Konjunkturprognosen Wieso Konjunkturprognosen ständig daneben liegen

Auch weniger Schiffsverkehr ist ein Indikator für den kommenden Abschwung
Auch weniger Schiffsverkehr ist ein Indikator für den kommenden Abschwung
Konjunkturprognosen sind in Krisenzeiten populär wie nie. Doch die aktuellen Vorhersagen reichen von 2,8 Prozent bis 20 Prozent Wirtschaftseinbruch dieses Jahr. Am Ende des Jahres liegen häufig alle falsch. Wie kommt es dazu?

In einer Krise, die niemand so vorhersehen konnte, sehnen sich die Menschen nach einem Blick in die nahe Zukunft. Die Konjunkturforscher liefern ihn: Die „Wirtschaftsweisen“ prognostizierten ein um 2,8 Prozentpunkte geringeres Bruttoinlandsprodukt (BIP) für 2020, die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute einen Einbruch des BIPs um 4,2 Prozent. Das Münchener ifo-Institut rechnet mit bis zu minus 20 Prozent. Aber welchen Mehrwert haben die vielen Vorhersagen, wenn sie ungenau sind und sich so stark unterschieden? Nach der Krise werden die meisten zwangsläufig nicht eintreffen.

In der Tat treffen die Prognosen der Ökonomen besonders in Krisenzeiten oft daneben: Der britische Economist errechnete für die Jahre 2000 bis 2017, dass die wichtigsten Konjunkturprognosen in Jahren des Aufschwungs 0,6 Prozentpunkte daneben lagen, in Rezessionsjahren 1,8 Prozentpunkte. Der Statistiker Nassim Taleb schreibt in seinem Buch Der schwarze Schwan sogar „wir können eben nicht vorhersagen“. Für viele Laien dürften die Konjunkturprognosen geradezu willkürlich wirken.

Doch das stimmt nicht. Die Prognosen sind eine Zeitlang präzise und liefern Politikern und Unternehmern wichtigen Informationen für ihre Entscheidungen. Die unterschiedlichen Ergebnisse gehen zum Teil auf unterschiedliche Annahmen zurück und bieten den Lesern daher sogar einen Mehrwert, denn sie beantworten die Frage: Was wäre, wenn?

In der aktuellen Situation bedeutet das: Was wäre, wenn der Lockdown am 19. April zu Ende ginge? Was wäre, wenn er länger andauerte? Die Dauer bestimmt die Wertschöpfung ganzer Branchen. Die Gastronomie, die Tourismusbranche und einige andere Branchen erwirtschaften derzeit keinen Umsatz. Dauerte der Lockdown länger als fünf Wochen, fielen deren Einnahmen also umso länger aus. In anderen Branchen wie der Autoindustrie fehlen Teile und Arbeiter zur Produktion. Natürlich führen die unterschiedlichen Annahmen zu abweichenden Prognoseergebnissen.

Ungeachtet der Wirtschaftslage benutzen Ökonomen Indikatoren, an denen sich die Wertschöpfung der Zukunft schon heute gut ablesen lässt. Für den häufig zitierte ifo-Geschäftsklimaindex zum Beispiel fragt das ifo-Institut tausende Unternehmen nach ihren Plänen und Erwartungen für die kommenden drei bzw. sechs Monaten zur Produktion, Nachfrage und Auftragslage. Ähnliche Informationen über die Produktionslage in der Zukunft liefern Einkaufsmanagerindizes. Verschiedene Anbieter bilden diese aus Befragungen von Einkaufsleitern und Geschäftsführern. Die äußern sich zur Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten. Kaufen sie weniger Material, ist das ein erster Hinweis, dass die wirtschaftliche Aktivität bald abnimmt. Die Stimmungsbarometer standen in der Vergangenheit in engem Zusammenhang mit der tatsächlichen Entwicklung des BIPs: Sinken die Werte der Indizes, sinkt meist auch das BIP in den folgenden Monaten; steigen sie, steigt das BIP. Daher gehen Ökonomen davon aus, dass der Zusammenhang auch in Zukunft so gilt. Die Indikatoren sind ein Standardinstrument fast aller Konjunkturprognosen.

Wie kommt es dann, dass verschiedene Konjunkturforscher trotz ähnlichen Annahmen über den Lockdown und ähnlicher Instrumente zu so unterschiedlichen Prognosen kommen?

Eine Erklärung ist, dass sich besonders in Krisenzeiten die Annahmen recht schnell ändern. Eine Prognose basiert immer auf dem Status Quo. Wenn aber die Regierung aufgrund einer gestellten Prognose von höherer Arbeitslosigkeit ausgeht und dann beschließt, Unternehmen mit Politikmaßnahmen wie Staatshilfen und Kurzarbeitergeld zu stützen, hat auch das einen Einfluss auf die künftige Wirtschaftsleistung. Die Konjunkturforscher müssen also auch die Prognose des BIPs ändern. Gerade in Krisenzeiten ändern sich die Gegebenheiten täglich.

Deshalb haben auch Konjunkturindikatoren in Krisenzeiten nicht dieselbe Aussage wie in normaleren Zeiten. Zu viele Faktoren können sich kurzfristig ändern, zu viele Unternehmer ihre Meinung ändern. Es gibt also weniger Anhaltspunkte, mit denen man die Entwicklung vergleichen kann als zu normalen Zeiten. Anstatt sich auf die Aussage der Modelle zu verlassen, müssen die Konjunkturforscher deren Aussage stärker interpretieren und neue Indikatoren finden, mit deren Interpretation sie weniger Erfahrung haben. Die Folge: Die Prognosen sind unsicherer, ihre Aussagen weichen stärker voneinander ab.

Prognosen können also nicht genau sein; weit in die Zukunft schauen können sie auch nicht. Die Coronavirus-Pandemie ließ sich nicht anhand von verschiedenen Konjunkturindikatoren vorhersagen. Aber das ist auch nicht die Aufgabe von Konjunkturprognosen. Sie sollen zeigen, wie sich die Wirtschaft entwickeln würde, wenn alles beim Status Quo bliebe und Szenarien aufzeigen, wie es anders kommen könnte. Es bleibt also nur zu hoffen, dass sich am Ende des Jahres zeigt, dass viele der aktuellen Prognosen daneben lagen.


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