Interview„Italien kann uns Deutschen nicht egal sein“

Symbolbild: EU-Flagge
Symbolbild: EU-FlaggePixabay


Guntram Wolff ist Direktor des renommierten Brüsseler Thinktanks Bruegel. Der Deutsche war zuvor unter anderem bei der Bundesbank tätig und als Berater des International Währungsfonds.


 

CAPITAL: Wie schlägt sich aus Ihrer Sicht die EU derzeit in der Krise?

Guntram Wolff: Leider gibt die EU keine gute Figur ab. Die Kommission kämpft nicht wirklich für eine starke fiskalische Antwort. Richtig ist aber auch, dass sie im Bereich der Gesundheitspolitik wenige Kompetenzen hat. Trotzdem hätte ich mir klare und laute politische Führung erhofft.

Wird die EU unter dem Corona Virus besonders leiden, weil die Nationalstaaten sich abschließen?

Europa wird besonders darunter leiden, dass es das Problem anfänglich unterschätzt hat und dann jeder Staat alleine versucht hat, es zu lösen. Die Grenzschließungen sind nicht das Hauptproblem. Wirtschaftlich ist es viel relevanter, dass Paris Ausgangssperren durchsetzt als dass die Grenze zwischen Belgien und Frankreich stärker kontrolliert wird.

Steht Europa anderereits jetzt nicht besser da als andere Regionen, weil es bessere Systeme zur Abfederung der Arbeitslosigkeit gibt?

Der europäische Sozialstaat ist definitiv sehr hilfreich in der derzeitigen Situation. Meine größte Sorge ist aber, dass wir insgesamt zu schwach reagieren werden. Italien hat zum Beispiel bis jetzt nicht stark genug reagiert. Es braucht viel größere Hilfeleistungen der Regierung, um einigermaßen akzeptabel aus der Krise herauszukommen. Wenn nicht mehr getan wird, wird es viel zu viele Insolvenzen geben.

Woran denken Sie dabei konkret?

Italien kann uns Deutschen nicht egal sein. Ein dauerhafter wirtschaftlicher Einbruch wäre auch eine Katastrophe für Deutschland. Neben dem Sozialstaat benötigen wir europäische Solidarität so dass Italien stärker reagiert.

Was ist Ihre Prognose: Wer wird am Ende insgesamt die Krise besser bewältigt haben: China oder Europa oder die USA?

China scheint derzeit klar am besten dazustehen. Ich sehe nicht, warum sich das noch ändern sollte.

Werden sich die Kräfte in der Weltwirtschaft verschieben, weil China sich schon erholt, wenn Europa noch mitten drin ist in der Corona-Krise?

Insgesamt machen mir die langfristigen Konsequenzen dieser Krise Sorge für Europa. Wir werden viel Wirtschaftskraft verlieren. Europa benötigte schon vor der Krise einen Strukturwandel – mehr Digitalisierung, neue Geschäftsfeldern. Jetzt verlieren wir Teile der alten Industrie. Es muss eine Priorität sein, jetzt neue Geschäftsfelder im digitalen und grünen Bereich aufzubauen.