InterviewGoogle-Europachef Brittin: „Wir haben kein Monopol“

Matt Brittin
Matt Brittin: Der britische Manager ist seit 2007 bei Google und leitet seit 2014 das Europageschäft. Zuvor arbeitete der heute 51-Jährige bei McKinsey und in der Verlagsbranche.Daniel Hofer

Matt Brittin ist zwar regelmäßig in Berlin, trotzdem gibt es auch für ihn jedes Mal noch etwas Neues zu entdecken. So beginnt das Interview mit einem Eingeständnis: Diesmal habe er mit seinem Sohn eine Trabi-Tour gemacht, erzählt der Europachef von Google, als er den Besprechungsraum an der Spree betritt.

Google und dessen Mutterkonzern haben es mit Wettbewerbsverfahren in den USA und Europa zu tun. Ist Google nicht der perfekte Fall für eine Zerschlagung – mit 90 Prozent Marktanteil im Suchmaschinenmarkt und der Möglichkeit, Anzeigenpreise zu diktieren?

MATT BRITTIN: Angesichts des Erfolgs von Google und des rasanten Wachstums des Internets ist es keine Überraschung, dass man uns genauer unter die Lupe nimmt. Für uns ist das aber auch eine Chance zu erklären, wie wir arbeiten – und was andere mit unserer Technologie erreichen können. Unsere Dienstleistungen sind populär, Teil des täglichen Lebens und wichtig für viele Unternehmen. Da stellen sich Fragen, und gerade unser Anzeigengeschäft wird oft nicht verstanden.

Was müssen Sie denn erklären? Hat Google im Onlineanzeigenmarkt keine dominante Rolle?

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Wir sind finanziell erfolgreich, weil wir die, die nach etwas suchen, mit jenen zusammenbringen können, die es anbieten. Und das schnell, nach einem Auktionsprinzip. Die Anzeigenkunden zahlen also immer nur den Preis, den sie bereit sind zu zahlen. Daher können jetzt auch in Europa kleine mit großen Unternehmen konkurrieren. Wer in Portugal handgefertigte Schuhe produziert, konnte die für lange Zeit nur in Portugal verkaufen. Heute kann er das überall tun. Das ist gut für die Unternehmen, die Verbraucher und den Wettbewerb.

Aber Sie haben fast ein Monopol.

Das stimmt nicht. Jedes Unter­nehmen, das heute eine Anzeige schalten will, hat mehr Auswahl als jemals zuvor. Es kann Zeitungen nutzen, Werbezettel, direkte E-Mails, Fernsehen, Radio und alle mö­glichen digitalen Plattformen oder vertikale Suchmaschinen zu unterschiedlichen Themen wie Shopping und Reisen. Unsere Kunden haben eine riesige Auswahl. Denoch sind wir stolz auf unseren Erfolg. Unternehmen, die mit Goo­gle arbeiten, exportieren mehr, und sie wachsen auch schneller als andere.

Es gibt aber den Vorwurf, Ihr Algorithmus sei nicht neutral – große Unternehmen sollen gegenüber kleinen bevorzugt worden sein.

Nein, das geschieht nicht. Die Reihenfolge der Resultate wird in keinster Weise durch Anzeigeneinnahmen oder anderes beeinflusst. Sonst gäbe es ja nur kommerziell orientierte Ergebnisse. Der Mechanismus sieht so aus: Wenn Sie eine Anfrage eingeben, versuchen wir, Ihnen eine möglichst relevante Antwort zu geben. Die Reaktionen darauf werten wir aus. Und ein sehr starkes Signal ist natürlich der Hinweis, auf welche Suchergebnisse geklickt wird.

Google steht auch deshalb so stark unter Beobachtung, weil Ihre Dienste wie ein Portal ins Web funktionieren. Ihre Tochter Youtube ist für jüngere Menschen im Grunde der Zugang zum Netz.

Das ist uns klar, und wir sind uns der Verantwortung bewusst, die damit einhergeht. Wir sind aber der Ansicht, dass eine offene Plattform wie Youtube, über die jeder Inhalte veröffentlichen kann, für die Gesellschaft einen großen Wert besitzt, zum Beispiel im Bereich Bildung.

Allerdings wird ja oft gefragt, ob Youtube überhaupt eine Plattform ist – oder eher ein Verleger, der auch mehr Verantwortung für die hochgeladenen Inhalte trägt.

Wir sehen das so: Nehmen wir einen Verlag, dessen Arbeit darin besteht, für eine Publikation 100, vielleicht 500 Artikel bei professionellen Produzenten in Auftrag zu geben. Dafür kann ein Verleger Verantwortung übernehmen. Bei Youtube werden jede Minute 500 Stunden an Videoinhalten hochgeladen. Einiges davon ist professionelles Material, sehr vieles nicht. Das ist etwas völlig anderes. Das heißt aber nicht, dass wir keine Verantwortung tragen.

Wie sieht die Verantwortung aus?

Wir haben Regeln, was auf der Plattform erlaubt ist. Diese Regeln werden ständig weiterentwickelt und an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst. Manche Inhalte sind in Deutschland legal, aber illegal in anderen Ländern. Entscheidend ist, dass unsere Verantwortung eine andere ist als die des Verlegers.