ReportageKTG: Der Felduntergang

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KTG-Chef Hofreiter vor dem Fuhrpark - am Ende hatten die Fahrzeuge nicht einmal mehr Diesel
KTG-Chef Hofreiter vor dem Fuhrpark – am Ende hatten die Fahrzeuge nicht einmal mehr Diesel
© laif

Wer fragt, fliegt

Dass das komplizierte Firmengeflecht zulasten der Aktionäre gehen könnte, hatte der Konzern in seinen Anleiheprospekten sogar selbst erwähnt. Es bestünden vielfältige Verträge und Beziehungen zu „nahestehenden Personen“, hieß es darin. Dabei bestehe „ein erhöhtes Risiko, dass die Vertragsbedingungen nicht marktgerecht sein könnten, sondern unter Umständen erheblich zum Nachteil der Gesellschaft vom Marktstandard abweichen“. Das ist nicht übertrieben. Selbst als KTG schon längst an der Börse war, liefen die Geschäfte des Konzerns wie in einem Familienunternehmen. Bis

2008 saß im Vorstand nicht nur Hofreiters Lebensgefährtin Ams, sondern auch sein jüngerer Bruder Werner. Nachdem beide ausgeschieden waren, regierte Hofreiter bei KTG wie ein Fürst. Sein Hofstaat bestand aus Managern, die kuschten. Widerworte duldete er nicht. Hofreiter war herrisch bis cholerisch. Dann wieder charmant bis väterlich. Jede Entscheidung ging über seinen Tisch. Wer nachfragte, flog raus. Das war sein anderes Gesicht.

Macht man sich heute da ran, das Firmengeflecht hinter KTG zu entwirren, landet man zunächst in Hamburg. Die Ferdinandstraße nahe der Binnenalster, wo sich der offizielle Hauptsitz der KTG-Gruppe befindet, ist eine der feinsten Adressen der Stadt. In den alten Kontorhäusern residieren traditionsreiche Reedereien und Privatbanken. Die KTG-Büros dagegen quetschen sich auf wenige Quadratmeter im zweiten Stock eines vergilbten Nachkriegsbaus. Auf dem Flur hängen neben einem Briefkasten zwei Schilder: „KTG Gruppe“ und „Empfang“. Bürozeiten: 9 bis 15 Uhr, freitags bis 12. Die Ferdinandstraße ist Teil der Seifenblase, die Hofreiter verkaufte. Als KTG an die Börse ging, brauchte er einen Sitz in der Handelsmetropole – nicht im piefigen Oranienburg.

KTG-Schattenreich

Neben dem offiziellen Firmensitz liegt aber auch die Zentrale des KTG-Schattenreichs in Hamburg, in der Schauenburgerstraße nicht weit entfernt vom Rathaus. Hier sitzt die Dachgesellschaft, über die Ams ihren 38-Prozent-Anteil am KTG-Konzern hält. Auch die private Stiftung von Hofreiter und Ams hat hier einen Briefkasten, dazu eine Reihe weiterer Gesellschaften. Viele von ihnen wurden einmal von der Berliner Cormoran eingerichtet, einem Dienstleister, der leere Firmenmäntel verkauft. Auf Wunsch stellt der Cormoran-Eigentümer auch Personen, die im Handelsregister offiziell als Geschäftsführer firmieren: sich selbst – oder seine Sekretärin.

Der Berliner Firmenhändler half Hofreiter und Ams dabei, ein Geflecht von privaten Firmen und Beteiligungen rund um den Konzern zu bauen. Dafür wurden Vorratsgesellschaften gekauft und dort als Geschäftsführer immer wieder die gleichen Vertrauten installiert. Etwa Winfried B., ein mehr als 80 Jahre alter Rentner. B. agierte auch als Geschäftsführer oder Vorstand bei mehreren KTG-Firmen. „Hofreiter hatte alle Fäden in der Hand. Aber er brauchte Strohleute“, sagt ein Firmeninsider. Dafür habe er eine Handvoll „honoriger Buddys“ gehabt, die wenig fragten und viel unterschrieben.

Ein Firmenvehikel names Sampi

Der honorige Buddy Winfried B. leitete so seit 2010 offiziell als Vorstand die N.E.W. Organic Energy AG (NOE), die ihren Sitz ebenfalls in der Schauenburgerstraße hat. Als KTG im Biogasgeschäft expandierte, beauftragte der Konzern die NOE mit dem Bau zahlreicher Anlagen. Diese Verträge als Generalunternehmer waren ein lukratives Geschäft. Allein von Mitte 2010 bis Ende 2011 schlossen mehrere Biogas-Tochterfirmen von KTG Verträge mit der NOE ab. Es ging um 60 Mio. Euro. Schon bei einer marktüblichen Marge von drei Prozent dürfte damit bei der NOE, einer reinen Abwicklungsfirma ohne Personal, ein Gewinn in Millionenhöhe verbucht worden sein.

Wer sich für den Eigentümer des Großauftragnehmers interessiert, muss sich erneut durch ein kompliziertes Dickicht aus Zwischengesellschaften, Beteiligungen und Anteilsverkäufen schlagen. Am Ende landet er bei einer Gesellschaft namens Sampi Verwaltungs AG. Bei Sampi handelt es sich um ein Firmenvehikel, das im Jahr 2011 gegründet wurde und seitdem immer wieder auftauchte, wenn im KTG-Reich Anteile an Unternehmen zwischen dem Konzern und dem Familienumfeld verschoben wurden. So auch beim Biogasanlagenbauer NOE. Dort übernahm Sampi 2011 über eine dritte Gesellschaft eine Mehrheitsbeteiligung – just zu der Zeit, in der die größten Umsätze anfielen. Erst 2014, als Kürzungen der Ökostromförderung den Biogasboom beendeten, ging der Anlagenbauer zurück an den Konzern.

Der Partyservice aus Bayern

Doch wer steckt hinter Sampi? Als einziger Gesellschafter ist eine Firma eingetragen, die nach den Recherchen von Capital direkt in das Umfeld der Familie Hofreiter führt. Ihr Name: GPS Kadeltshofen GmbH, merkwürdigerweise ein Partyservice aus der Nähe von Neu-Ulm. Dessen Eigentümer ist Eugen S. – ein alter Weggefährte von Hofreiter aus den frühen 90er-Jahren.

Damals hatte Hofreiter sich in Sulzemoos mit einer Reihe von Firmen versucht: Eine Hühnerfarm war darunter, ein Zuchtbetrieb für Chinchillas, zwei Fahrradfirmen und der Getränkevertrieb Tropicana. Schon damals mischten seine Brüder Josef und Werner mit – und auch Eugen S.

Bei der Bavaria Radsport führte der Kaufmann einige Jahre lang die Geschäfte, zeitgleich mit Hofreiter. Auch bei der Bavaria Import-Export amtierte Eugen S. als Geschäftsführer. Beide Gesellschaften gingen pleite und wurden laut Handelsregister bis 1997 „durch Abweisung des Konkurses mangels Masse aufgelöst“. Siegfried Hofreiter wurde 2002 für Konkursverschleppung in mehreren Fällen verurteilt. Doch das Verhältnis zu Eugen S. überstand den Bankrott. Noch heute taucht der alte Wegbegleiter im Familienumfeld auf – etwa im Aufsichtsrat eines privaten Unternehmens von Werner Hofreiter, zusammen mit Beatrice Ams. Keiner der Beteiligten wollte sich auf Anfrage zu dem Beziehungsgeflecht zwischen dem Konzern und privaten Gesellschaften äußern.

Aktionäre nicht unterrichtet

Auch auf die Firma Sampi, jene Investmentfirma, die Eugen S. faktisch kontrolliert, stößt man häufiger – etwa bei einem Deal mit Tiefkühlkost. Für Hofreiters „Vom Feld bis auf den Teller“-Strategie kaufte KTG Anfang 2011 den Tiefkühlkosthersteller Frenzel – auch bekannt als das „Iglo Ostdeutschlands“. Aber während der KTG-Chef öffentlich noch über die „hervorragende Wachstumsperspektive“ des Tiefkühlgeschäfts schwärmte, lief 2014 eine Aktion an, um Frenzel aus dem offiziellen Konzern ins KTG-Schattenreich zu holen.

Im November 2014 übernahm Sampi mithilfe einer Vorratsgesellschaft eine belgische Firma namens De Buitenakkers – eine Tochter des Lebensmittelkonzerns Greenyard. Im Geschäftsbericht von Greenyard für 2014 ist zwar zu lesen, die Tochter sei komplett an „die KTG-Agrar-Gruppe“ verkauft worden. Tatsächlich gehörte De Buitenakkers ab November 2014 der Sampi, wie Registereinträge belegen.

Von allen diesen Aktivitäten erfuhren die Aktionäre nichts. Selbst, dass Hofreiter den Tiefkühlkosthersteller Frenzel rückwirkend zum 1. Juli 2015 verkauft hatte, blieb lange geheim. Erst im Frühsommer 2016, als KTG schon mit der Pleite kämpfte, wurde das bekannt – und auch der Käufer: De Buitenakkers. Offizielle Begründung: Die Margen bei Frenzel hätten sich nicht wie erwartet entwickelt.