InsolvenzThomas Cook – vom Reisepionier zum Pleitekonzern

Nach 178 Jahren ist Schluss: Der Reisekonzern Thomas Cook ist pleite
Nach 178 Jahren ist Schluss: Der Reisekonzern Thomas Cook ist pleite dpa

Seine vielleicht wichtigste Reise legte Thomas Cook zu Fuß zurück. Am 9. Juni 1841 brach der Baptistenprediger in seinem Dorf Market Harborough auf. Sein Ziel: eine Abstinenzler-Kundgebung in der 24 Kilometer entfernten Stadt Leicester. Ein Pferd oder gar eine Kutsche konnte sich der 32-Jährige nicht leisten. Andere Verkehrsmittel gab es nicht – noch nicht. Doch als Cook während des mehrstündigen Marschs eine Pause einlegte, stieß er in einer Zeitung auf eine interessante Meldung. Die Eisenbahn, die seit ein paar Jahren Industriegüter wie Kohle und Stahl durch England transportierte, hatte auf einem neuen Streckenabschnitt einen Personenzug eingesetzt, mit dem sich Mitarbeiter zweier technischer Institute aus Leicester und Nottingham gegenseitig besucht hatten.

Ein Geistesblitz durchzuckte Cook. „Wie wunderbar wäre es“, notierte er in seinen Tagebuchaufzeichnungen, „wenn diese neu entwickelten Kräfte von Eisenbahnen und Reisemöglichkeiten der Ausbreitung des Abstinenzgedankens dienstbar gemacht werden könnten.“

Cook hielt den Alkohol für den Ursprung allen gesellschaftlichen Elends. Schon seit Jahren suchte er nach Wegen, die Trunksucht im viktorianischen England zu bekämpfen. Wichtig erschien es ihm, seinen Mitmenschen nicht nur mit mahnenden Worten zu begegnen, sondern ihnen Alternativen zum prekären Trott des Trinkens anzubieten. Reisen für jedermann: Das klang nach einem Trumpf im Kampf gegen den Alkohol.

Am Ende seines Fußmarschs hatte Cook einen Plan gefasst: Er wollte eine Zugfahrt für die Anhänger der Abstinenz-Bewegung organisieren. Die Aktivisten, denen er in Leicester davon erzählte, waren begeistert. Unter ihnen war der Direktor der regionalen Bahngesellschaft Midland Railways. Als Cook dort am nächsten Morgen einen Sonderzug anfragte, bekam er gleich noch eine Spende obendrauf. Mit dem Startkapital druckte er Plakate und Werbezettel, auf denen er Tickets zum Sonderpreis von 1 Schilling anpries – Schinkenbrot und Tee inklusive.

Knapp einen Monat später, am 5. Juli 1841, versammelten sich 485 Abstinenzler am Bahnhof von Leicester, um gemeinsam ins 18 Kilometer entfernte Loughborough zu fahren. Nur einer der Waggons hatte Sitzplätze und ein Dach, in den übrigen neun standen die Passagiere unter freiem Himmel – unter ihnen die Mitglieder einer Blaskapelle. Die Fahrt wurde zum Ereignis: „Menschen drängten sich auf den Straßen, lagen in Fenstern, standen auf Dächern und jubelten uns auf der ganzen Strecke mit den herzlichsten Willkommensrufen zu“, notierte Cook. In Loughborough zog die illustre Reisegruppe quer durch den Ort in einen Park, wo ein Picknick, Musik, Sport, Spiele und Reden auf sie warteten. Gegen 22.30 Uhr abends fuhr der Zug mit den erschöpften Teilnehmern zurück nach Leicester.

Reisen für Jedermann

So begann die Karriere eines Mannes, der etwas in Gang setzte. Thomas Cook erweiterte den Bewegungsradius seiner Mitmenschen ins damals Unvorstellbare. Seine Nachfolger verhalfen Millionen von Reisenden zu neuen Eindrücken, zu Ablenkung, Erholung und Zerstreuung. Cooks ursprüngliches Ziel, die Eindämmung des Alkoholmissbrauchs, geriet dabei zunehmend aus dem Blick: 180 Jahre nach seinem ersten Geistesblitz gehören Saufgelage in beispielsweise spanischen und thailändischen Touristenhochburgen zu den negativen Auswüchsen jenes globalisierten Billigtourismus, den die Welt einem Prediger aus Leicestershire verdankt.

Cooks Verdienst war es, das Reisen zum erschwinglichen und allgemein zugänglichen Konsumgut zu machen, das für viele heute zu den wichtigsten und schönsten Aspekten des Lebens zählt. Zudem legte er den Grundstein für eine der größten und stabilsten Wachstumsbranchen weltweit: Mit zuletzt sieben Milliarden Reisen und einem Marktumfang von 8000 Mrd. Euro ist der Tourismus laut Weltverband WTTC für 10,4 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und jeden zehnten Job verantwortlich. Auch die Thomas Cook Group zählte bis zur Insolvenz zu den größten Reisekonzernen der Welt. Das angeschlagene Unternehmen wurde zuletzt nur durch einen Schuldenschnitt und eine Kapitalerhöhung des chinesischen Investors Fosun am Leben gehalten. Am Montag musste der Reisekonzern dann doch Insolvenz anmelden: Für die Rettung fehlten 200 Mio. Pfund. Die britische Regierung wollte nicht einspringen.