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  • Gastkommentar

Bankenvirus aus Übersee

, Fabian Lindner

Die Banken machen weiter wie gehabt. Dabei haben sie die Schuldenkrise ausgelöst – und die Krisenländer in den Ruin getrieben. Von Fabian Lindner

Frankfurts Skyline mit Bankenhochhäusern
Banken-Hochhäuser in Frankfurt: Die Schuldenkrise war in erster Linie eine Bankenkrise, meint Fabian Lindner

Fabian Lindner ist Leiter des Referats Allgemeine Wirtschaftspolitik des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung. Er schreibt regelmäßig für den Blog Herdentrieb auf Zeit Online Fabian Lindner ist Leiter des Referats Allgemeine Wirtschaftspolitik des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung. Er schreibt regelmäßig für den Blog Herdentrieb auf Zeit Online 


Für die Bundesregierung und besonders für Finanzminister Wolfgang Schäuble ist die Sache klar: Die Griechen sind selbst schuld an ihrer Krise. Deutschland hat damit nichts zu tun, sondern weist nur auf das Offensichtliche hin: Wer keine Schulden macht, kommt in keine Schuldenkrise; und wer überschuldet ist, muss sparen. Das ist eine schöne, weil bequeme Geschichte. Nur: Die Realität ist ein wenig komplizierter.

Um das zu verstehen, muss man etwas in der Zeit zurückgehen und sich an das Finanzkrisenjahr 2009 erinnern. Damals waren nicht die angeblich so gierigen Griechen, sondern die gierigen deutschen Banken und ihre riesigen Verluste im Fokus von Öffentlichkeit und Politik. Durch Fehlspekulationen auf dem US-Immobilienmarkt stand ein Großteil des deutschen Bankensystems vor dem Kollaps: Commerzbank und Hypo Real Estate wurden verstaatlicht, einige Landesbanken wurden geschlossen, ein großer Bankenrettungsfonds – der Soffin – wurde aufgelegt, und die Bundesregierung sprach großzügige Garantien für Bankenschulden aus. Zur Rettung der Banken erhöhte die Regierung ohne mit der Wimper zu zucken die Staatsschulden um 305 Mrd. Euro – ganze elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts!

Damals wurde allerdings kaum öffentlich diskutiert, dass deutsche Banken nicht nur in den USA großzügig und wenig risikobewusst Kredite vergeben hatten, sondern auch in den späteren Eurokrisenländern Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien. Als dann die US-Krise einschlug und die Banken schnell viel Geld brauchten, fingen sie damit an, den Staaten und den Banken der europäischen Peripherieländer die vorher so großzügig gewährten Kredite zu kündigen.

US-Krise schwappte nach Europa über

Plötzlich konnten sich Banken in den Krisenländern nicht mehr refinanzieren. Sie mussten selbst ihre Kredite an inländische Gläubiger – private Häuslebauer, Unternehmen, den Staat – kündigen. Die Zinsen stiegen und die Länder schlitterten in die Rezession. So trugen die deutschen Banken den Subprime-Virus aus Übersee nach Europa und infizierten die Krisenländer. Die US-Krise wurde zuerst zur Griechenland- und dann zur Eurokrise.

Erst als die Banken den Kredithahn kappten, fiel überhaupt auf, dass die Südländer vorher so stark auf Pump gelebt hatten. In Deutschland hatte man das vorher geflissentlich übersehen. Denn vom Schlendrian der Südländer hatten bis zur Krise sowohl deutsche Banken als auch Unternehmen kräftig profitiert: Die Banken verdienten Zinsen auf das geliehene Geld und die Unternehmen freuten sich, dass die Südländer dieses Geld für deutsche Waren ausgaben.

Man mag das Schuldenmachen der Südländer beklagen – aber die Schulden konnten sie eben nur machen, weil ihnen jemand auch die Kredite gab. Als die Krise aus den USA nach Europa schwappte, waren aber plötzlich nicht mehr die Banken mit ihrer desaströsen Kreditvergabepraxis im Mittelpunkt des Interesses, sondern die angeblich überbordenden (Sozial-)Staaten der Südländer. Über das Engagement deutscher Banken in den Krisenländern wird bis heute wenig geredet – kein Wunder, denn bevor sie schlagzeilenträchtig Verluste machten, sprang wieder die öffentliche Hand zur Rettung ein.

Banken wurden vor sich selbst gerettet

So haben die unter harten Sparauflagen vergebenen Rettungskredite von Troika und EZB vor allem die Kreditrückzahlung an die Gläubiger in Deutschland und anderswo finanziert. Ohne das frische Geld aus öffentlicher Hand hätten die Länder ihre Schulden nicht begleichen können – und die deutschen Banken wären wieder in der Krise. Wie 2009 wurden die Banken vor sich selbst gerettet. In den Krisenländern aber fiel die Wirtschaftsleistung wie seit der Großen Depression der 1930er- Jahre nicht mehr und die Arbeitslosigkeit stieg.

Neu ist das alles nicht. Schon in der Lateinamerikakrise der 1980er-Jahre und der Asienkrise in den späten 1990er-Jahren konnte man das gleiche Schema beobachten: In den 1970er-Jahren hatten die US-Banken viel Geld nach Lateinamerika verliehen. Durch den Bankrott Mexikos 1982 unter Druck geraten kürzten sie plötzlich auch die Kredite an andere Schuldner, vor allem Argentinien und Brasilien. Die Krise Mexikos wurde zur Krise Lateinamerikas. Als 1997 Thailand in Schwierigkeiten geriet, waren es die japanischen Banken, die den Virus an ihre anderen Schuldner Indonesien, Südkorea und Thailand weitertrugen. Die Krise Thailands wurde zur Asienkrise.

Was allen Fällen gemein war: Immer hatten von den Fesseln der Regulierung befreite Banken im Überschwang zu viele Kredite gegeben, immer war die Kreditblase geplatzt und immer musste die Bevölkerung durch Austeritätsprogramme den Verlust ihrer Arbeitsplätze bezahlen.

Banken müssen radikal verkleinert werden

Gewinner waren vor allem die großen international tätigen Banken. Zwar sind immer einige Banken in die Pleite gerutscht, das hat aber vor allem die großen Banken gestärkt. In der Lateinamerika-, der Asien-, der US- und heute der Eurokrise sind die großen Banken übrig geblieben und noch größer geworden. Mit ihrer gewachsenen ökonomischen Macht konnten sie substanziell schärfere Regulierungen weitestgehend abwenden, erneut Kredite vergeben, hohe Gewinne einstreichen und sich beim nächsten Mal wieder als „too big to fail“ hinstellen, um von den Staaten gerettet werden.

Ein bisschen höheres Eigenkapital, ein wenig mehr Liquidität allein wird nicht reichen, um die Banken zu zähmen. Sie müssen radikal verkleinert werden, damit ihre ökonomische und damit auch politische Macht verringert wird. Dafür müsste die Eurokrise aber als das betrachtet werden, was sie ist – eine Banken- und Finanzmarktkrise, keine Staatsschuldenkrise. Aber wer meint, Griechenland sei für seine Krise selbst verantwortlich, muss sich mit der Rolle der Banken natürlich nicht auseinandersetzen. Die dürften also weitermachen wie gewohnt.


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