KonsumklimaWer hat eigentlich in der Krise Geld gespart?

Geld ausgeben? Wer hat in der Krise gespart?
Immer wieder prognostizieren Experten, dass die Menschen nun ihr Geld ausgeben. Woher wissen die das eigentlich?IMAGO / Michael Gstettenbauer

Shoppen am Ku‘damm, ein Wochenende auf Mallorca oder einfach ein Essen beim Lieblingsitaliener statt Tiefkühlpizza im Home-Office – wenn Konjunkturforscher den Aufschwung verkünden, gehen sie davon aus, dass die Menschen ihr Geld mindestens so ausgeben wie vor der Krise. Die Bundesbank nennt den privaten Konsum in ihrer jüngsten Konjunkturprognose „die maßgebliche Triebfeder des starken Aufschwungs“. Beim Ifo-Institut ist gar von „der tragenden Säule des Aufschwungs“ die Rede.

Es ist eine Binse, dass die Wirtschaft erst wieder in Schwung kommt, wenn die Menschen ihr Geld ausgeben. Erst dann produzieren die Unternehmen mehr, erst dann stellen diese wieder mehr Menschen ein und zahlen höhere Gehälter. Erst dann sind die Arbeitnehmer bereit oder fähig noch mehr auszugeben. Doch mangelt es nicht gerade an dem ersten Impuls, dem verfügbaren Geld, wenn die Menschen eine der schwersten Wirtschaftskrisen seit dem zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht haben?

Gesamteinkommen sind in der Krise leicht gefallen

In der Tat waren viele Deutsche in den vergangenen 14 Monaten in Kurzarbeit und mussten mit einem geringeren Gehalt auskommen als zuvor. Einige könnten noch immer zutiefst verunsichert sein, wie ihr Arbeitgeber und damit sie nach der Krise finanziell dastehen. Doch die verfügbaren Einkommen der Deutschen sind laut Daten des statistischen Bundesamts zusammengenommen wieder so hoch wie vor der Krise. Auch auf dem Höhepunkt der Krise im zweiten Quartal 2020 waren die verfügbaren Einkommen zusammengerechnet gegenüber dem Vorquartal nur drei Prozent geringer.

„Nur“ möchte man angesichts der schweren Krise sagen. Ein Grund dafür ist, dass die Arbeitsagenturen zwischenzeitlich sechs Millionen Menschen mit Kurzarbeitergeld unterstützten. Damit bekamen sie zwar nicht ihren vollen Lohn, aber einen Großteil dessen, je nachdem, ob sie nur ein paar Stunden weniger arbeiteten oder gar nicht mehr arbeiteten.

Niemand geht doppelt so oft zum Friseur

Mittlerweile ist die Zahl der Deutschen in Kurzarbeit nicht einmal mehr halb so groß wie zum Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise im Frühjahr vergangenen Jahres. Tendenz sinkend. Die Arbeitslosenquote liegt bei nur 5,9 Prozent verglichen mit 5,3 Prozent vor der Krise. Auch die Familien, die stark unter der Pandemie gelitten haben, werden dann wieder mehr ausgeben können. Aber auch wenn diese sich erst einmal mit ihren Ausgaben zurückhalten, dürfte das mit Blick auf den gesamten Konsum der Deutschen eine geringe Rolle spielen.

Viele legten während der Krise sogar Geld auf die hohe Kante. Die Deutschen haben im Jahr 2020 und im ersten Quartal 2021 über 150 Mrd. Euro mehr gespart als für so einen Zeitraum üblich. Der Anteil des verfügbaren Einkommens, den sie zurücklegten, liegt normalerweise bei rund elf Prozent. Im letzten Quartal sparten sie 23 Prozent ihres verfügbaren Einkommens.

Das Geld ist also da.

Nun bleibt die Frage offen, warum die Menschen es ausgerechnet jetzt ausgeben sollten. Darüber streiten sich auch Ökonomen. Dafür spricht, dass die Menschen das viele Geld gar nicht freiwillig gespart haben. Das ergibt sich beispielsweise aus einer Online-Umfrage der Bundesbank. Die Befragten sagen, dass sie vor allem wegen Geschäftsschließungen sowie Reiseeinschränkungen und die Sorge vor Ansteckung gespart haben. Das deckt sich mit den Daten des statistischen Bundesamts. Demnach haben die Deutschen vor allem dort gespart, wo sie es nicht anders konnten, bei Dienstleistungen wie Reisen oder Friseurbesuchen und bei kurzlebigen Gebrauchsgütern wie Anziehsachen.

Ordentlich geshopped, ordentlich Geld ausgegeben

Gegen einen Konsumrausch nach der Krise spricht, dass laut einer Umfrage der Bundesbank vor allem von Haushalten mit höherem Einkommen gespart haben. Und die, so wissen Ökonomen, sind nicht gezwungen ihr Geld auszugeben. Außerdem haben die Deutschen trotz Geschäftsschließungen ordentlich geshoppt. Bei langlebigen Gebrauchsgütern langten sie zu. Gerade die sind es aber, bei denen es Nachholeffekte geben könnte. Wer sich während der Krise lieber keinen neuen Laptop oder keine neuen Möbel gekauft hat, könnte jetzt nachlegen. Aber gerade diese Dinge haben die Deutschen gekauft. Platz für Nachholeffekte bleibt also eher für neue Kleidung, Reisen und Co. Aber die sind begrenzt. Ein bisschen mehr Urlaub – ok. Aber wer geht nun schon doppelt so häufig zum Friseur wie vor der Krise?

Wahrscheinlich ist also, dass der Konsum mindestens auf das Vorkrisenniveau steigt. Davon geht die Prognose des ifo-Instituts aus. Das reicht aus, damit das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland, das ja auch exportbeding steigen kann, nach dem Einbruch im Vorjahr um 4,8 Prozent dieses Jahr um 3,3 Prozent wächst. Wenn die Menschen auch etwas von ihrem Ersparten ausgeben, dann könnte das BIP sogar um 3,7 Prozent wachsen, wie Ökonomen der Bundesbank prognostizierten. Aufwärts – da sind sich Konjunkturforscher einig –  geht es mit dem Konsum und dem BIP aber in jedem Fall.