• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Interview

„Patek Philippe kann man nicht imitieren“

, von Horst von Buttlar

Thierry Stern, Chef von Patek Philippe, spricht im Interview mit Capital über 175 Jahre Unabhängigkeit, warum man Tradition nicht nachahmen kann - und wieso er sich nur mit Rolex misst

Grandmaster Chime
Für das Jubiläum baute Patek Philippe in siebenjähriger Entwicklungsarbeit die „Grandmaster Chime Kaliber 300“. „Die komplizierteste Armbanduhr der Welt“, so der Hersteller. Es gibt nur sieben Stück davon, sie kostet 2,5 Mio. Schweizer Franken

Thierry Stern führt seit 2009 Patek Philippe, eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen. Die Uhren gehören zu den besten und teuersten der Branche. In diesem Jahr feierte Patek Philippe in Genf 175. JubiläumThierry Stern führt seit 2009 Patek Philippe, eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen. Die Uhren gehören zu den besten und teuersten der Branche. In diesem Jahr feierte Patek Philippe in Genf 175. Jubiläum


Capital: Herr Stern, Patek Philippe hat gerade mit großem Aufwand sein 175. Jubiläum gefeiert. Wenn Sie innehalten: Welche Eigenschaften braucht Ihr Unternehmen für die kommenden 175 Jahre?

Stern: Das Wichtigste war und ist für uns die Unabhängigkeit. Nur so konnten wir eine langfristige Strategie entwickeln und die DNA der Marke bewahren. Das ist der Schlüssel für unseren Erfolg, weil die Botschaft an unseren Kunden klar ist. Im Grunde hat sich der Kern unserer Strategie seit 175 Jahren nicht verändert: Wir wollen die besten Uhren der Welt machen. Wir haben unsere Marke nie benutzt, um etwa Sonnenbrillen zu verkaufen. Patek Philippe, das ist kein Business, das ist eine Leidenschaft. Zweitens, wir wollten immer unseren Vertrieb kontrollieren. Wir wollen die Marken rund um den Globus führen und gestalten, ohne dass uns irgendwelche Manager in Ländern reinreden, welche Farben oder Modelle sie für ihren Markt für wichtig halten. Der dritte Faktor ist Evolution. Wenn Du dich nicht entwickelst, stirbst du. Also haben wir immer stark investiert.

Was bedeutet Unabhängigkeit für Ihre Investitionen?

Wir sind 1996 mit unserer Manufaktur hier nach Plan-les-Ouates in Genf umgezogen, um alle Abteilungen unter einem Dach zu vereinen. Hätten wir das nicht gemacht, würden wir nicht die Uhren produzieren, die wir heute herstellen. Eine gute Maschine kostet heute 1 Mio. Schweizer Franken, das ist viel Geld, und man muss bereit sein, dass Geld zu investieren, anstatt es an Aktionäre auszuschütten, damit sie es in einer Garage voller Ferraris anlegen. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich von meinem Vater gelernt habe. Er lehrte mich außerdem, dass man immer genügend Reserven haben muss, um Krisen zu überstehen. Die haben wir ja immer wieder erlebt – und wir werden neue Krisen erleben.

Was wäre denn passiert, wenn Ihre Marke in einer Holding aufgeht? Man kann ja trotzdem noch gute Uhren herstellen.

Dann wäre Patek Philippe heute nichts, da bin ich mir sicher. Nehmen Sie eine Uhr wie die Star Caliber mit ihren 21 Komplikationen, die hat zehn Jahre gedauert, um sie zu entwickeln. Oder unsere Jubiläumsuhr, die Grandmaster Chime, von der es nur sieben Stück gibt und an der wir sieben Jahre gearbeitet haben. Die Energie und das Geld, die nötig waren, hätte niemand innerhalb einer Markengruppe in eine Uhr gesteckt. Niemand. Das ist der Unterschied. Denn auf diesem Prestige, dieser Gründlichkeit bauen wir unsere Zukunft.

Patek-Philippe-Film über die Entstehung der Jubiläumsuhr

Sie sprechen viel von Tradition, Herkunft und Qualität. Das tun inzwischen viele Marken. Wir unterscheidet man sich heute auch als Patek Philippe in diesem Markt, der überfüllt ist von „Manufakturen“?

Das ist einfach. Die einen nutzen es als Werkzeug im Marketing, für uns ist das Family Business. Andere sagen, sie existieren seit 1870, haben aber fünf Jahrzehnte gar keine Uhren hergestellt. Wir müssen das nicht erzählen, wir sind es einfach. Und wir stellen es immer wieder unter Beweis. Herkunft hat nur dann eine Bedeutung, wenn man sie lebt und nutzt. Wir nutzen unsere jahrzehntelange Erfahrung, die Aufzeichnungen in den Archiven, die Techniken der Vergangenheit. Dabei geht es nicht immer nur um Patek Philippe, sondern auch um die Händler, ihren Geist und ihre Tradition – wir können verstehen, wie ein Unternehmen wie Tiffany, das es seit 1837 gibt, tickt.

Kann man diese Werte nicht lernen oder nachahmen?

Sie glauben gar nicht, wie oft Leute aus fremden Personalabteilungen mich gefragt haben: Wie managen Sie Ihre Werte? Wie kann ich die implementieren? Sie denken, sie können uns imitieren. Ich sage denen: Sie können unsere Werte nicht implementieren, denn die kommen aus unserer Familie, aus unserer Erziehung. Das Wort „Herkunft“ ist also nicht nur ein Schlagwort auf einem PR-Papier, es bedeutet hier etwas. Es ist real und konkret. Nicht, weil wir Genies sind. Sondern auch, weil wir Fehler gemacht haben und aus denen gelernt haben, damit wir sie nicht wieder machen. Herkunft ist wie eine Lehre, die jede Generation aufs Neue absolvieren muss.

Wie stellen Sie sicher, dass der Kunde das auch schätzt?

Das ist nicht einfach. Man muss es den Kunden, den Händlern, auf Messen oder anderen Veranstaltungen, wie bei unserer Jubiläumsfeier, immer wieder erzählen. Der Vertrieb ist wichtig, wir müssen eng mit den Händlern zusammenarbeiten und ihnen unsere Werte deutlich machen. Denn der Handel ist es schließlich, der es dem Endkunden erklären muss. Es reicht nicht zu sagen, dass Patek Philippe die besten Uhren macht.

[Seitenwechsel]

Patek Philippe
Patek-Philippe-Manufaktur in Genf

Und was müssen sie sagen?

Es ist ganz einfach: Die Händler verkaufen eine Patek Philippe, weil der Kunde dann nicht wieder kommt. Zumindest nicht, um sich zu beschweren. Sondern nur, um vielleicht eine zweite zu kaufen.

Warum hat Patek Philippe nicht mehr eigene Läden?

Ich bin Uhrmacher, kein Verkäufer. Deshalb ergibt es keinen Sinn, 30 oder 40 Salons aufzumachen. Wir haben drei Salons, mehr nicht. Vielleicht kommt noch mal einer dazu, aber das ist nicht mein Business.

Wie ist das Jubiläumsjahr für Sie insgesamt gelaufen?

Es war ein gutes Jahr. Nicht, weil wir wie verrückt mehr Uhren produziert haben. 2014 haben wir 54.000 Uhren hergestellt. Das ist gar nicht mal viel – aber für uns reicht das. Wir müssen immer vorsichtig sein, wenn wir die Menge ausweiten; zwischen zwei und maximal sieben Prozent Wachstum, mehr nicht – sonst wird es kritisch.

Und was erwarten Sie für 2015? Die Weltwirtschaft ist an vielen Stellen ins Straucheln geraten. Europa schwächelt, in China gibt es Anti-Korruptionsgesetze, das Wachstum in den Schwellenländern nimmt ab...

Wenn ich Sie reden höre, könnte man ja Selbstmord begehen (lacht). Im Ernst: Wir rechnen damit, dass 2015 wieder ein gutes Jahr wird. Die Experten erwarten ja keine globale Krise. Die Menschen haben noch Geld, aber sie überlegen sich gut, wofür sie es ausgeben. Sie investieren in Werte, in Kunst, Antiquitäten, aber auch in Uhren. Außerdem: Auch in einer Krise wird geheiratet, und zu einer Hochzeit schenkt man eine Patek Philippe.

Wie schauen Sie auf den chinesischen Markt?

Viele in unserer Branche haben stark auf China gesetzt, vielleicht zu stark, und die leiden nun. Das war ein Fehler. Als ich gesagt habe, China ist nicht unser Fokus, haben mich viele für verrückt erklärt, auch die ganzen Experten unserer Branche. Wir haben dort nur zwei Salons eröffnet, denn mir war klar: Wenn Chinesen eine Patek kaufen, dann tun sie das im Ausland. Nun sitzen viele Hersteller, die sich für klug hielten, auf ihren 30 oder 40 Läden und müssen sie wieder schließen.

"Wir müssen bodenständig bleiben"

Welcher Markt ist denn in Ihrem Fokus?

Wir haben eine gute Balance. Europa war immer unser Hauptmarkt, dort machen wir 45 Prozent unseres Umsatzes. Auch die USA sind ein alter Markt für uns, dort verkaufen wir seit 1849. Früher machte er 30 Prozent aus und Asien 15 bis 20. Heute hat sich das Verhältnis gedreht, Asien steht für etwa 30 Prozent und die USA für gut 15, der Rest entfällt auf den Nahen Osten.

Ihrer Branche geht es seit Jahren so gut wie selten zuvor. Es scheint fast vergessen, dass sie vor einigen Jahrzehnten noch vor dem Untergang stand, während der so genannten „Quartz-Krise“. Erinnern Sie sich noch daran?

Ich bin Jahrgang 1970, das ist zu lange her, um sie wirklich erlebt zu haben. Aber ich kenne die Geschichten aus den Zeiten, in denen mein Vater in tiefer Sorge war. Als er zur Messe nach Basel fuhr und dort nur einen Tisch mit vier Stühlen hatte und ausstellte. Wer heute bei uns anfängt, denkt, dass Patek Phillipe groß und mächtig ist, er sieht die vielen Büros und Ateliers. Das ist nicht mein Patek, in meinem Kopf sind wir viel kleiner. Wir müssen bodenständig bleiben und dürfen die schwierigen Zeiten nicht vergessen. Das versuche ich den Leuten klarzumachen. Deshalb halte ich, auf Anweisung meines Vaters, immer große Rücklagen, damit wir im Abschwung keine Leute entlassen müssen und ihr Wissen verlieren. Wir haben so viel investiert in diese Menschen, das wäre furchtbar, dieses Know-how zu verlieren.

Der Erfolg Ihrer Branche beruht heute vor allem auf dem Mythos der Manufaktur. Wie erklären Sie sich das? Denn im Grunde ist sie ja ein Anachronismus.

Im Kern geht es um einen Wert, den Sie behalten und bewahren. Sie brauchen kein Update, müssen es nicht aufladen und müssen nicht nach zwei Jahren die neueste Version kaufen. Die Faszination ist ungebrochen, dass Menschen Hunderte Teile zusammenbauen und etwas Mechanisches herstellen könnten, das in alle Ewigkeit funktioniert. Ganz von selbst, ohne Elektrizität oder Batterie. Das Einzige, worum ich bitte, ist, dass Sie alle fünf Jahre das Werk etwas ölen. Das ist das Wunder. Das haben Sie bei einem iPhone nicht, es ist Kunststoff, man muss es ständig aufladen und nach einiger Zeit schmeißen Sie es weg. Insofern ist die Mechanik heute etwas fast Surreales, deshalb zieht sie die Menschen so an.

Und die Leute lieben Dinge, weil sie sich von dem Rest der austauschbaren Geräte unterscheiden...

Ja. Mein elfjähriger Sohn hat mich einmal gefragt: Papi, wo lädst Du Deine Uhr auf? Er konnte sich nicht vorstellen, dass dies nicht nötig ist. Die Schönheit einer Uhr besteht darin, dass jemand vor 100 Jahren eine Vision hatte, die noch heute funktioniert, die man anfassen kann. Und wenn sie doch kaputt ist: Wir können Sie auch heute noch reparieren. Patek Philippe wird für sein Ästhetik und Feinheit geliebt, aber auch für unsere Fähigkeit, dass wir die Uhren aus vergangenen Jahrhunderten reparieren können.

Wer sind auf dem Markt heute Ihre Hauptkonkurrenten?

Das müssen Sie im Grunde die Händler fragen. Es gibt heute viele sehr gute Uhrenhersteller. Aus meiner Sicht würde ich aber nur Rolex nennen. Die sind wie wir, auch wenn sie viel größer sind – sie stellen aber Uhren von konstant hoher Qualität her. Es ist immer machbar, eine sehr gute Uhr zu bauen, wenn Sie viel Geld und Zeit investieren. Dann kann man auch eine bessere Uhr als Patek Philippe bauen und in Basel auf der Messe zeigen und für eine Million verkaufen. Aber dann? Die Kunst ist doch, dies immer wieder zu können, zehn Mal, Hunderte Male, mit dem gleichen Schliff und der Veredelung, das ist wahre Manufaktur. Und das kann auch Rolex, und das beeindruckt mich.

Wenn Sie Ihr Unternehmen einmal weitergeben, was wäre der Rat, den Sie dem Nachfolger auf den Weg mitgeben?

Sei nicht der beste CEO. Sei Teil des Unternehmens. Ich will nicht zwei Stunden alleine in meinem Büro herumsitzen. Und: Das Produkt ist das Wichtigste, der Schlüssel zum Erfolg. 

Viel mehr über Uhren gibt es in unserem Spezial in der neuen Capital mit der Neuauflage des großen Markenrankings Uhrenkompass und einer Reportage über den Mythos Manufaktur - eine Reise ins Herz der Horlogerie.

Hier können Sie sich ab dem 20. November die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


Artikel zum Thema