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Geben Sie der Freiheit eine Chance!

, Maike van den Boom

Freiheit und Vertrauen als Unternehmenswerte haben nur eine Chance: Wenn die Gesellschaft und Sie mitziehen. Von Maike van den Boom

Maike van den Boom Act Different
Maike van den Boom

Capital ist Medienpartner der Konferenz ACT D!FFERENT, die am 21. Mai in Berlin stattfindet. Diese Konferenz für Andersmacher, ist erdacht und anders gemacht vom Econ Verlag in Berlin.
Menschen, die andere Ansichten haben, genießen nicht ausschließlich Bewunderung. Dabei sind viele Erfolge nicht deswegen entstanden, weil sich alle an die üblichen Spielregeln gehalten haben, sondern weil sie jemand gebrochen hat.
Lesen Sie diese Woche vorab einen Gastbeitrag von Maike van den Boom*, die Sie auf der ACT D!FFERENT als Vortragenden persönlich treffen können. 


Ich laufe gedankenversunken durch die Kastanienallee, die den Bonner Hofgarten an beiden Seiten flankiert. Einer der ersten richtig warmen Tage am Jahresanfang. Blumen sprießen unverdrossen in die Höhe. Nicht unbedingt dort, wo die Bonner Stadtgärtner es vorgesehen haben, sondern in Grüppchen weit verstreut um die Stämme der alten Bäume. Sie geben uns endlich das Gefühl, den Winter auch dieses Jahr wieder erfolgreich überwunden zu haben. Wen interessiert es da, wo die Blumen stehen?

Die Bonner Stadtverwaltung schon. Sie schützt ihre Blumen; in ihren Augen. Mich als Spaziergänger und Betrachter aber stört jetzt der Anblick einer lieblosen Gesamtkomposition aus grob in den Boden gerammten Holzpflöcken, an die rot-weiß gestreiftes Absperrband getackert wurde. Einmal rundherum um die wilde Farbenpracht. In zwei Reihen übereinander. Weil da ja jemand aus Versehen drüber laufen könnte. Gut, dass andere schon vorgedacht hat. Dann brauche ich nicht selbst darüber nachzudenken, wohin ich meinen nächsten Schritt setze.

Wie anders muss sich das „Jedermansrecht“ anfühlen, das ich während meiner Reise durch die 13 glücklichsten Länder der Welt in Schweden, Norwegen und Finnland kennenlernen durfte. Hier haben Sie das Recht, die Natur zu genießen und zu nutzen, egal wem der Boden gehört auf dem Sie gerade stehen. Kein Absperrband. Man geht davon aus, dass Sie sich schon angemessen verhalten werden, Ihren Müll mitnehmen und dem Eigentümer nicht zu dicht auf die Pelle rücken. Kurz: Man vertraut auf Ihre Vernunft. Sie werden schon aufpassen, wohin Sie treten.

Die Leute wissen genau wo sie arbeiten

Nicht nur draußen, sondern auch in-house. „In Schweden sagen die Unternehmen  'Die Leute sind ja nicht blöd, die wissen ja schließlich wo sie arbeiten. Die wissen auch, wie sie arbeiten wollen und sie können sich auch gut vorstellen, diese Arbeit effektiver zu machen. Mitarbeiter sind sowieso die beste Quelle für den Erfolg eines Unternehmens. So ist das in Schweden: immer ein neuer Gedanke, flache Hierarchien, alle sollen mitreden können“, so Tilmann Bünz, langjähriger ARD-Skandinavien-Korrespondent, mit dem ich in Stockholm sprach.

Zäune sind unnötig, wenn Menschen selber denken. Und Menschen denken tendenziell selber, wenn es keine Zäune gibt. Die Zaunbretter sind in verschiedenen Farben gestrichen: Hierarchie, Verwaltungsablauf, Abteilungsdenken oder Machtstruktur. Deutsche Unternehmen agieren überwiegend noch immer in diesen klaren, aber leider auch oft verdeckten Strukturen. Das ist eine durchaus effiziente Abschottung in alle Richtungen: Abteilung gegen Abteilung, von oben nach unten, von unten nach oben. Doch Hierarchien sind starr hantiert und stark ausgeprägt, nicht mehr in der Lage die Komplexität, die heutzutage aus dem Markt auf uns einströmt, abzufedern. Hierarchie-Ströme und Entschlussschleifen sind dazu einfach zu lang und langsam.

Wir entwickeln uns mehr und mehr zu Wissensgesellschaften und das Wissens-Potenzial liegt verteilt bei den Mitarbeitern „unten“, ganz nahe am Kunden und Produkt. Doch haben diese Menschen auch die Freiheit, ihr Wissen anzuwenden? Kreative Ideen einzubringen, eigenständig Entscheidungen zu fällen ohne Rücksprache? Wie ist das bei Ihnen im Unternehmen?

„Nur so können wir zusammen besser werden“

Mitarbeiter haben nicht die Kompetenz, Entscheidungen zu fällen? Mag sein. Der Mann oder die Frau an der Spitze haben jedoch auch nicht das umfassende Wissen. Deshalb sind informelle Querverbindungen zwischen Abteilungen und Positionen notwendig, um den Wissensstand zu maximieren. Wie wäre es deshalb, wenn alle auf Augenhöhe miteinander reden? Sich zum Beispiel im Falle einer Reklamation Kundenbetreuer, Produktionskraft und Qualitätsmanager zusammensetzten?

Damit zerfließen die klassischen Grenzen von Job-Description und Abteilungskompetenzen. Im Tausch dafür bekommen Sie motivierte und eigenverantwortlich handelnde Mitarbeiter. Mitarbeiter, die vielleicht einmal anders entscheiden als Sie es tun würden, und auch Fehler machen, um daraus zu lernen. Auf diese Weise sind Menschen in der Lage, ihren Erfahrungshorizont zu erweitern, kreativ zu sein, mitzudenken, sich einzubringen und sich selbst und das Unternehmen weiter zu bringen. Eine solche Haltung erfordert Durchlässigkeit. Es erfordert ein Unternehmen, das sich nach Kompetenzen strukturiert und nicht nach Hierarchien.

Skandinavische Unternehmen haben hiermit bereits gute Erfahrungen. Nicht umsonst führen Finnland, Schweden und Dänemark mit Deutschland die Liste der europäischen Innovationen an. „Wenn ein dänischer Chef sagt: So wird es gemacht, dann fragt immer irgendeiner: Warum? Was wollen wir erreichen? Ich schätze Offenheit, die dazu führt, dass man sich traut nachzufragen. Nur so kann man zusammen noch besser werden“, so Lars Kjeldgaard, Divisonsleiter eines renommierten Ingenieurbüros in Ålborg, Dänemark.

[Seitenwechsel]

Aber auch in Deutschland haben wir bereits positive Erfahrungswerte. So hat Detlef Lohmann, geschäftsführender Gesellschafter des mittelständischen Unternehmens „allsafe JUNGFALK“ unter anderem die Bestellung der Verbrauchsmaterialien jedem Mitarbeiter selbst überlassen. Seitdem sind die Kosten im gesamten Unternehmen um 30 Prozent gesunken. Im Krisenjahr wurden sogar 80 Prozent eingespart ohne verordneten Sparkurs. Die Mitarbeiter haben zum Wohl des Unternehmens selber mitgedacht.

Nicht jedes Unternehmen ist so innovativ und mutig, die Verantwortung als Ganzes an ihre Mitarbeiter zu delegieren. So lange das noch so ist, agieren Sie in Unternehmen mit Strukturen. Doch auch dort haben Sie die Möglichkeit, als Subeinheit Freiheiten zu gewähren. Möglichkeiten zu schaffen, Freiheit zu nutzen.

Jedoch hat nicht jeder die Fähigkeit, diese zu nutzen. Menschen in den skandinavischen Ländern lernen von Kindesbeinen an projekt- und lösungsorientiertes Denken und wachsen damit in den Unternehmen weiter auf. Finnland hat sich Anfang April dazu entschlossen Schulfächer komplett abzuschaffen und ab 2020 nur noch themenbezogenen zu unterrichten.

Deutschland hinkt auf diesem Gebiet hinterher. Das mag an der Größe des Landes liegen, das gegenüber seinen wendigen, kleinen Nachbarn wie ein träger Tanker agiert. Das liegt aber sicherlich auch in der deutschen Mentalität begründet, dem starken Bedürfnis nach Sicherheit, den Vorbehalten gegenüber Neuem und der Autoritätshörigkeit. Diese Mentalität nehmen wir täglich in unserer Tasche mit zur Arbeit. Ihre Mitarbeiter und – Sie. In wie weit nutzen Sie selber schon Ihre persönliche Freiheit? Wo hängen Ihre inneren Absperrbänder?

Immer geradeaus?

BWL-Studium und nach ein paar Jahren in der freien Wirtschaft ein Straßenrestaurant eröffnen? Mit 50 keine Lust mehr Richter zu sein und stattdessen eine Hütte am See kaufen und von nun an Schnee schieben für andere? Kein Problem. In Kanada, Schweden oder Dänemark. Es geht, weil diese Menschen frei denken und dafür die Verantwortung übernehmen. Es geht, weil die Gesellschaft und die Unternehmen dies akzeptieren. Weil Erfolg in diesen Ländern bedeutet, das Beste aus dir selbst zu machen, egal ob das Bankkonto davon profitiert oder nicht. Es geht, weil Freiheit in diesem Land mehr zählt als Sicherheit. Es funktioniert, weil jeder hier so denkt.

Haben Sie selber gelernt persönlich frei zu agieren? Es sind nämlich nicht nur die Unternehmensstrukturen, die unseren Wirkungsraum begrenzen. Es ist auch unsere persönliche Unfähigkeit, Freiheiten für uns selbst zu erschaffen und zu nutzen. Wir übernehmen in Bezug auf unser Leben selten bis zur letzten Konsequenz das Ruder in die Hand. Die Liste der brillanten Ausreden ist lang: Teilzeit ist im Unternehmen nicht möglich, die Renten sind unsicher und sowieso ist die Politik an allem Schuld. Vielleicht wenn das Haus abbezahlt ist oder die Kinder aus dem Haus sind.

Lieber kriechen wir die vertraute Karriereleiter weiter hoch, übernehmen Führungspositionen, die uns gar nicht liegen, anstatt noch einmal komplett die Richtung zu ändern und etwas zu tun, was unseren Talenten und Vorlieben entspricht. Wie versuchen das Beste aus uns zu machen und kennen dabei nur eine Richtung: Immer geradeaus.

Warum nicht öfter die Richtung ändern?

Was Sie gewinnen

Freiräume befähigen Sie und Ihre Mitarbeiter dazu, ihren Job nach Interessen und Talenten zu gestalten. Was erfordert das von Ihnen? Vertrauen und Fehlertoleranz. Was erhalten Sie? Eine sinnvolle Arbeitsumgebung und glückliche Mitarbeiter. Denn Freiheit und Vertrauen scheint einer der Hauptfaktoren für Glück zu sein, so Professor Christian Bjørnskov von der School for Business der Universität Århus in Dänemark. Seine Aussage findet vor Ort Bestätigung: „Die besten Mitarbeiter arbeiten da, wo sie glücklich sind. Und wir versuchen wirklich, nur die Besten zu haben. Gehalt ist nur ein Aspekt, viel wichtiger ist es, wie wir uns verhalten. Wir respektieren einander für das, was wir tun nicht wegen einer Position im Unternehmen.“, so Kjeldgaard. Am glücklichsten ist der Mensch dann, wenn er die Freiheit hat, selbstständig zu handeln und sein Potenzial maximal zu nutzen. Und damit nutzt er auch seinem Unternehmen am meisten.

Denn glückliche Mitarbeiter sind engagiert und kreativ. Nach einer Umfrage des Unternehmens Stepstone unter mehr als 14.800 Unternehmen und Arbeitnehmern werden sie gerade deshalb wertgeschätzt. 83,4 Prozent der Arbeitgeber nannten als weiteren Vorteil glücklicher Mitarbeiter „höhere Gewinne“. Schenken Sie also Freiheit und Vertrauen, so steigern Sie zugleich Ihren Gewinn und das Glück Ihrer Mitarbeiter. Warum sollten Sie auf diese Win-win-Situation verzichten?

Individuum, Unternehmen und Gesellschaft sollten in ihrer Mentalität ineinander greifen. Nur dann verstärken sie sich. Wenn Sie Veränderung wünschen, dann fangen Sie am besten ganz bodenständig an. Bei sich selbst. Wie frei verhalten Sie sich persönlich? Wie viel Vertrauen schenken Sie anderen? Gehen Sie als gutes Beispiel voran: Steigen Sie über Ihre eigenen Absperrbänder im Kopf. Wenn Sie es nicht tun, warum sollte es jemand anderes tun? Freiheit beginnt in Ihrem eigenen Kopf. 

 

Maike van den Boom ist Autorin und Vortragsrednerin. Die Halbholländerin hat Kunsttherapie studiert und in zahlreichen Managementjobs in den Niederlanden und Deutschland gearbeitet. In Kürze erscheint von ihr das Buch „Wo geht’s denn hier zum Glück“


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