Ukraine Putins Krieg verändert Deutschlands Energiezukunft

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Auf dem deutschen Energiemarkt bleibt mittelfristig nichts, wie es war. Betroffen davon sind alle: der Staat, die Unternehmen, die Verbraucher

Nord Stream 2 ist tot – aber das ist nur ein kleiner Teil der Veränderungen, die sich für unsere Energiezukunft abzeichnet. Man kann getrost vom größten Umbruch des Energiemarkts seit 50 Jahren sprechen, der uns bevorsteht. Dafür gibt es zwei Gründe: den Klimawandel und Putins Krieg gegen die Ukraine. Für den Kampf gegen den Klimawandel gibt es eigentlich ein Konzept in Berlin, doch durch Putins Krieg bedarf es einer ganz grundlegenden Revision. Bisher wollte die Regierung, wie es im Koalitionsvertrag der drei Parteien heißt, auf Erdgas als „Übergangsenergie“ setzen. In der Praxis liefe das für einige Jahre auf noch mehr russische Lieferungen hinaus, wenn wir nach dem Ausstieg aus der Atomenergie auch noch auf die Kohle verzichten. Das erscheint nun weder sinnvoll noch machbar.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat den Stopp der neuen Pipeline mit einem Auftrag an seinen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verbunden, die Sicherheit unserer Energieversorgung im Licht des Kriegs gegen die Ukraine neu zu bewerten. Man kann schon jetzt prophezeien, was bei dieser Prüfung herauskommen dürfte: Die geopolitische Lage zwingt uns, unsere starke Abhängigkeit vom russischen Erdgas zu reduzieren. Habeck und die Grünen gehören in der Regierung zu den schärfsten Kritikern Putins. Kaum denkbar, dass sie sich auf ein „Weiter so“ in den Beziehungen zu Russland einlassen. Damit geraten sie jedoch in Widerspruch zu ihrer bisherigen Klimapolitik, die noch für Jahre auf Erdgas setzt.

Deutschland braucht ein neues Energiekonzept

Einen Teil der russischen Lieferungen kann man durch Flüssiggas (LNG) aus anderen Ländern ersetzen. Aber reicht das aus? Wohl kaum. Deshalb hagelt es schon jetzt aus verschiedensten Ecken sehr viele Vorschläge: die Atomkraft wiederbeleben, die Kohlekraftwerke später abschalten, noch schneller Windkraftanlagen bauen als bisher schon geplant, noch stärker Energie sparen. Jeder Vorschlag kommt mit politischen und ökonomischen Kosten daher. Klar dürfte sein: Deutschland braucht ein neues Gesamtkonzept. Und Robert Habeck führt bei seiner Gestaltung die Feder. Und Dutzende von Lobbyisten dürften ihn dabei hart bedrängen.

Was immer man beschließt, trifft irgendwie alle: Die Verbraucher müssen sich oder so auf höhere Strom- und Heizungspreise einstellen. Die Industrie muss aufpassen, ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren. Der Staat muss wahrscheinlich sehr viel mehr Geld ausgeben, um den Umbruch zu organisieren und gleichzeitig sozial abzufedern. Und eine Branche zittert um ihr gesamtes Geschäftsmodell: die deutsche Öl- und Gaswirtschaft. Sie setzt seit viel Jahren alles auf den Partner Russland, machte sich bis zuletzt sogar zum Sprachrohr Putins und steht nun vor einem Scherbenhaufen.

Das gilt vor allem für Wintershall DEA. Der Konzern bezieht nicht nur Erdgas aus Russland, sondern betreibt ein großes Förder-Joint-Venture mit Gazprom und zählt den russischen Oligarchen Michael Fridman zu seinen Hauptaktionären. Als Finanzier von Nord Stream 2 muss Wintershall um Hunderte von Millionen Euro bangen. Das direkte Russland-Geschäft sorgte zuletzt für ein Fünftel der Gewinne. Und vorbereitet hat sich Wintershall-Chef Mario Mehren, der noch unmittelbar vor dem Angriff auf die Ukraine Putins Friedensbeschwörungen glaubte, auf gar nichts. Bei einer Telefonkonferenz mit Investoren lehnte Mehren deshalb in der letzten Woche jede Aussage zur aktuellen Lage ab. Lediglich einen Satz ließ sich der Manager abpressen: Man müsse wohl mit „weitreichenden Konsequenzen“ rechnen.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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