MeritokratieZerstört die Leistungsgesellschaft das Gemeinwohl?

Michael J. Sandel lehrt seit vielen Jahren an der Harvard University.IMAGO / Horst Galuschka

Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur genug bemüht. Das ist die Grundidee des amerikanischen Traums – die berühmte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte. Diese Idee gehört fest zur Identität der USA, doch sie hat eine Kehrseite, wie der Harvard-Professor Micheal J. Sandel in seinem neuen Buch „Das Ende des Gemeinwohls“ schreibt. Denn die Idee der Leistungsgesellschaft beinhalte den Gedanken, dass jeder, der es geschafft hat, selbst für seinen Erfolg verantwortlich ist – und bedeute umgekehrt auch, dass die, die den sozialen Aufstieg nicht schaffen, selbst daran schuld sind und sich einfach nur nicht genug angestrengt haben.

Und genau das ist das Problem, meint Sandel. Die Gewinner der Leistungsgesellschaft – also diejenigen, die den Aufstieg geschafft haben oder ohnehin zur Elite gehören – neigen dazu, ihren Erfolg als selbst verdient anzusehen. Diejenigen, die nicht aufgestiegen sind, bekommen so den Eindruck, auf sie werde herabgeblickt.

Der Populismus profitiert

In genau dieser mangelnden Anerkennung sieht Sandel einen Grund für den Aufstieg des Populismus: wütende Verlierer der Globalisierung und der Leistungsgesellschaft würden sich hingezogen fühlen zu einem auf die Eliten schimpfenden Populismus. So erklärt Sandel auch den Wahlsieg Donald Trumps 2016 und das Ergebnis des Brexit-Referendums. Beides sei ein „wütendes Urteil gegen Jahrzehnte wachsender Ungleichheit und eine Version der Globalisierung, die nur denen dient, die ohnehin an der Spitze stehen, normale Bürger aber mit einem Gefühl der Machtlosigkeit zurücklässt“, schreibt Sandel. Hier gehe es nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch um gesellschaftliche Wertschätzung.

Sandel kritisiert auch Barack Obama, den er als Technokraten bezeichnet, und Mitte-Links-Parteien. Das populistische Aufbegehren in den USA, Großbritannien und Europa sei eine Gegenreaktion, die sich allgemein gegen Eliten richte. Die „auffälligsten Zielscheiben waren die liberalen und Mitte-Links-Parteien“, schreibt Sandel. Sie müssten ihren „technokratischen Führungsansatz“ überdenken und sich fragen, „warum diejenigen, die in der neuen Wirtschaft nicht erfolgreich waren, den Eindruck haben, dass die Gewinner mit Verachtung auf die herabschauen“.

Soziale Mobilität ist schwieriger geworden

„Der amerikanische Glaube, mit harter Arbeit und Talent könne jeder aufsteigen, stimmt nicht mehr mit den Grundtatsachen überein“, schreibt er. Denn soziale Mobilität sei in den USA immer schwieriger geworden – es sei eben nicht mehr zwangsläufig so, dass es Kinder einmal besser haben als ihre Eltern. Wie schwer der soziale Aufstieg tatsächlich ist, illustriert Sandel anhand des US-amerikanischen Hochschulsystems. Die höhere Bildung habe die „Vorteile vergrößert, die privilegierte Eltern an ihre Kinder weitergeben“, schreibt der Wissenschaftler.

So schneiden laut Sandel Kinder aus Familien mit geringerem Einkommen in den für die Universitätszulassung entscheidenden SAT-Tests meistens schlechter ab als Kinder reicher Familien. Zudem haben reiche Familien finanzielle Möglichkeiten, ihre Kinder durch Spenden, teure Vorbereitungskurse oder besondere Förderung an renommierte Hochschulen zu bringen. Auch haben Studierende bessere Chancen, an einer renommierten Universität angenommen zu werden, wenn ihre Eltern ebenfalls dort studiert haben – ein weiterer Nachteil für Kinder aus einkommensschwachen Familien.

US-Universitäten als „Ausleseapparat“

Die amerikanische höhere Bildung, so Sandel, sei zum Ausleseapparat geworden, der soziale Mobilität auf der Basis von Leistung verspreche, aber gleichzeitig Privilegien festige und Einstellungen gegenüber dem Erfolg fördere, „die zersetzend auf die Gemeinsamkeiten wirken, die eine Demokratie benötigt“. Denn das Hochschulsystem werte diejenigen mit formalen Leistungsnachweisen auf, die anderen ab. Diese Abwertung ist für Sandel moralisch nicht vertretbar. Denjenigen ohne formale Leistungsnachweise „wird gesagt, dass ihre Arbeit, die vom Markt weniger geschätzt wird als die Arbeit gutbezahlter Akademiker, einen geringeren Beitrag zum Gemeinwohl darstellt, weshalb ihr auch weniger soziale Anerkennung und Wertschätzung zukommt“.

Ohnehin kritisiert Sandel, dass der gesellschaftliche Wert und die Anerkennung einer Tätigkeit am Einkommen festgemacht wird. Wie sei es denn vor diesem Hintergrund zu rechtfertigen, dass ein Casino-Mitarbeiter sehr viel mehr verdiene als eine Krankenschwester?

Braucht es also eine neue, eine bessere Leistungsgesellschaft? Sandel bezweifelt, dass selbst eine vollkommende Meritokratie moralisch oder politisch zufriedenstellend wäre. Denn eine Leistungsgesellschaft belohnt zum Beispiel auch Talente. Warum verdient jemand Belohnung für ein Talent, für das er nichts kann, fragt Sandel.

Das Problem: verlorene Anerkennung

Der Harvard-Professor plädiert daher für viel umfassendere Umwälzungen. Er kritisiert die Politik dafür, dass sie im Grunde nur Symptome behandelt, nicht aber die Ursache. Anstatt Bedingungen zu reparieren, denen die Menschen entfliehen wollen, konstruiere man eine Politik, die soziale Mobilität zur Antwort auf Ungleichheit mache. Eine Gesellschaft, so schreibt Sandel, müsse aber auch denen, die nicht aufsteigen, Anerkennung und Teilhabe ermöglichen.

Der Ärger der Arbeiterklasse lasse sich nicht durch eine bessere Kaufkraft lösen, er beziehe sich vielmehr auf verlorene Anerkennung und Wertschätzung. Als eine mögliche Maßnahme fordert Sandel eine umfassende Steuerreform. Sein Vorschlag: „einige oder alle Steuern auf Einkommen durch eine Finanztransaktionssteuer zu ersetzen -faktisch eine ,Sündensteuer‘ auf Spekulationsgeschäfte, die dem Zocken im Casino gleichen und nichts zur Realwirtschaft beitragen“.

Noch viel grundlegender ist für Sandel aber, dass sich etwas in der Mentalität der Menschen ändert. Die meritokratische Überzeugung, dass die Menschen alle Reichtümer verdienen, die der Markt für ihre Fähigkeiten verteile, mache Solidarität zu einem fast unmöglichen Vorhaben, schreibt Sandel. Seine Lösung ist komplex und simpel zugleich: Die Menschen brauchen wieder ein Bewusstsein dafür, dass sie nicht allein für ihren Erfolg verantwortlich sind – sondern, dass auch Glück, Zufall und Schicksal ihren Anteil daran haben.

 


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