UnternehmenDieser Mann soll VW retten

Johann Jungwirth
Johann Jungwirth vor dem Potsdamer Future Center von VW. Im Gebäude probt der Konzern für die Welt von morgen
© Christoph Mack

Johann Jungwirth steht vor einer Maschine, die aussieht wie einer dieser Autosimulatoren in deutschen Spielhöllen: breiter Sitz, Lenkrad, großer Bildschirm. Besonders viel machen kann man damit nicht – eigentlich nur virtuell geradeaus fahren. Trotzdem beobachtet Jungwirth gespannt jede Bewegung des Mannes, der im Cockpit sitzt. Das Pseudoauto hat eine Eigenschaft, die es wohl in keiner Spielothek gibt: Es hat ein Radio, das nur mit Gesten gesteuert werden kann, und Jungwirth will genau wissen, wie sich das für den Fahrer anfühlt.

Der Mann, der bei Volkswagen den Titel Chief Digital Officer führt, ist zu Besuch beim konzerneigenen Future Center in Potsdam. Hinter ihm eine braune Werkbank, von der ein paar Lötkolben herunterhängen. Um ihn herum in T-Shirts und Baseballmützen einige der jungen Industriedesigner, die in den vergangenen Monaten angeheuert wurden. Das weiße Gebäude am Tiefen See ist einer der Orte, an denen aus einem alten, langsamen, affärengebeutelten Konzern eine Zukunftsmaschine gemacht werden soll. Und Jungwirth ist der Mann, der diese Maschine anwerfen muss.

Paukenschlag in der Branche

Oktober 2015. Der Volkswagen-Konzern durchlebt die schlimmste Krise seiner Geschichte. US-Umweltbehörden haben aufgedeckt, dass das Unternehmen mit einer Betrugssoftware systematisch die Abgasauflagen für Dieselfahrzeuge umgangen hat. Es drohen Milliardenstrafen. Mitten in diesem Wahnsinn trifft sich der neue Konzernchef Matthias Müller in der VIP-Lounge des Stuttgarter Flughafens mit einem Mann, den er als neuen Mitarbeiter gewinnen will: Johann Jungwirth ist damals 42 und Angestellter bei Apple im Silicon Valley, ein freundlicher Mensch mit Mittelscheitel und einer randlosen Brille. Der VW-Chef kann ihn überzeugen – und Jungwirths Abwerbung bei Apple sorgt in der Branche für einen Paukenschlag. „Müller und ich waren uns nach einer halben Stunde einig, dass das genau die richtige Stelle für mich ist“, sagt Jungwirth ein Jahr später. „Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich könnte in diesem Konzern den größten Impact haben.“

Impact, Wirkung. Das ist es, was man sich bei Volkswagen sehnlichst von Jungwirth erhofft. Denn im Grunde ist das Problem, das der Konzern hat, viel größer als der Dieselskandal. Das Getrickse um die Abgase hat gezeigt, dass die Innovation in dem Unternehmen eine völlig falsche Richtung eingeschlagen hatte. Die Ingenieure überboten sich darin, Verbrennungsmotoren zu optimieren, notfalls mit Betrug. Dabei ging es längst darum, das Autofahren zu verändern. Und dabei waren andere ziemlich weit davongezogen. BMW baute Elektroautos, die als Vorzeigemodelle galten – während über den E-Golf kaum jemand sprach. Daimler zog den weltgrößten Anbieter von nicht stationärem Carsharing hoch – Volkswagen experimentierte in Hannover ein bisschen herum. Tesla programmierte eine elegante Benutzeroberfläche, die die Branche nervös machte – bei VW galten Bildschirme im Auto als etwas, was halt auch dabei sein musste.

Nun aber soll alles anders werden. Im Herbst 2016 verkündet die Konzernleitung einen Zukunftspakt, der im Grunde ein anderes Unternehmen zum Ziel hat: Fokus auf Elektroautos, digitale Vernetzung, sogar in die Fertigung von Batteriezellen will VW einsteigen. Und das alles mit bald 30 000 Arbeitsplätzen weniger. All das betrifft nur die Kernmarke, aber schon bei der Verkündung des Plans ist vom „größten Umbauprogramm in der Geschichte des Unternehmens“ die Rede.