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  • Reportage

Gegen den Strom

, Thomas Steinmann

Für die Energiewende werden neue Stromtrassen gebraucht. Doch Bürger und Ministerpräsidenten kämpfen gegen die Masten. Lassen sich solche Großprojekte überhaupt noch umsetzen?

SüdLink-Trassenverlauf
Mithilfe von Bürgerhinweisen haben die Tennet-Planer Alternativen für einzelne Trassenabschnitte entwickelt. In der Region Hannover sind es mehr als zehn

Manchmal kann Thomas Wagner die neue Stromtrasse schon sehen, obwohl es sie noch gar nicht gibt. Wagner sitzt im Mietwagen, hinter Hannover geht es auf der Bundesstraße Richtung Süden. Mitten auf der Strecke, kurz nach dem Örtchen Pattensen, zeigt er aus dem Fahrerfenster. Dort drüben soll die Leitung entlangführen, sagt Wagner: von der A7 kommend gerade Richtung Westen, rüber über die Leine, bevor sie dann nach Süden abknickt – mit 500.000 Volt Spannung und 70 Meter hohen Mastungetümen, doppelt so hoch wie die bestehende Überlandleitung. „Monstertrasse“ nennen sie die geplante Verbindung hier in den Dörfern.

Das Monster ist auch Wagners Monster. Der 31-jährige Politikwissenschaftler arbeitet für den Netzbetreiber Tennet, einen niederländischen Staatskonzern, der bis zum Jahr 2022 die Südlink-Leitung bauen soll: eine 700 Kilometer lange Stromautobahn von Wilster bei Hamburg bis nach Grafenrheinfeld in Unterfranken. „Referent für Beteiligung“ steht in Wagners E-Mail-Signatur.

Seitdem er vor zwei Jahren bei Tennet angefangen hat, vermittelt er in einem Konflikt, der überall im Land der Energiewende tobt: Alle wollen den Atomausstieg. Aber niemand will Windräder oder neue Stromtrassen vor der Haustüre haben.

Bis Anfang des nächsten Jahrzehnts sollen drei gigantische Gleichstromleitungen entstehen. Sie sollen große Mengen Elektrizität aus dem windreichen Norden nach Süden bringen, um dort die Abschaltung der Atommeiler auszugleichen. Ohne Netzausbau werde die Energiewende scheitern, warnen Politiker. Doch je klarer sich abzeichnet, wo die Trassen entlangführen werden, desto stärker wird der Widerstand.

In Franken, in der Rhön, im Weserbergland – überall kämpfen Bürger gegen Masten, Magnetfelder und den Wertverlust ihrer Grundstücke. Selbst Bayerns Regierungschef Horst Seehofer ist jetzt Trassengegner, obwohl er das Gesetz, das den Bedarf für die Stromautobahnen festlegt, 2013 mit verabschiedet hat. Es droht ein harter Kampf um die Leitungen. Einer, der sich über Jahre hinziehen könnte.

Der Netzbetreiber Tennet setzt darum auf: Deeskalation – und zwar so früh wie möglich. Thomas Wagner, der freundliche Mann mit Vollbart, Chucks und bayerischem Akzent, ist ein Schlichter in diesem Trassenkampf. Er soll Konflikte mit Bürgern und Kommunen aus dem Weg räumen, damit Tennet das mindestens 2 Mrd. Euro teure Südlink-Projekt schneller planen und bauen kann.

Thomas Wagber
Tennet-Mitarbeiter Thomas Wagner (2. v. l.) soll Konflikte um neue Stromleitungen entschärfen. Auf „Infomärkten“ diskutiert er mit Bürgern über die Südlink-Trasse

„Es nützt nichts, wenn wir uns mit jedem Grundstückseigentümer vor Gericht streiten“, sagt Wagner. Fast täglich ist er unterwegs, spricht auf Veranstaltungen von Bürgerinitiativen und diskutiert mit Lokalpolitikern über den Trassenverlauf. Die Leute sollen sich fair behandelt fühlen, sagt Wagner. „Man muss verstehen, wenn sich jemand aufregt, dass in seiner direkten Umgebung eine Stromleitung gebaut werden soll.“

Seit der Eskalation im Streit um Stuttgart 21 gilt Bürgerbeteiligung als letzte Chance, große Infrastrukturprojekte noch im Konsens mit der Bevölkerung umzusetzen. Südlink ist der Praxistest, ob das funktioniert. Nur müssen die Monstermasten am Ende natürlich trotzdem irgendwo gebaut werden.

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Vorbild Niederlande

Wagner lenkt seinen Wagen auf den Parkplatz vor einer Schule in Salzhemmendorf, einem Flecken zwischen Hildesheim und Hameln. Auch hier ist die Aufregung groß, seitdem Tennet im Februar 2014 einen Vorschlag für den Trassenverlauf von Wilster nach Grafenrheinfeld präsentierte: Die Leitung tauchte in Salzhemmendorf als Strich durch den Ort auf, so wie in allen betroffenen Kommunen. Der Gemeinderat protestierte in einer Resolution gegen den Westschwenk der Trasse weg von der A7, eine Bürgerinitiative wurde gegründet.

Wagner ist hier wegen des „Dialogprozesses“, wie sie bei Tennet sagen: Die Bürger sollen zu Mitplanern werden – schon bevor das Genehmigungsverfahren beginnt. Bei einem Trassenprojekt in den Niederlanden hat das funktioniert. Dort verzichteten alle auf Klagen.

Entlang des Südlink-Korridors gab es darum im Frühjahr zwei Dutzend „Infomärkte“, bei denen die Besucher vor Hindernissen für die Leitung in ihren Orten warnen und alternative Trassen auf Karten malen konnten. Auf insgesamt 500 Südlink-Veranstaltungen sammelte Tennet 3300 Rückmeldungen aus der Bevölkerung und von Kommunen ein: Trassenvorschläge, Fragen zu Gesundheitsgefahren, Zweifel am Sinn des Netzausbaus, auch Beschimpfungen. Aus den vernünftigen Vorschlägen entwickelten die Planer bei Tennet im Sommer 98 Alternativen für einzelne Trassenabschnitte, die nun alle von der Bundesnetzagentur geprüft werden.

Stromtrassenprotest
Stumm, nicht lautstark protestieren Bürger auf den Tennet-Veranstaltungen gegen die Trassenpläne (Foto: Michael Löwa)

Auch viele Salzhemmendorfer reichten auf den Infomärkten Hinweise ein, dass die Tennet-Planer an ihren Schreibtischen in Bayreuth wichtige Gründe gegen die Leitung in ihrem Ort übersehen hätten: das Naturschutzgebiet Ith um die Ecke, ein altes Bergbaurevier mit unbekannten Stollen, den Tourismus. Nun wollen sie von Wagner wissen, was aus ihren Einwänden geworden ist.

Die Aula der Schule ist proppenvoll, einige Zuhörer aus der Generation 60plus sind Dauergäste auf den Südlink-Terminen. Aber niemand hat Plakate oder Trillerpfeifen dabei – anders als auf den Großveranstaltungen des Netzbetreibers Amprion für eine noch umstrittenere Megatrasse durch Bayern, die im Winter völlig aus dem Ruder liefen. Nur als der Bürgermeister sagt, man wolle nicht über den grundsätzlichen Bedarf für Südlink sprechen, weil dieser eben im Gesetz stehe, geht ein lautes Murmeln durch den Saal.

Viele hier beschäftigen genau solche Fragen: Warum wird die neue Trasse überhaupt gebraucht? Warum soll die Leitung quer durch Niedersachsen führen, wenn die Bayern sie doch gar nicht haben wollen? Warum kann man die Kabel nicht in die Erde legen? Es sind Fragen, die sich an „die große Politik“ richten, wie sie hier sagen. Aber Berlin und München sind weit weg von Salzhemmendorf.

Wagner hat seinen Standardvortrag dabei. Bei Fragen schreibt er aufmerksam mit, äußert Verständnis, lächelt. Auch wenn sich die Leute einmal von ihren Emotionen packen lassen, bleibt er ruhig. Der Bürgerbeauftragte sei für Tennet „eine wunderbare Frontsau“, sagt einer, der auf vielen Veranstaltungen war. „Der steckt ein ohne Ende, aber geht abends entspannt nach Hause.“

Als Wagner mit seinem Vortrag fertig ist, sagt Clemens Pommerening, der Bürgermeister: Man werde „vehement“ darauf achten, dass Tennet die Einwände berücksichtige. „Wahrscheinlich will keiner die Leitung haben.“ Aber es gebe „viele Argumente, wo wir sagen: Unseres Erachtens geht das bei uns nicht.“

Dann ist ein Vertreter der Nachbargemeinde Coppenbrügge dran, ein Landschaftsplaner, munitioniert mit einer Powerpointfolie. Als Tennet Ende September seine alternativen Trassenkorridore publizierte, gab es auf der Karte plötzlich auch einen Strich an Salzhemmendorf vorbei – dafür aber durch Coppenbrügge. Dort sind sie nun wütend, weil sie glauben, dass die Nachbarn dabei ihre Finger im Spiel hatten.

Auch das ist die Folge davon, dass Tennet die Bürger so früh beteiligt: Das Verfahren produziert zunächst sogar mehr Unmut.

Mit den 98 alternativen Trassenabschnitten addiert sich die Gesamtstrecke, die der Netzbetreiber in seinem Antrag aufführt, auf 2400 Kilometer. Sie ist mehr als dreimal so lang wie der Korridor vom Februar. Das heißt auch, dass dreimal so viele Menschen alarmiert sind. Erst 2016 oder 2017 werden sie wissen, wo die Trasse tatsächlich entlangführt.

Seitdem die neue Variante in der Welt ist, haben auch die Coppenbrügger nach Hindernissen für die Leitung gesucht. Der Landschaftsplaner zeigt nun eine Karte voll mit „Konflikten“: Ränder zweier Siedlungen, die so nah beieinanderliegen, dass der Mindestabstand zur Wohnbebauung verletzt würde. Projektierte Windräder. Ein Startplatz für Ballons, der Flugplatz Bisperode. Und Nahrungsbiotope für geschützte Vogelarten wie Rotmilan, Uhu und Schwarzstorch.

Später, in der Fragerunde, wird ein Kreistagsabgeordneter aufstehen und sagen: Das Grundproblem des gesamten Beteiligungsverfahrens sei, dass niemand wisse, wie Tennet auf seinen Vorzugskorridor gekommen sei. „Bei den Infoveranstaltungen geht es jetzt nur noch darum, ob die Trasse 500 Meter weiter rechts oder zwei Kilometer weiter links verläuft. Das heißt, wir verschieben die Betroffenheiten hin und her.“

Am Ende geht es nur darum, ob die Salzhemmendorfer Pech haben oder die Coppenbrügger.

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Beten zu Sankt Florian

Tennet-Geschäftsführer, Lex Hartman, empfängt in seinem Hauptstadtbüro, Dreitagebart, offenes Hemd. Hinter Hartmans Schreibtisch hängt ein großes Bild: Strommasten auf einem Feld vor blauem Himmel. In Deutschland gebe es nur wenige Menschen, die Masten lieben, und die arbeiteten alle bei den Netzbetreibern, sagt er. „Was wir mit dem Dialog nicht erreichen können und wollen, ist, dass mehr Menschen Masten lieben.“

Natürlich weiß der Manager, dass die Bürger immer Argumente finden, warum die Leitungen nicht bei ihnen vor der Tür entlangführen können, bisweilen auch recht schräge. In Deutschland hat der Niederländer das Wort „Sankt-Florians-Prinzip“ gelernt – man kann es am besten mit dem alten Spottvers zusammenfassen: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus! Zünd andre an!“

Südlink-Trassenverlauf

Den Versuch, die Leute in der Sache zu überzeugen, will Hartman auch gar nicht erst unternehmen: „Für die Energiewende werben muss die Politik.“ Stattdessen geht es Hartman darum, dass alle die Gelegenheit haben, sich zu informieren und ihre Interessen einzubringen. Und dass alle dann die Entscheidung für die bestmögliche Trasse akzeptieren – auch wenn sie sie nicht gut finden.

Um die Eignung verschiedener Korridore vergleichen zu können, haben Hartmans Planer einen Kriterienkatalog abgearbeitet. In komplexen Grafiken rechnen sie nun die Vergleichswerte vor: für „Raumwiderstände“ wie Wohnbebauung und Naturschutzgebiete, „Bündelungsoptionen“ mit Autobahnen und bestehenden Trassen, Flächenverbrauch. „Wir sagen den Leuten immer: Schauen Sie sich die gesetzlich vorgegebenen Kriterien an“, sagt Hartman.

In einem Berliner Konferenzraum klingt das ziemlich vernünftig. Aber entlang der Trassen, wo Emotionen und Misstrauen regieren, hat es die Vernunft schwer. In Salzhemmendorf nennen sie die Karte, die die Präferenz für den sogenannten Mitte-West-Korridor untermauern soll, „Trittin-Karte“. Sie glauben, dass wichtige Bundespolitiker mit Wahlkreis in Niedersachsen Einfluss auf den Verlauf genommen haben.

„Das Problem ist, dass viele Bürger trotz der öffentlichen Diskussion über den Netzausbau unseren Trassenvorschlag als plötzlich empfunden haben“, sagt Wagner. Hartman sagt, man habe nun mal eine „Gesprächsgrundlage“ benötigt, um „nicht ins Blaue hinein zu diskutieren“.

Seit 15 Jahren hat es in Deutschland keine großen Leitungsbauprojekte gegeben. Nun werden die Abschaltung der Atomkraftwerke und die immer größeren Mengen an Ökostrom, die in die Verbrauchszentren transportiert werden müssen, zu einem Stresstest für das veraltete Netz. Nach 2022 müssen Bayern, Baden-Württemberg und Hessen rund 30 Prozent ihres Bedarfs an Elektrizität importieren. Dafür wird ein windreiches Land wie Schleswig-Holstein viel mehr Ökostrom produzieren, als es verbrauchen kann. Falls die Nord-Süd-Leitungen zur Entlastung von Netzengpässen nicht kommen, erwarten EU-Kommission und Netzbetreiber eine Teilung des deutschen Strommarkts – mit niedrigen Preisen im Norden und hohen im Süden.

Dennoch verhaken sich Bund und Länder bei der Energiewende im Klein-Klein, kämpft jeder nur für die eigenen Interessen. An diesem Oktobertag kann Lex Hartman lesen, dass Horst Seehofer noch einmal nachgelegt hat: Die Netzbetreiber seien „Kapitalsammelstellen“, denen es nur um „Profitgier“ gehe. Statt neuer Trassen will Seehofer lieber neue, derzeit unrentable Gaskraftwerke – subventioniert von den Verbrauchern.

Hartman muss nun aufpassen, dass er nicht laut wird. „Wir haben doch nicht den Finger gehoben und gesagt: Wir wollen jetzt mal Südlink bauen. Das ist ein gesetzlicher Auftrag“, sagt er. „Wir haben keinen Mangel an Projekten, aber die Leitung ist wesentlich für die Versorgung Bayerns.“ Tennet ist eines der vier Unternehmen, die Deutschlands Stromautobahnen betreiben. Sein Versorgungsgebiet zieht sich diagonal durch das Land, von der Nordsee zu den Alpen. Also muss die Firma auch den Südlink-Bau stemmen. Für Investitionen ins Netz bekommt sie eine staatlich garantierte Rendite.

Und was bedeuten Seehofers Vorwürfe für den Bürgerdialog? Hartman denkt kurz nach. Dann sagt er: „Dass diese Diskussion nicht akzeptanzfördernd ist, ist doch klar.“

Einige Tage später, Tennet hat zum Infomarkt ins Kongresszentrum nach Hannover eingeladen. Wo sonst Parteitage stattfinden, haben Mitarbeiter Infotafeln aufgestellt und auf einem halben Dutzend Tischen Karten mit bunten Strichen ausgelegt. Die Striche sind die alternativen Trassenteilstücke, die Tennet nach der ersten Informationsrunde im Frühjahr entwickelt hat und nun entlang des Korridors vorstellt. Im Raum Hannover sind es mehr als zehn.

Schon zehn Minuten vor Beginn strömen die Leute in den Saal und lassen sich die Trassenvorschläge erklären. Einige finden die Striche wieder, die sie im Frühjahr gemalt haben. Die Stimmung ist ernst, aber nicht aggressiv. Draußen vor der Tür steht eine Handvoll Mitglieder der Bürgerinitiative aus Jeinsen, einem Dorf nicht weit von Salzhemmendorf. Auf ihr Plakat haben sie nicht „Weg mit der Monstertrasse“ geschrieben, sondern „Pro Erdkabel“.

An vielen Orten könnten Erdkabel ein Kompromiss sein, ein Signal, dass die Belastung durch die Trasse so gering wie möglich sein soll. Südlink ist eines der ersten Projekte, bei denen eine teilweise Verlegung der Leitung unter die Erde per Gesetz möglich und auch technisch gut umsetzbar ist. Allerdings lässt die Rechtslage Erdkabel nur in engen Grenzen zu – nicht zuletzt, weil ein Kilometer 6 bis 10 Mio. Euro kostet statt 1,4 Mio. Euro bei der Freileitung. Zahlen müssten die Stromkunden über die Netzentgelte.

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„Planung im Arsch“

In der Halle beugt sich Thomas Wagner am Tisch „Hannover Ost“ über die Karten. Neben ihm steht Ulrich von Rautenkranz, einen Aktenordner unter dem Arm. Rautenkranz hat einen landwirtschaftlichen Betrieb und ein Planungsbüro im Örtchen Kirchhorst, nordöstlich von Hannover. Sollte die Trasse südlich von Verden nach Osten abknicken und einen Halbkreis um Hannover ziehen, wie Tennet vorgeschlagen hat, würde sie seine Flächen auf bis zu zwei Kilometern Länge zerschneiden. Zusätzlich zu der 380-Kilovolt-Leitung, die schon heute in der Nähe seines Wohnhauses entlangführt.

Wie viele im Saal glaubt Rautenkranz, dass der Trassenverlauf längst feststeht. Den Bürgerdialog hält er für eine Möglichkeit, Anwohner als „billiges Planungsbüro“ zu nutzen, die Alternativrouten für „Appeasement“. Wagner schüttelt den Kopf. „Das ist so nicht richtig“, sagt er, jeder Teilkorridor werde im Antragsverfahren „in der gleichen Detailtiefe“ untersucht. Rautenkranz setzt nach: „Und warum gehen Sie nicht bei Verden gerade runter?“ Wagner bleibt ruhig, wiederholt: Alle Korridore würden gleichrangig untersucht.

Rautenkranz
Ulrich von Rautenkranz hat sich in den Netzausbau eingearbeitet, viele Tennet-Termine besucht und Briefe geschrieben. Er überlegt, später gegen die Trasse zu klagen

„Man erfährt von den Leuten einfach nicht, welchen Verlauf sie präferieren“, sagt Rautenkranz später. Er vermutet, dass Tennet die Trasse durch den Ballungsraum Hannover führen will, um östlich der Stadt wichtige Netzknotenpunkte wie das Umspannwerk Ahlten und das Atomkraftwerk Grohnde anzusteuern – statt im Westen durch dünn besiedeltes Gebiet zu gehen. Damit würde der Netzbetreiber die Option wahren, auf der als Direktverbindung geplanten Gleichstromleitung später einmal Abzweigungen einzurichten, wenn dies technisch möglich ist. „Dagegen habe ich nichts“, sagt Rautenkranz. „Aber dann sollen sie die Wahrheit sagen.“

Wagner und seine 25 Kollegen aus dem Südlink-Team haben es an diesem Tag schwer. Immer wieder fragen die Leute, ob es eine Vorfestlegung für die Trasse gibt. Immer wieder kommen sie mit Seehofer. Wenn die Bayern die Leitung für verzichtbar halten, „dann ist doch die Planung im Arsch“, sagt einer.

„Ich bin kein Berufsempörer“, sagt Rautenkranz, ein Mann, der für die FDP Kommunalpolitik macht. Er sei auch kein „Totalverweigerer“ des Stromtransfers von Norden nach Süden. „Ich bin für die Energiewende, selbst wenn sie uns belastet.“

Aber Rautenkranz sieht auch, dass die Energiewende „desaströs umgesetzt“ wird, dass die Ökostromförderung längst ein „volkswirtschaftlicher Wahnsinn“ ist. Tennet sei ja nur „Erfüllungsgehilfe des Staates“, sagt er. Für den „Hauptschuldigen“ hält er die Politik, die den Netzausbau „durchprügeln“ wolle, statt das Geld in Speichertechnologien und eine dezentrale Stromversorgung zu stecken. „Was hier passiert, ist Stuttgart 21 – nur dass die Leute noch nicht auf der Straße sind.“

Misstrauen bei den Bürgern

Bei seinem Termin in Salzhemmendorf erlebt auch Wagner, was Bürger ihren Volksvertretern alles zutrauen. In der Fragerunde meldet sich ein Mann aus Grohnde, weiße Haare, Weste, seit 33 Jahren in der Lokalpolitik. Die zentrale Frage sei doch, warum Tennet dem Westschwenk durch das Weserbergland den Vorzug vor anderen Routen gegeben habe, sagt er. Dabei sei der Verlauf entlang der Autobahn doch viel kürzer.

Seine Erklärung liefert er mit: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel hätten Einfluss auf den Verlauf genommen, um die Trasse von ihren Wohnorten die A7 herunter fernzuhalten. Dafür gibt es Applaus und Bravo-Rufe, die lautesten des Abends.

Ärger über die Energiewende, über die Politik allgemein, über die Politiker im Besonderen – auf den Südlink-Veranstaltungen wird deutlich, dass es längst nicht nur um eine Stromleitung geht. Es geht um ein tiefes Misstrauen zwischen Bürgern und dem Staat. Dagegen können auch noch so viele Infomärkte und Kriterienkataloge nichts ausrichten – erst recht, solange Bund und Länder bei der Energiewende selbst nach dem Sankt-Florians-Prinzip handeln.

Auch die Bürgerbeteiligung wird Verlierer und Enttäuschte hervorbringen, denn irgendwo müssen die Monstermasten hin. Eine Eskalation wie bei Stuttgart 21 verhindern kann das Verfahren nur, wenn jeder zu den Verlierern zählen kann, selbst Minister und Fraktionschefs.

Tennets bevorzugter Trassenkorridor übrigens – dessen Route Politiker aus Berlin ja angeblich beeinflusst haben – verläuft in der Nähe des Wohnhauses von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Fotos: Michael Löwa

Der Beitrag erschien zuerst in Capital 12/2014. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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