EnergiepreisschockWarum Großbritannien so tief in der Gaskrise steckt

Die Gaskrise trifft Großbritannien besonders
Auch in Deutschland sind die Gasspeicher weniger voll als sonst zu dieser Jahreszeit.IMAGO / Hans-Jürgen Serwe

Das Vereinigte Königreich steckt in einer Gaskrise. Seit August haben zwölf Energieversorger ihre Arbeit eingestellt und Insolvenz angemeldet. Die Kunden sind nun gezwungen, sich neue Energieversorger zu suchen. Nur werden langsam eben auch die Alternativen knapp: Viele der anderen Unternehmen haben neue Kunden aufgenommen, ihre Gasreserven sind daher bereits überstrapaziert. Ohne finanzielle Hilfe der Regierung könnte auch ihnen bald das Gas ausgehen.

Der Grund für die Insolvenzwelle bei den Energieversorgern sind die stetig steigenden Gaspreise. Diese machen nicht nur Unternehmen in Großbritannien zu schaffen. Überall in Europa schauen Firmen – vor allem solche aus energieintensiven Sparten – besorgt auf die steigenden Preise für Rohstoffe wie Gas und Öl, aber auch auf die für Strom. Nirgends aber hat die Gaskrise bisher so zugeschlagen wie in Großbritannien. Das Land erlebt gerade einen Kaskadeneffekt multipler Krisen.

Noch größere Herausforderungen

Zuerst waren die Supermarktregale leer, da wegen des Brexit viele Lkw-Fahrer vom europäischen Festland die Insel verlassen haben. Vielen Tankstellen gingen Benzin und Diesel aus – auch hier fehlten Lkw-Fahrer für den Transport des Kraftstoffs. Die Armee musste aushelfen. Zudem fehlen in den Supermärkten viele Produkte. Lebensmittel, die unter Schutzatmosphäre verpackt werden mussten, konnten nicht mehr eingepackt und in die Supermärkte geliefert werden.

Jetzt zeigt sich, dass die Wirtschaft Großbritanniens vor noch größeren Herausforderungen steht – denn die jetzige Gaskrise trifft hier erstaunlich schnell nicht nur Unternehmen, sondern auch deren Kunden, und das mit voller Wucht. Die zwölf Versorger, die ihren Dienst eingestellt haben, bedienten insgesamt rund zwei Millionen Verbraucher.

Der Grund für die Probleme der britischen Gasversorger ist, dass sie sich nicht langfristig mit Gas eingedeckt haben und nun teuer einkaufen müssen. Sie können diese Kosten aber nicht an die Kunden weitergeben, da diese mit den Unternehmen längerfristige Verträge abgeschlossen haben. Zudem deckelt die britische Regierung manche Gastarife.

Verbraucher müssen die Zeche der Gaskrise zahlen

Und die Gaskrise könnte bald noch größere Kreise ziehen. Auch andere Branchen stellen die hohen Preise vor große Herausforderung: Stahlwerke, Papierhersteller, Glaswerke, Zementhersteller und andere energieintensive Unternehmen könnten sich bald gezwungen sehen, die hohen Kosten an ihre Kunden weiterzugeben.

Sie fordern daher Hilfe von der Regierung. Die Gaspreise in Großbritannien sind in diesem Jahr um rund 425 Prozent angestiegen, schreibt CNN. Anfang Oktober lagen sie 740 Prozent höher als im selben Monat des Vorjahres. „In manchen Unternehmen sind die Energierechnungen um das Achtfache angestiegen, eine Bürde von Millionen von Pfund. Das kann so nicht weitergehen“, sagte Dave Dalton, der Chef von British Glas, einer Vereinigung der Glashersteller. Neben der Energie- ist auch diese Branche hart getroffen – um rentabel zu wirtschaften, müssen die Hersteller die Öfen, in denen das Glas hergestellt wird, immer brennen lassen.

Unternehmen aus den verschiedenen Branchen sind in Großbritannien bereits mit der Regierung im Gespräch. Sie fordern eine Deckelung der Kosten für Gas. Bisher konnte allerdings keine Einigung darüber erzielt werden. „Wir müssen jetzt handeln“, sagte Dalton der BBC.

„Opfer des eigenen Erfolges“

Im Jahr 2017 wurde ein wichtiger Gasspeicher in Großbritannien vom Netz genommen, weil das Land große Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien gemacht hat. Seitdem kann nur noch Gas für rund einen Monat vorgehalten werden. Die Gaskrise ist daher auch ein Produkt der Dekarbonisierung, die offensichtlich besser gemanagt werden muss. Niederländische Ökonomen der ING Groep nennen das Land daher ein „Opfer seines eigenen Erfolges“. Deutschland hat wesentlich größere Speicherkapazitäten: Hierzulande reichen die Reserven für bis zu drei Monate.

Grund für die steigenden Preise ist zum einen die steigenden Nachfrage nach dem wirtschaftlich schwachen Corona-Jahr 2020. Zum anderen hat Russland seine Gaslieferungen nach Westeuropa gedrosselt. Diese gehen bisher hauptsächlich durch die Ukraine, das ist teuer. Das Lieferland setzt darauf, dass bald die Ostseepipeline Nord Stream 2 ans Netz gehen wird – dann könnte es Gas viel günstiger nach Europa liefern. Experten gehen davon aus, dass sich die Preise dann wieder normalisieren werden.

Außerdem gehen viele davon aus, dass die Preise im Frühjahr wieder nachgeben werden. Wenn nicht mehr so viel geheizt wird, sinkt die Nachfrage. Doch bis dahin könnte das ein teurer Winter werden – und noch immer ist nicht klar, was die Politik in Großbritannien, aber auch in Europa, dagegen machen kann.