ExklusivTönnies gegen Tönnies

Clemens Tönnies
Clemens Tönnies will sich von seinem Neffen nicht aus dem Chefbüro vertreiben lassen
© Christian Protte

Wenn man Clemens Tönnies nach den Kosten des Familienstreits in Deutschlands größtem Fleischkonzern fragt, greift er zum Telefon und wählt die Nummer eines Mitarbeiters. „Hömma, wie viele Seiten dick ist der Familienstreit?“, fragt er. Tönnies hört zu, lächelt ungläubig. „Und was hat das bislang gekostet?“ Dann legt der Konzernchef auf und sagt: „120 000 Seiten à 300 Euro.“

Selten hat ein Streit in einer deutschen Unternehmerfamilie so viele Werte vernichtet wie bei Tönnies: das Vertrauen in der Familie, den Frieden im Unternehmen – und viele Millionen Euro. Profitiert haben andere: zum Beispiel der Anwalt Mark Binz, der den Neffen Robert Tönnies bei den Klagen gegen seinen auch als Aufsichtsratschef von Schalke 04 bekannten Onkel Clemens vertritt. Binz ist einer der großen Gewinner des seit drei Jahren tobenden Kriegs um die Macht im ostwestfälischen Milliardenkonzern – selbst wenn sich die zerstrittenen Parteien doch noch auf eine außergerichtliche Lösung einigen sollten.

Wenn es in großen deutschen Familienunternehmen kracht, ist Binz’ Stuttgarter Kanzlei häufig mit im Spiel. Im Streit bei Haribo haben der Anwalt und seine Partner vor einigen Jahren mitgemischt. Und auch bei Voith, Breuninger, Electronic Partner (EP) und Heitkamp & Thumann. „Mehr als 300 große Fälle“ habe er in den vergangenen 30 Jahren betreut, sagt Binz – mit einer Erfolgsquote von „mehr als 90 Prozent“. Der 65-jährige Anwalt, der als einer der bekanntesten und bestbezahlten der Republik gilt, brüstet sich damit, ein Friedensstifter zu sein. Ein Spezialist für die Bereinigung von Familienstreitigkeiten.

Doch Recherchen von Capital belegen, dass Binz den Streit häufig zunächst sogar anfacht – nicht nur im Fall Tönnies, der gleich mehrere Gerichte beschäftigt. In E-Mails und Schreiben an Mandanten, die Capital vorliegen, beschreibt der Jurist, mit welchen Methoden er in Familienfehden „Drohszenarien“ aufgebaut habe, um den Druck auf die Gegenseite zu erhöhen: von Indiskretionen in der Presse bis hin zu der Drohung, Strafanzeige gegen Vertreter der anderen Seite zu stellen. Die Eskalation zahlt sich für Anwälte wie Binz aus: Je schwerer eine Einigung wird, desto länger dauert der Streit – und desto höher fallen ihre Rechnungen aus.

Im Gerichtssaal ist Anwalt Mark Binz (r.) immer an der Seite von Robert Tönnies
Im Gerichtssaal ist Anwalt Mark Binz (r.) immer an der Seite von Robert Tönnies
© Heinrich Holtgreve

Seine Kanzlei, lobt sich Binz gegenüber einem seiner Mandanten, sei „wie keine andere in der Republik dafür bekannt, jeden Weg zu Ende zu gehen und auch nicht davor zurückzuschrecken, im Interesse unserer Mandanten Fehlverhalten von Granden der deutschen Wirtschaft notfalls sogar dem Staatsanwalt anzuzeigen“. Eine „Hälfte unseres Erfolges und damit unserer Wertschöpfung“, schreibt er weiter, entfalle „auf das Drohszenario, das wir von der ersten Minute an allein durch unsere Einschaltung und unsere vorausgegangenen beruflichen (abschreckenden) Erfolge in anderen Mandaten wie Haribo oder EP aufgebaut haben“. Zu dieser Eigenwerbung passen die Kriegsmetaphern, die Binz in seiner Korrespondenz gerne verwendet: Darin ist die Rede von einer „militärischen Ausgangsbasis“, von „Schlachtplänen“ und „Kriegskassen“.

Selbst im Fall Haribo gibt es Zweifel an Binz’ Vermittlerleistung – obwohl der Anwalt die Einigung zwischen Firmenpatriarch Hans Riegel und seinen Neffen auf eine Nachfolgeregelung im Jahr 2010 heute als sein „Meisterstück“ rühmt. Bei Haribo habe er für beide Familien den „Königsweg“ gefunden, schrieb Binz vor einigen Monaten an den Unternehmer Ulrich Bettermann. Auch Hans Riegel sei „mit sich im Reinen“ gewesen. Für Bettermann, geschäftsführender Gesellschafter eines Familienkonzerns für Gebäudetechnik und Mitbegründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, ist das eine falsche Behauptung: „Mein verstorbener Jagdfreund Hans Riegel hat sich viele Jahre über Sie ärgern müssen“, schrieb er an Binz. Zugleich drohte er damit, in Davos vor dem Anwalt zu warnen.

Auch ein Haribo-Insider sagte gegenüber Capital, Binz habe den Familienkonflikt bei den Riegels erst richtig befeuert: „Er hat alle Tabus gebrochen. Das ging sehr ins Persönliche.“ Nach Angaben des Firmenkenners sei es am Ende auch nicht Binz gewesen, der die Einigung erreicht habe, sondern ein Partner aus seiner Kanzlei. 

Capital hat Binz schriftlich um Stellungnahme zu diesen Vorwürfen sowie zu seinen Methoden und seinem Geschäftsmodell gebeten. Doch Binz antwortete nicht auf die Fragen. Stattdessen schaltete er vergangene Woche einen Medienanwalt ein. Wenige Tage später sickerte durch, dass es bei Tönnies hinter den Kulissen wieder Einigungsgespräche zwischen den Parteien gibt.