Kolumne Wie Hella seine unrühmliche Geschichte begräbt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Mit dem Verkauf des Autozulieferers entsorgen die bisherigen Eigentümer auch die dunklen Flecken auf der weißen Weste des Unternehmens

Mit dem Verkauf ihrer Aktienmehrheit an die französische Faurecia vergeben die bisherigen Eigentümer des Autozulieferers Hella die wohl letzte Chance, die dunkle Geschichte ihres Unternehmens historisch aufzuarbeiten. Es geht um zwei wichtige Wendepunkte der Vergangenheit, die in der Zeitleiste auf der offiziellen Website des deutschen Konzerns beide mit keinem einzigen Wort Erwähnung finden: das Jahr 1923 und das Jahr 1944.

1923 „übernahm die Fabrikantenfamilie Hueck die Aktienmehrheit“ der bereits 1899 unter dem Kürzel WMI gegründeten Firma, liest man bei Wikipedia. Ihr gehört Hella gemeinsam mit einer zweiten Familie bis heute. Warum aber musste der Unternehmensgründer Sally Windmüller sein Eigentum überhaupt abgeben? Es war ein mit heftigsten antisemitischen Untertönen unterlegter Gerichtsprozess, der die Existenz des Juden vernichtete. Das Gericht verurteilte den 63-Jährigen 1921 zu 20 Monaten Gefängnis. Der Unternehmer habe sich Metallbestände aus einer staatlichen Artilleriewerkstatt zu einem viel zu billigen Preis verschafft, um seine Firma über die Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg zu retten, lautete die Anklage.

Im Reichstag wetterte die nationalistische Rechte gegen die „Luderwirtschaft“ und nutzte ihre Chance, den Fall Windmüller als Beispiel für den angeblichen „jüdischen Dolchstoß“ in den Rücken des deutschen Volks darzustellen. Welche Vorwürfe gegen den bereits 1930 verstorbenen Sally Windmüller berechtigt waren und welche nicht, wurde niemals historisch wissenschaftlich aufgearbeitet. Mit dem voraussichtlichen Verschwinden des Unternehmensnamens Hella stirbt nun auch noch die letzte Erinnerung an Windmüller: Der Firmenname geht auf den Namen seiner Ehefrau Helene zurück.

Eine wissenschaftliche Firmengeschichte von Hella wäre wichtig

Die Vorgänge im Jahr 1944 kann man dagegen als weitestgehend recherchiert betrachten. Es war allerdings keineswegs das Unternehmen selbst, das sich um eine historische Aufklärung bemühte, sondern die Autorin Nadja Thelen-Khoder. Sie dokumentierte akribisch das Schicksal der 331 ungarischen Jüdinnen, die zwischen dem November 1944 und dem März 1945 im Außenkommando II des KZs Buchwald Zwangsarbeit für Hella leisten mussten. Einige von ihnen brachen nach der Arbeit tot zusammen, andere starben auf einem Todesmarsch bei der Evakuierung des Lagers. Opfer des Holocausts wurden auch insgesamt 120 Frauen, Kinder und Männer aus der weitverzweigten Familie des Unternehmers Windmüller. Auch das sollte man erwähnen.

Hella gehört zu den deutschen Firmen, die nur wenig zur Aufarbeitung ihrer Nazi-Vergangenheit beigetragen haben. Es gibt erstaunlicherweise auch 75 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs immer noch erstaunlich viele große Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung nicht stellen. In ihren offiziellen Firmengeschichten sparen sie die Nazi-Zeit ganz aus oder erledigen sie mit einigen pauschalen Bemerkungen. Eine wissenschaftliche Firmengeschichte von Hella wäre ein historisch wichtiges Projekt. Es ist aber kaum anzunehmen, dass die neuen französischen Eigentümer daran ein Interesse haben könnten. Aber vielleicht kann sich ja die Familie Hueck, die jetzt viel Geld an ihrem Ausstieg bei Hella verdient, doch noch entschließen, einen winzigen Teil der Milliardensumme für ein Buch über Hella zu stiften.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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