Deutsche BankPaul Achleitner und die 15 Deutsche-Bank-Zwerge

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Mit der Nummer 13 tritt ab: Garth Ritchie, mit der Nummer 14 folgt: Sylvie Matherat, mit der Nummer 15 schließlich: Frank Strauß. Die drei Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank, die am Sonntag vor und nach der Aufsichtsratssitzung ihren Hut nehmen durften, könnten einen Club mit ihren vielen Leidensgenossen bilden. Seit seinem Amtsantritt Ende Mai 2012 hat der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner damit nicht weniger als 15 seiner Spitzenleute verschlissen. Macht unterm Strich 2,1 Vorstandsmitglieder pro Amtsjahr – ein einsamer Spitzenrekord in der ganzen deutschen Wirtschaft und zugleich ein trauriger Tiefpunkt ihrer Führungskultur.

Dafür rücken mit Christiana Riley, Bernd Leukert und Stefan Simon drei neue Leute in den Vorstand ein. Von einer strafferen Führung, die viele erwartet hatten, kann also keine Rede sein: Unterm Strich bleibt es vorerst bei neun Spitzenmanagern in Frankfurt. Bleibt also nur ein nachhaltiger Personaleffekt: Je mehr Vorstände der Aufsichtsratschef durch den Fleischwolf jagt, umso weniger trauen sich die Großaktionäre, ihn selbst in die Wüste zu schicken. Leicht austauschbare Manager und ein ganz schwer ersetzbarer Aufseher – diesen Eindruck erweckt der trickreiche Österreicher nun schon seit einer ganzen Weile. Überschrift für eine Groteske: Der große Paul Achleitner und die 15 Zwerge der Deutschen Bank.

Die Bank verliert ihr Gedächtnis

Einige seiner Personalentscheidungen, von seinen willigen Aufsichtsratskollegen wie immer abgenickt, grenzen mittlerweile ans Absurde. Beispiel Garth Ritchie: Der Brite rückte erst am 1. Januar 2016 in die Bankspitze auf, heftete sich erst vor 15 Monaten die unerwartete Beförderung zum Vize-Vorstandsvorsitzenden ans Revers, konnte sich vor acht Monaten über einen neuen Vierjahresvertrag freuen – nur um jetzt in Windeseile durch die Drehtüren der Frankfurter Doppeltürme zu enteilen. Die Bilanz von sieben Jahren Achleitner, Stand heute: vier Vorstandschefs, drei Finanzchefs und unzählige Ressortchefs in praktisch allen Bereichen der Bank. Im jetzigen Vorstand gibt es nur einen einzigen Mann, der dort bereits vor fünf Jahren saß: Risikochef Stuart Lewis, der Überlebenskünstler der Deutschen Bank.

Die Folgen des stetigen Personalwechsels kann man in den mittleren und unteren Managementebenen des Kreditinstituts besichtigen. Die Faustformel: Jeder neue Vorstand bringt zehn Vertraute mit – und trennt sich von mindestens genauso vielen Mitarbeitern seines Vorgängers. Bis 2015 gab es bei der Bank beispielsweise ein Group Executive Committee (GEC) direkt unter dem Vorstand. Heute arbeiten von den 15 Mitgliedern, die eine Zeitlang in dem Gremium saßen, nur noch zwei in dem Kreditinstitut. Jetzt gründet man in Frankfurt wieder eine derartige Runde – dieses Mal mit insgesamt zehn Männern und Frauen. Und damit sich niemand über den Déja-Vu-Effekt lustig macht, bekommt das Kind einen neuen Namen: Group Management Committe (GMC). Es lebe der Unterschied!

Die alte Erfahrung von Personalberatern sagt: Übersteigt der Personalwechsel das normale Maß, verliert ein Unternehmen sein „Organisationsgedächtnis“ – und das Engagement aller Mitarbeiter sinkt. Wer soll sich noch für neue Ideen begeistern, wenn sie doch nur für ein paar Monate gelten? Wie sollen sich motivierte Teams bilden, wenn der Chef kurz nach seiner Berufung schon wieder mit einem Bein im Aus steht? Egal wie genial eine neue Organisation sein mag – was soll sie bringen, wenn alle spätestens in einem Jahr mit einer neuen rechnen?

Die Deutsche Bank läuft immer mehr Gefahr, ihre frühere Leistungskultur von innen heraus zu zerstören. Die zittrige Hand des sichtlich überforderten und von einigen Aktionären nur noch getriebenen Aufsichtsratsvorsitzenden hat eine negative Dynamik ausgelöst, die sich nur noch schwer stoppen lässt. Selbst ein Abschied Achleitners, den viele herbei wünschen, könnte an diesem Befund nicht viel ändern.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.