Sanktionen Vergesst Londongrad: Die Schweiz ist der größere Fluchthafen reicher Russen

Gegen Alischer Usmanow (l.) und Gennadi Timtschenko hat die Schweiz Sanktionen verhängt
Gegen Alischer Usmanow (l.) und Gennadi Timtschenko hat die Schweiz Sanktionen verhängt
© IMAGO / ITAR-TASS
London gilt als Eldorado russischer Oligarchen. Doch in Krisenzeiten zog es sie immer verstärkt in die Schweiz. Daher dürften sie die Sanktionen der Eidgenossen besonders hart treffen

Mit Sanktionen gegen reiche Russen will Europa Druck auf Präsident Wladimir Putin ausüben, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Doch es blieb ein Schlupfloch: die Schweiz. Am Montag hat die Regierung in Bern dann jedoch beschlossen, mit ihrer historischen Neutralität zu brechen und die Sanktionen der Europäischen Union zu übernehmen.

Das Land mit seinen 8,6 Millionen Einwohnern ist seit langem attraktiv für vermögende Russen, die von der Diskretion und den lockeren Vorschriften angezogen werden. Obwohl genaue Zahlen nur schwer zu bekommen sind, zeigen Daten der in Basel ansässigen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, dass russische Bewohner und Unternehmen im September 11 Mrd. Dollar auf Schweizer Bankkonten verwahrten, mehr als doppelt so viel wie die rund 5 Mrd. Dollar in Großbritannien.

Selbst diese Zahl gibt den Umfang des russischen Vermögens in der Schweiz nur unzureichend wieder, da sie Wertpapierkonten, Investitionen oder über Offshore-Gesellschaften gehaltene Vermögenswerte nicht berücksichtigt. Privatbankiers bei den größten Vermögensverwaltern des Landes, die anonym bleiben wollen, schätzen, dass reiche Russen mehr als 100 Mrd. Dollar bei den Banken des Landes gebunkert haben, wobei eine Person die Zahl auf 300 Mrd. Dollar schätzt – das entspricht fast 40 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung.

Sanktionen: Vergesst Londongrad: Die Schweiz ist der größere Fluchthafen reicher Russen
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Ein Teil dieser Vermögenswerte wird nun eingefroren, nachdem die Schweizer Regierung die EU-Sanktionen gegen Hunderte russischer Amtsträger und Unternehmen, darunter auch Putin, übernommen hat. Die Entscheidung fiel mehr als ein Jahrzehnt nach der Aufweichung des strengen Bankgeheimnisses, das die Schweiz zum weltweit größten Zentrum für private Offshore-Vermögen gemacht hatte. Das Land nähert sich damit seinen Nachbarn weiter an und der Schritt weg von der Neutralität dürfte dazu beitragen, den Druck auf die Regierung in Moskau zu verstärken.

„Sie waren aus moralischer Sicht gezwungen, diese Sanktionen zu übernehmen“, sagt Chris Weafer, Geschäftsführer von Macro-Advisory aus Moskau.

Die Schweizer Regierung erklärte am Montag, sie werde die EU-Sanktionen mit sofortiger Wirkung umsetzen, nachdem sie am Wochenende von Oppositionspolitikern und in Leitartikeln führender Schweizer Zeitungen sowie von anderen Regierungen kritisiert worden war. Die EU hatte zuvor einige der reichsten Russen auf ihre Sanktionsliste gesetzt, darunter Alexei Mordaschow, Michail Fridman, Petr Awen, Alischer Usmanow, Gennadi Timtschenko und Alexander Ponomarenko.

Usmanow gehört zu den reichsten Einwohnern der Schweiz, der ein Haus am Genfer See besitzt, wie aus dem jährlichen Ranking der Schweizer Zeitschrift „Bilanz“ hervorgeht. Er besitzt einen großen Anteil an der russischen Investmentgruppe USM und kontrolliert die russische Zeitung Kommersant. Laut dem Vermögensindex von Bloomberg verfügt er über ein Nettovermögen von rund 19,7 Mrd. Dollar.

Am Dienstag gab er eine Erklärung ab, in der er sein Amt als Präsident des Internationalen Fechtverbands mit Sitz in Lausanne niederlegte und die gegen ihn verhängten EU-Sanktionen als „unfair“ bezeichnete, die auf „falschen und diffamierenden Anschuldigungen“ beruhten.

Timtschenko, dessen Vermögen von Bloomberg auf etwa 11 Mrd. Dollar geschätzt wird, hat ein Haus im noblen Genfer Stadtteil Cologny. Er kontrolliert die Wolga Gruppe, eine in Russland ansässige Investmentfirma mit Beteiligungen in den Bereichen Energie, Transport und Bauwirtschaft. Er kennt Putin seit den 1990er-Jahren. Timtschenko ist Mitbegründer des Genfer Ölhandelsunternehmens Gunvor Group, verkaufte seine Anteile jedoch kurz vor der Verhängung von Sanktionen durch die USA wegen der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014.

Ein weiterer prominenter Russe mit engen Beziehungen zur Schweiz ist Viktor Wekselberg, ein leidenschaftlicher Sammler von Faberge-Juweleneiern mit einem geschätzten Vermögen von 17 Mrd. Dollar. Er wurde 2018 von den USA mit Sanktionen belegt. Der Milliardär reduzierte seine Anteile an einer Reihe von Schweizer Industrieunternehmen, um von Sanktionen verschont zu bleiben. Sprecher von Wekselberg und Timtschenko reagierten nicht auf Bitten um eine Stellungnahme.

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Selbst jenseits dieser extremen Reichtümer ist auffällig, wie weit verbreitet Russisch in den Fünf-Sterne-Hotels und den Schmuck- und Uhrenboutiquen an der Zürcher Bahnhofstraße und der Rue du Rhone in Genf gesprochen wird. Das gilt zwar auch für Städte wie London oder München, aber das Geld kam immer dann in die Schweiz, wenn Russland in der jüngeren Geschichte turbulente Zeiten durchlebte.

Als Europa und die USA nach der Besetzung der Krim im Jahr 2014 eine dritte Runde von Sanktionen gegen Russland verhängten, stiegen die russischen Einlagen in der Schweiz sprunghaft um mehr als 13 Prozent an, wie die Zahlen der BIZ zeigen. Nach einer Phase des Rückgangs kam es in den letzten zwei Jahren zu einem erneuten Anstieg der Einlagen, da sich die Beziehungen wieder verschlechterten.

Die Schweiz hat seit Jahren Sanktionen gegen Schurkenstaaten wie Nordkorea und den Sudan verhängt, aber keine so weitreichenden. Die Regierung in Bern erkannte am Montag die Bedeutung dieses Moments an und erklärte, dass Russlands „beispielloser militärischer Angriff auf ein souveränes europäisches Land der ausschlaggebende Faktor“ für ihre Entscheidung gewesen sei.

Gleichzeitig versuchte sie, die Bedeutung ihres Landes für russische Investoren herunterzuspielen. Die russische Zentralbank hält weniger als zwei Prozent ihrer Vermögenswerte in der Schweiz, sagte der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer am Montag vor Reportern. Und die russischen Direktinvestitionen in der Schweiz machten etwa ein Prozent der gesamten ausländischen Investitionen in der Schweiz aus.

Aber es sind nicht so sehr Unternehmen, sondern Oligarchen und andere reiche Russen, die ihr Geld in der Schweiz angelegt haben. Die Maßnahmen der Regierung sehen auch vor, den Schweizer Luftraum für alle Flugzeuge aus Russland zu sperren, einschließlich der Privatjets, die seit langem die russische Elite ins Land und wieder hinausbringen.

Der einzige Wirtschaftszweig, der von den Sanktionen vom Montag nicht betroffen ist, sind die Ölhandelsunternehmen, die hauptsächlich in Genf und Zug ansässig sind. Nach Schätzungen der russischen und der schweizerischen Regierung werden bis zu 80 Prozent der russischen Rohstoffe über die Schweiz gehandelt.

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