GastkommentarEons gelungener Coup

Eon
Erneuerbare Energien sind Eons Zukunft
© Eon

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).


Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Der Energie-Gigant Eon plant einen Umbau, der an Radikalität kaum zu überbieten ist. Man wolle sich stärker auf erneuerbare Energien ausrichten und sich dabei auf die dezentrale Energieversorgung mit gezielter Kundenorientierung konzentrieren. Gleichzeitig soll das bisherige Kerngeschäft der konventionellen Energieerzeugung aus Kohle, Gas und Atom ausgelagert und an die Börse gebracht werden.

Nachdem sich der Düsseldorfer Konzern in den vergangen Jahren nicht unbedingt als tatkräftiger Befürworter der Energiewende gezeigt hat, kommt diese unternehmerische Kehrtwende wahrlich überraschend. Der radikale Kurswechsel ruft Skeptiker auf den Plan: Meinen die das ernst? Sind aus eiskalten Realisten über Nacht verträumte Idealisten geworden? Oder ist das Ganze eine Finte, mit der man die Öffentlichkeit über eine unglaublich raffinierte Strategie zur Rettung der Konzernbilanz hinwegtäuschen will?

Schon kursieren die ersten Verschwörungstheorien und es wird vor einer „Bad-Bank“-Konstruktion gewarnt, bei der die anstehenden Kosten auf die Gemeinschaft abgewälzt werden.

Dabei haben die Manager aus Düsseldorf endlich eine wirklich kluge Strategie eingeschlagen, die durchaus vielversprechend klingt. In der Tat sind die wirtschaftlichen Potenziale der Energiewende gigantisch, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Es wird in naher Zukunft kaum einen anderen Bereich geben, der ähnlich stark wachsen, der ähnlich viele Innovationen hervorbringen und der mehr wirtschaftliche Chancen bieten wird. Bereits heute fließen in keinen anderen Markt global mehr Investitionen als in den der erneuerbaren Energien. Eon setzt also ganz nüchtern auf einen, wenn nicht den Wachstumsmarkt der Weltwirtschaft. Es ist also eine Entscheidung von großer ökonomischer Vernunft.

Eon stellt sich den Herausforderungen

Nach eigenen Angaben hat sich Eon bei amerikanischen Unternehmen abgeschaut, wie man sich erfolgreich am Markt (neu)positionieren kann. Entsprechend wurde das Konzept erarbeitet: Die weniger profitablen Unternehmenssparten vor allem in Südeuropa werden verkauft; stattdessen konzentriert sich Eon vor allem auf den Auf- und Ausbau der neuen Energiewelt, die auf Erneuerbare setzt. Sie benötigt andere Energie-Systemlösungen, mehr dezentrale Energie-Produzenten, intelligente Steuerungen von Energie-Angebot und -Nachfrage, eine smarte Kopplung der volatilen erneuerbaren Energien sowie mittelfristig mehr Speicherlösungen. In der neuen Energiewelt werden Stromkunden zu Energieproduzenten, für Strom, aber auch Wärme und Mobilität.

Wer in dieser Weise A denkt, kommt auch schnell auf den Gedanken B – den Abschied von der herkömmlichen Energieerzeugung, die mittels Großkraftwerken Strom zum wenig aktiven Strom-Konsumenten liefert. 

Eon ist kein Pionier in dieser Gedankenwelt. Viele kleine Unternehmen sind in den letzten Jahrzehnten hier mutig vorangegangen. Insofern ist das Risiko begrenzt. Der Düsseldorfer Konzern betritt kein Neuland, aber – und das ist bemerkenswert – er ist der erste große Energiekonzern weltweit, der sich den neuen Herausforderungen konsequent stellt. Ein Dinosaurier stemmt sich nicht nur simpel gegen sein Aussterben, sondern baut sich komplett und radikal für das neue Zeitalter um.

Die bisherigen Stärken des Konzerns lagen bei der konventionellen Energieerzeugung, der Stromproduktion mittels Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken. Doch die Tage der Atomenergie sind gezählt. Die derzeitigen Überkapazitäten im Strommarkt lassen die Börsenpreise sinken und stellen zudem die Wirtschaftlichkeit von Gas-, aber mittlerweile auch von Kohlekraftwerken deutlich in Frage.

Sorge vor einer „Bad Bank“ ist überzogen

Die konventionellen Energien können jedoch künftig wirtschaftlich durchaus noch attraktiv sein. Insbesondere Gas ist für die Energiewende wichtig, nicht nur weil Gaskraftwerke in der Kombination mit erneuerbaren Energien ausreichend flexibel sind, sondern weil Gas nach wie vor für die Gebäudeenergie und künftig auch für die Mobilität bedeutsam sein wird. Doch zuerst muss in den kommenden Jahren eine Marktbereinigung bei den alten ineffizienten Kohlekraftwerken stattfinden, bevor sich herkömmliche Kraftwerke wieder profitabel betreiben lassen. Aber der damit verbundene Konkurrenzkampf lässt sich besser bewerkstelligen, wenn sich das Unternehmen darauf konzentrieren kann – und nicht parallel den Aufbau einer völlig neuen Sparte bewerkstelligen muss. Die Aufspaltung des Konzerns in eben diese beiden Teile scheint deswegen mehr als plausibel. Die eine Hälfte sorgt für ein geschrumpftes, aber nachhaltiges Überleben der fossilen Energieträger, während die andere zügig das Wachstum in der erneuerbaren Energiewelt vorantreibt.

Die Sorge vor einer „Bad Bank“ mit den konventionellen Energien, welcher die Kosten von Eon auf die Gesellschaft übertragen wird, scheint dagegen voreilig und überzogen. Die Rückstellungen für die teure Atomenergie-Abwicklung sind vorhanden. Das hat der Konzern sehr deutlich zugesagt. Man sollte ihn beim Wort nehmen und nicht aus der Verantwortung entlassen. Zum anderen wird ein Portfolio aus konventionellen Energien gebildet, mit denen durchaus noch Geld verdient werden kann – eine Quersubventionierung der Atomkosten erscheint so wahrscheinlicher als wenn der Konzern weiterhin ohne Zukunftsstrategie Geld vernichtet. 

Die Versorgungssicherheit wird eher gestärkt als geschwächt, wenn ein Konzern wie Eon ernsthaft in die Energiewende investiert und flexible, intelligente Energielösungen auf dezentraler Ebene entwickelt. Auch die reflexhafte Sorge vor steigenden Strompreisen ist übertrieben, da eine Systemflexibilisierung und die Ausrichtung auf mehr Energieeffizienz für Kunden Vorteile bringen. Insgesamt birgt die neue Eon-Strategie mehr Chancen als Risiken – selbst für das in der Vergangenheit gern gezückte politische Schwert „Beschäftigungssicherheit“: Am Ende könnte es sogar mehr als weniger Arbeitsplätze bei Eon 1 und Eon 2 geben.

Ganz sicher hat die Ankündigung des Energiekonzerns enorme Signalwirkung, weit über die deutschen Grenzen hinaus. Eon öffnet sich für innovative Lösungen statt zwanghaft an alten Geschäftsmodellen festzuhalten. Das trägt den Geist erfolgreichen Entrepreneurships in die Welt. Wer weiß, vielleicht wird die „Energiewende made in Germany“ nach langem Zaudern doch noch zum Exportschlager. Im Spiel um energiepolitischen Weitblick steht es jedenfalls derzeit für die Wirtschaft gegen die Politik 1:0.