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ESG-Streit Warum aktivistische Investoren Blackrock-Boss Fink stürzen wollen

Blackrock-CEO Larry Fink
Blackrock-CEO Larry Fink
© Getty Images
Der britische Vermögensverwalter Bluebell findet die ESG-Strategie von Blackrock widersprüchlich und heuchlerisch. Er fordert deshalb den Rücktritt von Konzernchef Larry Fink

In der Diskussion um nachhaltige Geldanlagen hat Blackrock-Boss Larry Fink neuen Ärger. Der aktivistische britische Investor Bluebell Capital Partners wirft dem Vermögensverwalter „Widersprüche und offensichtliche Heuchelei“ bei nachhaltigen Investitionen vor und fordert deshalb seinen Rücktritt.

In einem Capital vorliegenden Brief von Anfang November fordern die beiden Bluebell-Partner und Chefanlagestrategen Giuseppe Bivona und Marco Taricco die Trennung des Amtes des CEO und des Chaiman bei Blackrock. Beide Ämter besetzt der 70-jährige Firmengründer Fink. Auslöser für den Angriff, über den zuerst die „Financial Times“ berichtet hat, ist die insbesondere in den USA umstrittene Nachhaltigkeitsstrategie von Blackrock.

Bivona und Taricco, die 2021 Anteil am Sturz des damaligen Danone-Chefs Emmanuel Faber hatten, fordern die Berufung eines neuen Chief Executive Officer (CEO) bei Blackrock. „Dies geschieht mit dem Ziel, die ESG-Strategie von den Ansichten des derzeitigen Blackrock-Vorsitzenden und CEO zu entkoppeln, dem es gelungen ist, die öffentliche Meinung von 23 US-Bundesstaaten stellvertretend für rund 150 Millionen Menschen zu entfremden“, schreiben die beiden Investoren, deren Aktienfonds sich eigentlich auf europäische Standardwerte konzentrieren.

Die beiden Investoren beziehen sich damit auf eine Entwicklung in den USA. Einige Bundesstaaten, die von den Republikanern, traditionell der Öl-Industrie nahe stehend, regiert werden, machen sich gegen nachhaltige Investitionen stark. So hat Glenn Hegar, Comptroller und damit oberster und direkt gewählte Rechnungsprüfer des US-Bundesstaats Texas, eine „schwarze Liste“ mit zehn Vermögensverwaltern erstellt, mit denen staatliche Pensionsfonds keine Geschäfte mehr machen sollen. Darauf findet sich als Blackrock als einziges US-Unternehmen. Zudem forderten die Finanzchefs jener 23 von Republikanern regierten Bundesstaaten für ihre Anlegen den Ausschluss von „woke capitalism“, worunter insbesondere der Ausstieg aus Öl-Investments verstanden wird.

Im Zentrum der Angriffe steht Blackrock, dessen Boss Fink Anfang 2020 in seinem jährlichen Investorenbrief eine Wende zu nachhaltigen Investitionen angekündigt hatte. „Klimarisiken sind Anlagerisiken“, lautete die Kernthese des Briefes. Eine Aussage, zu der Blackrock sich auch heute noch bekennt, trotz Angriffen von Skeptikern des Klimawandels.

An dieser Stelle setzt nun Bluebell an, welche die Unabhängigkeit von Blackrock als Vermögensverwalter in Gefahr sehen wegen der Fokussierung auf Klimarisiken. An Fink gerichtet schreiben Bivona und Taricco: „Wir sind der Meinung, dass Blackrock bei der ESG-Agenda seinen Auftrag als Investmentmanager aus den Augen verloren hat und sich als Fahnenträger unter Ihrer Führung das selbsternannte Recht herausgenommen hat, die politische Debatte über Umwelt- und Sozialthemen zu gestalten, was zu einer Entfremdung wichtiger Kunden und einer unangemessenen Politisierung der ESG-Debatte geführt hat, wodurch das Unternehmen einem enormen Reputationsrisiko ausgesetzt ist.“

Die beiden Investoren sind dabei anders als Politiker der Republikanischen Partei in den USA keine ESG-Gegner, das Unternehmen bezeichnet sich als Unterzeichner der UN-Prinzipien für verantwortliches Investieren (PRI). Ihren Ansatz beschreiben sie wie folgt: „Unterstützung unserer treuhänderischen Verantwortung“ und zweitens die „Identifizierung finanzieller Risiken im Zusammenhang mit den Unternehmen, in die wir investieren“.

Ein weiteres Ziel ist die Identifikation „aktivistischer Ziele als Möglichkeit Werte zu schaffen“. Diese Chance sehen sie offenbar bei Blackrock, dem sie mehr oder minder politischen Aktionismus vorwerfen. Dies könne zum Verlust von Mandaten führen und damit wirtschaftliche Folgen für das Unternehmen und damit seine Eigentümer haben. Bluebell hält nach Capital-Informationen rund 0,01 Prozent an Blackrock. Das ist zunächst sehr wenig, aber auch beim Sturz von Danone-Chef Faber agierte die in London ansässige Gesellschaft sehr effizient. Medienberichten zufolge soll sie 20 Mio. Euro investiert haben. Das Unternehmen ist aktuell rund 34 Mrd. Euro wert. Blackrock könnte also gewarnt sein und nach Capital-Informationen gab es bereits Gespräche.

Zu den Rücktrittsforderungen gegen Larry Fink wollte sich ein Blackrock-Sprecher nicht äußern. Allerdings ist es nicht untypisch, dass sich aktivistisch agierende Investoren in ihrer öffentlichen Kampagne auf die Köpfe an der Spitze einschießen. Der Blackrock-Sprecher verwies darauf, dass sein Unternehmen bestimmte aktivistische Aktivitäten von Bluebell gegen europäische Unternehmen nicht unterstützt habe. „In den vergangenen 18 Monaten hat Bluebell eine Reihe von Kampagnen durchgeführt, um ihre Klima- und Governance-Agenda zu fördern“, sagte er. „Blackrock Investment Stewardship hat diese Kampagnen nicht unterstützt, da wir der Meinung sind, dass sie nicht im besten wirtschaftlichen Interesse unserer Kunden liegen.“ Unter Investment Stewartship wird die aktive Stimmrechtsausübung auf Hauptversammlung und auch direkte Gespräche von Investoren mit Unternehmen verstanden.

Bluebell hatte zuletzt unter anderem das Chemieunternehmen Solvay und den Rohstoffhändler Glencore wegen diverser Umweltthemen attackiert, zudem den italienischen Rüstungskonzern Leonardo. Hier wollte Bluebell den CEO Alessandro Profumo stürzen, der wegen Bilanzbetrug und Marktmanipulation verurteilt wurde. In allen Fällen hatte Bluebell wohl auf Unterstützung von Blackrock bei den Abstimmungen während der Hauptversammlungen gehofft. Blackrock verfügt über großes Stimmgewicht in vielen Unternehmen, unter anderem durch seine ETF-Sparte iShares.

Schließlich fordern die beiden Bluebell-Partner in ihrem Brief eine strategische Überprüfung der Haltung Blackrocks zum Thema ESG vor dem Hintergrund, dass nicht nur republikanische Politiker unzufrieden sind. Von demokratischer Seite gab es schließlich den Vorwurf, nicht genügt gegen den Klimawandel zu tun.

Die strategische Überprüfung soll vor dem Hintergrund geschehen, dass Blackrock „bisher die bemerkenswerte Aufgabe bewältigt hat, sowohl die Kunden zu verprellen, die der Meinung sind, dass Blackrock den Interessen der fossilen Energieträger schadet und gesellschaftliche Anliegen über die finanziellen Erträge stellt, als auch die Kunden, die der Meinung sind, dass Blackrock nicht genug für den Klimawandel tut.“ Und weiter: „Der Umfang der Überprüfung sollte darin bestehen, bestehende Ungereimtheiten und Widersprüche anzusprechen und aufzulösen und die Anlagepolitik und -richtlinien vollständig zu entpolitisieren. Wir fordern den Vorstand auf, das Ergebnis der Überprüfung und die vorgeschlagenen Korrekturmaßnahmen klar zu kommunizieren.“

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