FondsDeutschland im IPO-Fieber?

Hoffnung beflügelt Menschen ja ungemein. Und die Börsen meist ebenfalls. Sobald sich ein erster ernstgemeinter Hoffnungsschimmer zeigt, flattern die Kurse oft nach oben. In diesem Fall aber, sind es eher die Marktkommentatoren, die abheben – und weniger die Kurse. Die Euphorie jedenfalls ist angesichts der jüngsten Börsengänge groß: Endlich wagen sich wieder Firmen an die Börse! Hierzulande so viele wie schon lange nicht mehr. Das ist ein ungeheuer gutes Zeichen, schwärmen viele. Manche sprechen sogar von einem Börsenfieber, das Unternehmen und Anleger nun gleichermaßen erfasst hätte, und sie sehen die Kurse einiger Börsenaspiranten schon in astronomische Höhen steigen. An der Stelle messen wir lieber einmal nach.

Fieber ist für gewöhnlich eine Überhitzung des Körpers. Wenn man allerdings nach Stellen sucht, an denen die Börsen aufgrund von neuen IPOs, also neuen Parkettanwärtern, derzeit heißlaufen, dann kann man lange suchen, wird aber nicht hierzulande fündig. Und selbst weltweit gibt es keine erhöhten Temperaturen, im Gegenteil: Zwar wagen sich neuerdings tatsächlich wieder ein paar Firmen mehr als zuvor aufs Parkett, doch mit 770 weltweit im ersten Halbjahr 2017 fiel ihre Zahl noch verhältnismäßig moderat aus. Gut, das sind 70 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2016, aber da waren auch die Gesamtaussichten sowohl an den Kapitalmärkten als auch für die Weltwirtschaft nicht umwerfend gut. Im Gesamtjahr 2016 wagten sich insgesamt immerhin 1055 Unternehmen neu an die Weltbörsen. Und blickt man noch weiter zurück, dann sind rund 1300 Neuerscheinungen selbst in schwachen Börsenjahren ganz normal.

Keine heißen Nachrichten an der Börse

Eindrücklicher sind die Zahlen hierzulande: Auf ganze fünf IPOs kommt Deutschland bisher, zwei davon starteten im ersten Quartal und drei in den vergangenen Wochen (Delivery Hero, Vapiano, Noratis). Fürs laufende Jahr werden insgesamt 15 Börsengänge erwartet. Ist das eine heiße Nachricht? Eher nicht.

Natürlich, im Vorjahr waren es bloß fünf Unternehmen insgesamt, die sich listen ließen. Gemessen daran würde die Zahl der diesjährigen Parkettkandidaten die Daten aus dem Vorjahr um das Dreifache übertreffen. Man muss allerdings auch sagen, dass selbst 15 Börsenlistings bei weitem kein Rekord sind, sondern eher so etwas wie die guten Jahre unter den allerschlechtesten IPO-Jahren. In den Jahren, in denen die Börsen wirklich heißlaufen, sind 30 bis 40 Börsengänge ganz normal, zu New-Economy-Zeiten waren es sogar 140 bis 175 Neuzugänge.

Sind die irren Zeiten zurück?

Nun wünscht sich natürlich niemand diese Zeiten zurück, denn auf den damaligen Dotcomhype folgte ja bekanntlich der Crash. Die Anzeichen dafür, dass die Märkte demnächst ähnlich überhitzen, sind aber gelinde gesagt auch ziemlich klein. Wären die Anleger tatsächlich von einem IPO-Fieber erfasst, dann schössen die Kurse nämlich fieberkurvengleich nur so in die Höhe, nachdem sich endlich einer der langersehnten Börsenneulinge aufs Parkett gewagt hätte. Davon sieht man momentan nur wenig: Die Gastronomiekette Vapiano ist von 24 Euro auf 22,50 Euro gefallen. Noratis Immobilien sind seit ihrem Start im stabilen Seitwärtsgang. Delivery Hero begann mit 27 Euro, stürzte auf 25 und liegt jetzt bei 28 Euro. Selbst bei Snapchat, der großen Börsenhoffnung aus den USA, hat der IPO bisher nicht zum gigantischen Kursaufstieg geführt, sondern eher zum großen Absturz. Die Aktie schoss zwar zuerst von 17 auf 27 Dollar, ist aber derzeit wieder die 17 Dollar wert, mit der sie auch als Ausgabekurs begann. Ihr Kursverlauf erinnert zurzeit genau an das Feature, das die Snapchat-App bekannt machte: Die Nachrichten darin zerstören sich nach einer gewissen Zeit selbst.

Darauf kann man entgegnen, es brauche schließlich erst einmal eine Weile, bis sich die Aktien an der Börse entwickeln. Hoffnungen müssten schließlich auch erstmal genährt werden. Ein Blick zurück in die fiebrige Dotcom-Zeit aber zeigt: Wäre wirklich die große Euphorie ausgebrochen, dann wären schon am ersten Tag der Aktiennotiz selbst Kursgewinne von 200, 300 oder gar 600 Prozent keine Seltenheit, sondern eher die Regel. Wenn die Phantasie nämlich mit den Anlegern wirklich durchgeht, dann sind solche Steigerungen mühelos möglich.

Ja genau, sagen jetzt findige Marktbeobachter, wir haben sie auch jetzt wieder erlebt: Das Fintech-Unternehmen Naga aus Hamburg elektrisierte jüngst die Börsianer. Es warf Anfang Juli seine Aktien zum Ausgabepreis von 2,60 Euro auf den Markt. Und sie schossen schon nach wenigen Tagen auf 14 Euro. Naga habe eine wahre Hysterie ausgelöst, titelten darauf einige Medien. Die irren Zeiten des Neuen Marktes seien wieder zurück, meinten andere. Was also ist hier passiert?

The Naga Group Aktie

The Naga Group Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ein klein wenig erinnert die Aktiengeschichte von Naga tatsächlich an die Zeiten des Neuen Marktes, als Börsianer unbesehen und ungeprüft so gut wie jede neue Tech-Aktie kauften. Das Wort Fintech hat heutzutage einen so guten Klang bei Investoren – sie versprechen sich davon nichts weniger als die Revolution der Finanzindustrie – dass die Aktien solcher Unternehmen geradezu einen Greifreflex auslösten. Analysten kommentieren es so: Wo Fintech draufsteht, wird zugegriffen ohne zu gucken, was drinsteckt.

Tatsächlich steckt in Naga zwar eine gute innovative Technologie. Sonst aber noch nicht viel. Noch schreibt das Startup, das erst seit 2015 überhaupt existiert, Verluste und muss seine Marktgängigkeit und vor allem seine Konkurrenzfähigkeit noch unter Beweis stellen. Seine Bewertung ist gemessen an den Ergebnissen, die es bisher lieferte weitaus zu hoch. Vielleicht verkaufte deshalb auch einer der Naga-Aufsichtsräte am 12. Juli einen größeren Posten seiner Unternehmensaktien.

Der Kauf junger Aktien ist ein gewagtes Geschäft

Was den Fintech-Kurs derart beflügelte, war in erster Linie die Knappheit der ausgegebenen Papiere. Insgesamt 21 Millionen Aktien gibt es, doch nur eine Million stand bei der Erstnotiz zum Verkauf. Zudem zum festgesetzten Festpreis von 2,60 Euro. Natürlich beflügelte das die Phantasie der Investoren. Knappheit wirkt immer, Schnäppchenpreise auch, das wissen wir aus der Behavioral Finance Theorie. Also griffen viele tatsächlich reflexhaft zu, das ließ den Kurs steigen. Und die Nachrichten raunen. Was wiederum für noch mehr Aufsehen unter den Anlegern sorgte. Also griffen noch mehr Käufer zu. Die Folgen kann man nun am Kurs ablesen. Inzwischen sagen viele Analysten, der Preis der Aktie sei überteuert und werde sich bestimmt in nächster Zeit nach unten korrigieren. Tut er das wirklich, wäre das ein Fall zum Aufatmen. Denn befänden wir uns wirklich in Fieberzeiten, so wie einst, dann passierte das noch lange nicht, sondern der Aufstieg solcher Aktien würde heftig weitergehen.

Es gibt also derzeit keinen Grund für übersteigerte Euphorie. Man darf sich darüber freuen, dass sich wieder mehr Firmen an die Börse wagen, zumal die Zeiten gut sind und der allgemeine Börsentrend intakt. Aber man sollte nicht von allen Neulingen erhoffen, dass sie auch eine gigantische Performance hinlegen. Der Kauf junger Aktien ist immer ein hoch spekulatives und sehr gewagtes Geschäft, von dem niemand weiß, wie es ausgeht.

Immer wieder beflügeln solche Erfolgsgeschichten wie die von Amazon die Börsianer. Wer beim Amazon-Börsenstart für 10.000 Dollar Aktien gekauft hätte, der könnte sich heute über ein Vermögen von sechs Millionen Dollar freuen. Aber wer hätte schon gedacht, dass Anleger mit einem 10.000-Euro-Einsatz bei Erstnotiz mit der Rocket Internet-Aktie zirka die Hälfte ihres Geldes bisher verpulverten? Oder mit dem Einstieg in Windeln.de sogar fast 8000 Euro verschenkten? Oder mit Scout24 – das ja ein durchaus erfolgreiches Unternehmen ist – lediglich 900 Euro hinzugewannen? Mit den Zalando-Papieren hätten sie immerhin 8000 Euro Gewinn gemacht. Bisher.

Glück haben, Aktien festhalten, hoffen

Analysten raten daher, sich die Meldungen über das angebliche IPO-Fieber nicht zu Kopf steigen zu lassen. Es stehen noch viele weitere Unternehmen in den Startlöchern, um das Parkett zu betreten. Und einige davon sind erheblich vielversprechender als die Kandidaten derzeit: Uber und Aibnb zum Beispiel könnten den IPO wagen, Dropbox auch. Als aussichtsreiche deutsche Kandidaten gelten außerdem zwei Firmen, die eher aus der guten alten Economy kommen als aus der schönen neuen Welt: Die Siemens Medizintechniksparte Healthineers und die Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank sollen es ebenfalls noch 2017 an die Börse schaffen.

Man darf gespannt sein, wohin dann deren Kurse streben. Eines bebildert jedenfalls der Fall Amazon sehr schön: Wer das Glück hat, von einer künftigen Erfolgsfirma bei der Erstnotiz Aktien zu bekommen, der sollte vor allem eines tun: Sie festhalten und dann hoffen. Gerade die raketenhaftesten Kursanstiege sind nämlich schnell wieder vorbei. Bis Amazon seinen Anlegern Millionen einspielte, vergingen immerhin 20 Jahre.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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