GastkommentarGrenzen der Fußball-Globalisierung

Franck Ribéry posiert mit chinesischen Fans
Go East: Die führenden Bundesligaclubs wollen im Ausland wachsen - vor allem in ChinaKa Xiaoxi

Bundesligaspiele am Sonntag zur Mittagszeit, irrwitzige Ablösesummen und eine chinesische Junioren-Nationalmannschaft, die demnächst (wenn auch außer Konkurrenz) in der deutschen Regionalliga mitspielen soll – die deutschen Fußballfans müssen derzeit mal wieder einige Kröten schlucken. Weitere Ideen, die dem Fan ganz und gar nicht schmecken dürften, werden bereits rumgereicht. So könnte das DFB-Pokalfinale in einigen Jahren in China ausgetragen werden, um den „neuen Markt“ vor Ort zu bedienen und um die fernöstlichen Fans nicht mehr nur mit Freundschaftsspielen im Rahmen der Saisonvorbereitung abzuspeisen.

Der Gedanke lässt sich leicht weiterspinnen und auf Spiele der Bundesliga oder der Champions League ausweiten. Längerfristig könnte so aus dem einst lokal verwurzelten Fußball ein globaler Wanderzirkus werden. Und das Konzept einer geschlossenen Europa- oder gar Weltliga geistert sowieso seit Jahren durch die Fußballwelt.

Als Fußballfreund konnte man allzu abenteuerlichen Reformideen in der Vergangenheit einigermaßen entspannt entgegensehen. Letztlich muss der Fan bereit sein, den neuen Weg mitzugehen. Denn wenn die Fans mehrheitlich nicht mitmachen und Liebesentzug ankündigen, drohen den Klubs gegebenenfalls empfindliche Umsatzeinbußen. Fußball-Funktionäre mussten deshalb immer mit mindestens einem Auge darauf schauen, wie der Fan tickt, wenn die Kommerzialisierungsspirale ein Stück weitergedreht werden sollte.

Die Revolte ist ausgeblieben

Bisher hat das gut funktioniert. Ein praktikabler Mittelweg war und ist die behutsame Weiterentwicklung des Fußballs, sodass sich die Fans nach und nach an die Neuerungen gewöhnen konnten. Aufreger-Themen – wie zum Beispiel der Verkauf der Stadionnamen an Sponsoren – hat es schon immer gegeben. Zunächst hagelt es in solchen Fällen Proteste von der Fanbasis, aber nach einiger Zeit legt sich die Aufregung meist wieder. Solange unliebsame Reformen langsam und nur häppchenweise umgesetzt werden, bleibt die Revolte letztlich aus.

Ob aufgrund dieser Erfahrungen ein gelassener Umgang auch mit künftigen Reformideen angebracht ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. Mit Blick auf die Anstrengungen der Klubs und Verbände, auf den lukrativen Auslandsmärkten noch besser Fuß zu fassen, drängt sich eine entscheidende Frage auf: Was passiert, wenn den großen Klubs (und den Verbänden) die paar Millionen heimische Fans, die sich nach einer Radikalreform vom Fußball abwenden, egal wären, weil auf den anderen Kontinenten hunderte Millionen potentieller neuer Fans warten? Dann könnte plötzlich der Fan-Faktor wegfallen, der bisher für Kontinuität im Fußballbusiness steht.

Dass der Blick tatsächlich immer mehr Richtung China geht, ist nicht zu übersehen. Nachdem Ende 2016 Vertreter der deutschen und der chinesischen Regierungen ein weitreichendes Fußballabkommen unterzeichnet haben, hat das Thema sogar eine politische Dimension.

Unruhige Zeiten voraus

Einem Volkswirt kommt dabei sofort die wohlfahrtsökonomische Logik in den Sinn, die auch der Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zugrunde liegt. Nach ihr geht es darum, mit wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Entscheidungen möglichst viele Menschen auf der ganzen Welt glücklich zu machen. Die Wohlfahrt einzelner Interessengruppen sollte hingegen keine übergeordnete Rolle spielen. Auf den Fußball übertragen hieße dies zugespitzt: Die Entscheidungsträger im Fußball sollten versuchen, so viele Menschen wie möglich mit dem Fußball zu beglücken – egal, ob die Fans nun in Deutschland, Europa, Amerika oder Asien leben.

Aus wohlfahrtstheoretischer Sicht wäre es geradezu falsch, die angestammten Rechte traditionsbewusster Fans in besonderer Weise zu berücksichtigen, denn alle Fans sind nach dieser Logik gleich viel wert. Dass eine solche Denkweise nicht unproblematisch ist, zeigt sich bei der Globalisierung. Obwohl der insgesamt zu verteilende Wohlstand durch die Globalisierung der Wirtschaft zweifellos gestiegen ist, gibt es Verlierer, die sich zunehmend gegen die für sie negativen Folgen auflehnen – wie nicht zuletzt die Präsidentschaftswahl in den USA gezeigt hat.

Beim Fußball wären die traditionellen Fans in den klassischen Fußballnationen die Verlierer. Und sie ließen sich ganz sicher nicht einfach dadurch besänftigen, dass man ihnen die Vorteile für die neuen Fans in China oder Indien vor Augen hält. Insofern dürften dem Fußball ziemlich unruhige Zeiten bevorstehen – und damit wäre der Fußball einmal mehr Spiegelbild der Gesellschaft.