Interview"Ich kann nur jedem raten, die nächsten Jahre auf der Hut zu sein"

Hans Werner Sinn
Hans Werner Sinn: Der einstige ifo-Präsident ist seit zwei Jahren im Ruhestand. Seine Meinung vertritt er aber weiterhin öffentlich lautstark.

Capital: Herr Sinn, Sie waren fast zwei Jahrzehnte Chef des Ifo-Instituts und haben in dieser Zeit einiges an politischen und ökonomischen Turbulenzen erlebt. Wie empfinden Sie es – als Ökonom im Ruhestand sozusagen -, dass ausgerechnet der Präsident der USA nun an einem der Grundpfeiler der klassischen Ökonomie rüttelt, dem Plädoyer für einen freien Welthandel?

Hans-Werner Sinn: Das ist gefährlich für die Weltwirtschaft. Man kann Trumps Maßnahmen aber auch so interpretieren, dass er Europa und China vorwirft, selbst keinen freien Handel zuzulassen. Wir Europäer haben uns zunächst einmal an die eigene Nase zu fassen. Amerikanische Autos werden in Europa mit 10 prozentigen Zöllen belastet. Europäische Autos in Amerika nur mit 2,5 Prozent. Eine zweite Branche, in der Europa Protektionismus betreibt, ist der Agrarsektor. Die Liste der Agrarimporte, die mit happigen Zöllen belastet werden, ist lang. Milchprodukte werden im Durchschnitt mit 35 Prozent belastet, Fleischprodukte im Durchschnitt mit 17 Prozent. Rindfleisch gar mit über 60 Prozent.

Was halten Sie generell von Trumps Wirtschaftspolitik?

Autobiografie Hans Werner Sinn
Zuletzt erschienen: Die Autobiografie von H.-W. Sinn

Das erinnert mich an Reagans Wirtschaftspolitik. Ein riesiges Keynesianisches Konjunkturprogramm, das den ohnehin schon stattfindenden Aufschwung weiter anheizt und die Zinsen erhöht, was selbst wiederum eine Dollar-Aufwertung induzierte. Unter Reagan geriet Mexiko zwei Jahre nach seiner Wahl in eine verheerende Schuldenkrise. Der deutsche Immobilienboom brach ab und es kam zu einer großen Krise der Entwicklungsländer. Ich kann nur jedem raten, für die nächsten zwei, drei Jahre auf der Hut zu sein.

Glauben Sie denn, dass die enormen Steuererleichterungen der Trump-Regierung auf Dauer tragbar sind?

Nein, denn die Gegenfinanzierung fehlt. Es ist ein Strohfeuer, ein reines Schuldenprogramm. Dennoch hat diese Strohfeuer die Kraft, die Welt in Unordnung zu bringen.

In Ihrer Zeit als Ifo-Chef haben sie die finanzielle Unterstützung Griechenlands sehr kritisch gesehen. Im Sommer läuft nun das letzte Rettungspaket aus. Glauben Sie, dass das Schlimmste mittlerweile endlich überstanden ist?

Nein, Griechenland ist nach wie vor von einer gesunden Wettbewerbsfähigkeit weit
entfernt. Die Produktion ist trotz einer gewissen Preiszurückhaltung in den letzten Jahren
noch immer viel zu teuer. Die Löhne, die vor der Lehmann-Pleite aufgeblasen wurden, sind
nach wie vor viel höher, als es mit der Produktivität kompatibel ist. Sie verhindern, dass
Griechenland zu einem attraktiven Standort für Industrieansiedlungen werden kann. Der
Plan der Griechen, eine Dienstleistungswirtschaft aufzubauen, die durch stets wieder neue
Kredite aus dem Ausland am Leben gehalten wird, kann auf Dauer nicht funktionieren. Jetzt sollen alte Schulden erlassen werden, sagt der IWF, damit neue Schulden gemacht
werden können. Eine tolle Logik!

Aber die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands hat sich doch verbessert. Die
Lohnstückkosten konnten in den letzten Jahren reduziert werden und es kommen
mittlerweile auch wieder Investoren, insbesondere aus China…

Ja. Die Preiserhöhungen die vor 2008 stattgefunden haben, hatten eine ganz andere
Größenordnung als die verringerten Lohnstückkosten jetzt. Griechenland müsste um 30
Prozent gegenüber 2007 real abwerten, also durch Senkung seiner relativen
Produktpreise. 11 Prozent sind tatsächlich passiert. Je mehr Rettungskredite kommen,
desto länger dauert die Kur.