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Aixtron - Chinas Staatsstreich

, Georg Fahrion

Der angeschlagene deutsche Mitteltändler Aixtron hat einen Käufer aus China gefunden. Doch hinter dem Deal steckt der Staat. Jetzt bremst die Bundesregierung.

Produktionshalle von Aixtron © Aixtron
Produktionshalle von Aixtron: China ist an deutscher Technologie interessiert

Die Übernahme des deutschen Chipanlagenbauers Aixtron durch den chinesischen Investor FGC schien bereits in trockenen Tüchern. Doch jetzt stellt sich überraschend das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) quer und wiederrief eine bereits erteilte Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Deal. Zudem wurde unlängst bekannt, dass das BMWi deutsche Hightech-Unternehmen besser vor ausländischen Käufern abschirmen will, wenn dahinter etwa ein Staat steckt. Das ist auch beim Aixtron-Interessenten FGC der Fall, wie diese Recherche aus der Capital (9/2016) belegt.


Am 9. Dezember 2015 brach das Desaster über Aixtron herein. Der Mittelständler aus Herzogenrath bei Aachen baut Ausrüstungsgüter für die Halbleiterindustrie. Seinem wichtigen Kunden San’an Optoelectronics hatte Aixtron drei von 50 bestellten Anlagen ausgeliefert – doch der chinesische LED- und Chiphersteller befand, sie würden seinen Anforderungen nicht genügen. Die 47 weiteren Anlagen wurden storniert.

Innerhalb eines Tages stürzte die Aixtron-Aktie um 43 Prozent ab, bis Februar dieses Jahres fiel sie von 7 Euro auf knapp 3. Schon vorher hatte Aixtron gekämpft, obwohl der Spezialanlagenbauer weltweit nur einen Konkurrenten hat. Die Aachener schreiben seit Jahren rote Zahlen. Nun waren sie endgültig ein Übernahmekandidat.

Das vermeintliche Happy End kam ein halbes Jahr später: Am 23. Mai verkündete der von einem chinesischen Privatinvestor gelenkte Investmentfonds Fujian Grand Chip (FGC), er wolle Aixtron kaufen. Pro Aktie bot FGC 6 Euro. Das entspricht einer Prämie von gut 50 Prozent über dem Durchschnittskurs der vorangegangenen drei Monate – dennoch deutlich weniger als vor der Stornierung durch San’an Optoelectronics.

Ein ganz normaler Übernahmefall also? Oder steckt mehr dahinter? Eine Verschwörung wohl nicht. Nicht mal Aixtron selbst erhebt solche Vorwürfe, sondern arbeitet weiterhin mit dem Kunden zusammen. Bei der geplanten Übernahme durch FGC betont Aixtron die „strategischen Vorteile“.

Dennoch ist der Deal anders als andere Übernahmen deutscher Mittelständler durch Chinesen – es ist ein Deal ohne Gesicht. Ein Deal, bei dem sich Investoren und Interessen hinter einem Geflecht von Gesellschaften verbergen.

Aixtrons geheimnisvoller Investor

Rein privatwirtschaftlich jedenfalls, wie Darstellungen von Aixtron und FGC es nahelegen, ist der Kauf nicht. Im Gegenteil: Der chinesische Staat steckt indirekt dahinter und steuert Kapital bei. Das macht den Fall zu einem Politikum: Soll Deutschland es schulterzuckend hinnehmen, wenn China sich strategisch bedeutsame deutsche Unternehmen einverleibt?

Wer das Geflecht der Geldgeber entwirrt, stößt zudem nicht nur auf den chinesischen Staat. Sondern auch auf die Unternehmensgruppe des Aixtron-Kunden San’an Optoelectronics. Es gibt also eine Verbindung – keine dominante, aber sie ist da. Doch der Reihe nach.

Am 25. November 2015 findet in der ostchinesischen Küstenstadt Xiamen ein wichtiges Treffen statt: Aixtron-CEO Martin Goetzeler spricht damals mit Daniel Li von dem Beratungsunternehmen Buttonwood Finance. Goetzeler wünscht eine Minderheitsbeteiligung durch einen chinesischen Investor, Li soll suchen. Zwei Wochen später storniert San’an Optoelectronics den Großauftrag. 21. Dezember, das nächste Treffen zwischen Goetzeler und Li. Aixtron ist im freien Fall. Nun sucht Goetzeler nach einem Investor, der das Unternehmen ganz schluckt.

Am 16. Januar 2016 präsentiert Li das Projekt Liu Zhendong. Liu, so steht es in den Angebotsunterlagen, sei ein privater Investor „mit vielfältigen Investments in verschiedenen Sektoren, mit dem Doktor Li bekannt war“. Liu zeigt sich interessiert. Wenige Wochen später wird FGC gegründet, ein Investmentfonds mit einer Adresse in Xiamen. Sein Zweck: der Erwerb von Aixtron. Mit 51 Prozent kontrolliert Liu den Fonds.

Wer ist dieser Liu? Andere chinesische Investoren in Deutschland suchten früh die Öffentlichkeit – Liu nicht. Auch weil er kein Englisch spreche, sagen Eingeweihte. Jedenfalls ist er eine geheimnisvolle Figur mit einem geheimnisvollen Aufstieg.

Kein Foto, kein Lebenslauf

Laut den Angebotsunterlagen verfügt er über ein Nettovermögen von rund 3 Mrd. Yuan (400 Mio. Euro). Seit 2013 hat er beherrschende Anteile an acht Investmentgesellschaften erworben, eine davon mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln. Bei all diesen Vehikeln hat Liu auch eine führende operative Rolle inne, als Geschäftsführer, Managing Partner oder Direktor. Die meisten der Gesellschaften sind im Bergbau investiert. In der Halbleiterindustrie hat Liu keine Vorerfahrungen.

Über seine Karriere vor 2013 verliert das Dokument kein Wort. Aus Kreisen, die mit der Transaktion vertraut sind, heißt es, Liu habe 1985 die Schule abgeschlossen. Im Jahr 2000 sei er ins Private-Equity-Geschäft eingestiegen und durch einige Deals zu Kapital gekommen.

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Tippt man „Liu Zhendong“ in die chinesische Suchmaschine Baidu ein, erhält man Ergebnisse für mindestens 79 Personen dieses Namens: Schüler, Professoren, Amtsleiter, Unternehmer. Für viele von ihnen finden sich Lebensläufe oder sonstige Hintergrundinformationen. Bloß für einen Liu Zhendong aus Xiamen nicht.

Nicht einmal ein Foto lässt sich ihm mit Gewissheit zuordnen. Ungewöhnlich für einen erfolgreichen Unternehmer, der nach chinesischen Gepflogenheiten auf Fotos von Abschlüssen oder Einweihungen auftauchen sollte.

Vereinzelt wird jedoch über Firmen berichtet, in deren Amtsregistrierung ebenjener Liu Zhendong auftaucht – als Privatinvestor, auf Chinesisch simu ren. Dabei fällt auf, dass Liu offenbar beste Beziehungen zum Staat pflegt. So etwa 2013, als ein von ihm beherrschtes Unternehmen eine Bergbaufirma in der westchinesischen Provinz Qinghai kaufte. Investitionsvolumen: 238 Mio. Yuan. Die Hälfte davon finanzierte die China Development Bank – eine staatspolitische Bank, die Privatpersonen so gut wie nie Darlehen gewährt.

„Made in China 2025“

Die Staatsnähe des potenziellen Aixtron-Investors passt insofern ins Bild, als Peking den Ausbau der Halbleiterindustrie zur Priorität erklärt hat. Hintergrund ist die Initiative „Made in China 2025“. Wie das Washingtoner Center for Strategic and International Studies schreibt, ist dieser wirtschaftspolitische Plan „unmittelbar von Deutschlands ,Industrie 4.0‘ inspiriert“. Ziel des Großangriffs: China soll zu einem hoch entwickelten Industrieland umgebaut werden, dessen Produkte qualitativ „Made in Germany“ gleichkommen. Anders gesagt: Die deutsche Industrie soll ersetzbar werden.

Unter anderem identifiziert der Plan zehn Industriezweige, in denen chinesische Unternehmen die Weltspitze anstreben und die gesamte Wertschöpfungskette beherrschen sollen. Dazu gehört etwa die Robotik, die Branche der jüngst von Chinesen übernommenen deutschen Industrieperle Kuka. Aber auch die Halbleiterindustrie.

Der Schwerpunkt ist keine Überraschung: Als weltgrößter Exporteur von Elektronik verbrauchte China 2014 mehr als die Hälfte der globalen Halbleiterproduktion. Da Halbleiter aber vor allem in den USA, in Japan, Südkorea und Taiwan hergestellt werden, muss die Volksrepublik etwa 90 Prozent ihres Bedarfs importieren. Das schlug allein 2013 mit 232 Mrd. Dollar zu Buche – mehr als das Land für Ölimporte ausgab. Was läge näher, als die eigene Halbleiterproduktion auszubauen? Zu diesem Zweck gründete Chinas Regierung im Oktober 2014 den National IC Fund (IC steht für integrated circuit, integrierter Schaltkreis). Ministerien, Unternehmen und Staatsbanken zahlten 120 Mrd. Yuan ein. Mittlerweile wurde die Summe auf 138,7 Mrd. Yuan erhöht. Umgerechnet 18,7 Mrd. Euro, die nach dem Willen Pekings in „Investitionen in integrierte Schalttechnologie, Chip-Herstellung und -Design, Versiegelung und Tests, Anlagen und Material“ gesteckt werden sollen.

Aixtron ist ein verlockendes Ziel

Wenn China die Halbleiterindustrie von A bis Z bespielen will, ist Aixtron ein verlockendes Ziel. Weltweit haben die Aachener nur einen wichtigen Wettbewerber: Veeco aus Plainview, New York. In den USA aber hätten Chinesen kaum eine Chance, solche Deals verhindern die US-Behörden gern mal. Schließlich werden Halbleiter auch für militärische Zwecke eingesetzt, etwa in Lasern, Raketen oder Satelliten. Deutschland ist da offenbar weniger störrisch.

Wie groß ist also die politische Einflussnahme bei FGC? Seine Investmenthistorie legt nahe, dass Hauptgesellschafter Liu enge Beziehungen zu staatlichen Institutionen pflegt. Beim Minderheitseigner kann dagegen als gesichert gelten, dass der Staat die Agenda mitbestimmt.

49 Prozent von FGC gehören Xiamen Bohao Investment. Laut einer Aixtron-Pressemitteilung wird das Vehikel „indirekt durch die Privatinvestoren Wang Zhongyao und Huang Wanming kontrolliert“. Das ist nicht falsch, aber unvollständig.

Tatsächlich haben die beiden die Mehrheit der Stimmrechte inne. Die Mehrheit des Kapitals jedoch kommt von dem Unternehmen Xiamen Jinyuan Industry Development. Dieses habe, berichten Insider, den beiden Investoren seine Stimmrechte übertragen – mit der Auflage, in ihrem Sinne abzustimmen.

Xiamen Jinyuan Industry Development wiederum gehöre Xiamen Jinyuan Investment. Dieser Fonds befindet sich seinerseits zu 100 Prozent im Besitz des Finanzdepartments der Stadt Xiamen.

Zusammengefasst: Beim FGC-Minderheitseigner stellt der Staat die Mehrheit des Kapitals und bestimmt über dessen Verwendung. Formell sind zwei Privatleute verantwortlich. Diese Konstruktion erleichtere Genehmigungsverfahren, heißt es. Kleiner Nebeneffekt: Nach außen wird so weniger offensichtlich, wer die Strippen zieht.

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Staatsgeld fließt in lokale Unternehmen

Eine Recherche über Xiamen Bohao ergibt auch Hinweise auf den Ursprung der Verschwörungstheorie, der Kaufinteressent von Aixtron sei mit dessen Schicksalskunden San’an Optoelectronics verbandelt.

So kaufte Xiamen Bohao 2015 laut einem Report der China Development Bank für 240 Mio. Yuan Anleihen von Fujian San’an, der Konzernholding. Noch ein Beleg für Geschäftsbeziehungen findet sich in einem Finanzbericht der Tochter Xiamen San’an: Darin ist eine Forderung an Xiamen Bohao über 300 Mio. Yuan aufgelistet, zahlbar bis zum 31. Juli 2014.

Daraus lässt sich jedoch nicht folgern, Xiamen Bohao habe Einfluss auf die Entscheidungsfindung bei San’an. Die Transaktionen sind lediglich Beispiele dafür, wie Staatsgeld in lokale Unternehmen fließt.

Von derlei Unterstützung profitiert auch die Halbleiterindustrie von Fujian. So hat etwa der staatlich dominierte National IC Fund 2015 auch in San’an Optoelectronics investiert. Es entsteht das Bild eines Geflechts aus Unternehmen, Fonds und Staat, verbunden durch Abkommen, Initiativen und Überkreuzbeteiligungen.

Das zeigt sich auch bei der Finanzierung des Aixtron-Deals. Um Aixtron zu kaufen, bedient sich FGC eines Konstrukts aus einer Luxemburger und einer deutschen Tochter, welche das Angebot unterbreitet hat. Maximal könnte der Kauf die Chinesen gut 691 Mio. Euro kosten. Etwa 230 Mio. Euro sollen aus dem FGC-Eigenkapital finanziert werden.

Für den Rest hat die Bieterin eine Darlehenszusage über bis zu 500 Mio. Euro von der Sino IC Leasing eingeholt. Dabei handelt es sich um einen Finanzdienstleister, der 2015 in Schanghai gegründet wurde. Laut dem chinesischen Unternehmensregister gehören zu seinen Anteilseignern mit 35 Prozent der National IC Fund – und mit fünf Prozent Fujian San’an. Eine Eigendarstellung von Sino IC Leasing führt sogar San’an Optoelectronics als Investor an – da widersprechen sich die Quellen. Lin Zhidong, der Sohn des Chairman der San’an-Gruppe, sitzt jedenfalls im Board von Sino IC Leasing. Aber selbst wenn der Einfluss gering ist, fest steht: Den Topf, aus dem der Aixtron-Deal finanziert werden soll, hat neben dem Staat auch die San’an-Gruppe mit gefüllt.

Abgesichert wird die Finanzierung durch Garantien dreier chinesischer Banken. Darunter auch die China Development Bank – mit der FGC-Hauptgesellschafter Liu früher schon Geschäfte gemacht hat.

Bundesregierung widerruft Unbedenklichkeitsbescheinigung

Das Bundeswirtschaftsministerium verfolge den Fall Aixtron „aufmerksam“, sagte ein Sprecher. Grundsätzlich begrüße man ausländische Investitionen. Dennoch wolle Minister Sigmar Gabriel (SPD) auf EU-Ebene eine Debatte anstoßen, wie man „dem Trend zu verstärkten Übernahmen“ durch subventionierte und staatliche Unternehmen aus Ländern wie China „begegnen kann“. Mittlerweile hat das Ministerium seine Unbedenklichkeitsbescheinigung für FGC widerrufen und eine Wiederaufnahme des Prüfverfahrens angekündigt.

Sein NRW-Kollege Garrelt Duin (SPD) sieht bei den chinesischen Übernahmen weniger Probleme: Man habe auch mit Staatsunternehmen gute Erfahungen gemacht, sagte ein Sprecher.

Der Aixtron-Käufer FGC hat übrigens noch eine zweite Adresse in der Provinz Fujian. Im selben Gebäude residiert ein weiterer Halbleiter-Fonds: Fujian Anxin Fund. Daran halten zwei Anteilseigner je 40 Prozent: der National IC Fund – und San’an Optoelectronics. Der Aixtron-Kunde hat offenbar noch große Pläne.


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