutschen (ca. 6,1 Bio EUR zu Jahresbeginn) in den letzten 12 Monaten im DAX Index angelegt gewesen, dann hätte es dadurch einen Wertzuwachs von ca. 1, 5 Billionen Euro erwirtschaftet. Die Steuereinnahmen (bei Verkauf zum Jahresende) daraus hätten ca. 400 Mrd. Euro betragen.

Tatsächlich arbeitet jedoch nur ein vergleichsweise geringer Teil des deutschen Geldvermögens am Aktienmarkt. Für jemanden wie mich, der sich seit mehr als dreißig Jahren abmüht, für die Beteiligung an der Wirtschaft durch Aktienbesitz zu werben, ist das äußerst frustrierend. Hinzu kommt, daß der Gegenwind sogar noch zunimmt. Die geplante Transaktionssteuer auf Aktien und die weitgehend unsinnigen MiFID-Richtlinien sorgen dafür, daß sich die Menschen beim Thema Aktien abwenden. Stattdessen haben Krisen- und Katastrophen-Propheten Hochsaison. Derartige Akteure wissen, wie sie mit der inzwischen weltweit bekannten „German Angst“ gewinnbringend spielen können. Im Übrigen scheint bei der Klimadiskussion Ähnliches zu obwalten.

Freilich besteht der Kern des Schlamassels in der geringen ökonomischen Bildung der Bürger. Obwohl immer mehr Schüler Abitur machen und dazu noch Einser-Noten bekommen ist es um die Grundkenntnisse der Geldanlage nicht gut bestellt. Dabei ist die Francis Bacon zugeschriebene Aussage `Sciantia potestas est` gerade in Geldanlagefragen Gold wert. Für ein Land wie Deutschland, das keine nennenswerten Rohstoffe besitzt, ist dieser Befund Armutszeugnis und Menetekel zugleich. Aber obwohl ich für gut ausgewählte Aktienanlagen einigermaßen optimistisch in die Zukunft blicke, kann ich mich in Bezug auf die Entwicklung der Aktienkultur in Deutschland von einem Anflug aus resignativem Pessimismus nicht frei machen.


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft LOYS AG.