GroßbritannienEin Parkplatz, der auch Brexiteers empört

Im Oktober 2020 rückten die Bagger, um die riesige Zollabfertigungsanlage bei Ashford zu bauenIMAGO / ZUMA Wire

Die Bewohner der 2000-Seelen-Gemeinde Guston haben wohl ihren Augen nicht getraut, als plötzlich die Planierraupen anrückten und direkt hinter ihren Gartenzäunen damit begannen, eine Großbaustelle einzurichten. Auf einer Fläche von 11 Hektar soll hier im südöstlichen Zipfel Großbritanniens eine neue Zollabfertigungsmöglichkeit für 1200 Lkw entstehen. Eigentlich hatte die Regierung in London versprochen, gemeinsam mit ihnen über solche Baupläne im Zusammenhang mit dem Brexit zu entscheiden. Stattdessen kamen aber gleich die Bagger.

Das idyllische Dorf in der Grafschaft Kent liegt nur wenige Minuten von Dover entfernt. Die Anlage ist eine von insgesamt zehn, die London entweder bereits eröffnet hat, noch baut oder plant. Alle sollen spätestens im Juli in Betrieb sein. In Guston leben Brexit-Befürworter und -Gegner. Allen war klar, dass die Tausenden Laster, die Waren über die Route Dover-Calais zwischen der Insel und dem Kontinent hin- und hertransportieren, nach dem EU-Austritt mehr Platz brauchen würden, um vom Zoll abgefertigt zu werden. Die Frage war nur, wo genau das sein sollte?

Da Dover für eine neue größere Zollabfertigungsstelle zu klein war, nahm die Regierung auch die Felder rund um das kleine Dorf Guston in Augenschein. Die Hauptstraßen sind leicht zu erreichen. Die A2 und A258 verlaufen um und durch den Ort. Zumindest auf dem Papier sieht es nach einer perfekten Ausweichmöglichkeit aus. Am Silvesterabend 2020 informierte Verkehrsministerin Rachel Maclean die Anwohner über den Kauf der Felder rundherum. Mit Ruhe und Beschaulichkeit ist es in Guston seitdem vorbei, so wie in vielen Orten in Kent. Die Wut der Menschen wächst täglich.

Ware „potenziell zu verbrennen ist günstiger“

Allen wird immer klarer, wie schlecht die Brexit-Ära vorbereitet war. Auf die Freude über den angeblich gelungenen Deal an Heiligabend folgt immer mehr Ernüchterung. Große Logistik-Unternehmen wie DB Schenker mussten bereits zwischenzeitlich die Notbremse ziehen und Sendungen aus der Europäischen Union (EU) nach Großbritannien wegen des bürokratischen Chaos unterbrechen.

Lediglich rund zehn Prozent der Pakete seien mit den korrekten und notwendigen Dokumenten versehen gewesen, hieß es zur Begründung. Diesen Fällen hätte aufwendig nachrecherchiert werden müssen. Die dafür verantwortlichen Mitarbeiter in Großbritannien seien damit nicht mehr hinterhergekommen. Inzwischen nimmt Schenker Sendungen nach Großbritannien zwar wieder an. Dafür sind aber andere Transportkonzerne und Onlineversender aus dem Geschäft mit Großbritannien ausgestiegen.

Ein Ende des Grenz-Chaos ist nicht in Sicht. Wegen deutlich erhöhter Versandkosten aufgrund des Brexits nehmen nun auch viele britische Textilhändler Retouren aus der EU nicht mehr an. Es sei günstiger für die Unternehmen, die Ware entweder aufzugeben „oder potenziell zu verbrennen“, als sie zurückzunehmen, sagte der Chef des Branchenverbandes UK Fashion & Textile Association, Adam Mansell, der BBC. „Das ist Teil des Kleingedruckten des Deals.“ Mehrere britische Textilunternehmen hätten Lager in Belgien, Irland und Deutschland eingerichtet, wo die Retouren jetzt gesammelt würden.

In Ashford – 35 Minuten von Guston entfernt – sind die Bauarbeiten für einen weiteren Zoll-Parkplatz für insgesamt 1700 Lkw inzwischen schon weit fortgeschritten. Die Grüne Stadträtin Liz Wright äußerte sich bereits im Dezember fassungslos über das Chaos. „Die Regierung hat eben gerade erst gemerkt, dass 80 Prozent des Verkehrs über Dover gehen“, kommentierte die überzeugte Brexit-Gegnerin gegenüber dem NDR sarkastisch die Baustelle vor der eigenen Haustür.

„Klarer Machtmissbrauch“

Die Uhr zurückdrehen wird schwierig für die Menschen. Der Kampf ähnele zu sehr einem zwischen „David und Goliath“, sagen die Anwohner von Guston, von denen jeder fünfte bereits im Ruhestand und über 65 Jahre alt ist. Doch kampflos geschlagen geben wollen sie sich auch nicht. Ihr Ziel ist es, dass der Lkw-Parkplatz hinter ihren Gärten an einen anderen Ort verlegt wird. Der anglikanische Priester des Ortes und Ex-Präsident der Handelskammer, Peter Sherred, der hier bereits seit 25 Jahren lebt und arbeitet, wirft der Regierung in einer Beschwerde „klaren Machtmissbrauch“ vor.

Die Bewohner seien vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Das sei „unethisch, unmoralisch und prinzipienlos“, kritisiert Sherred. „Uns wurde gesagt, dass wir irgendwann im Januar in den Entscheidungsprozess einbezogen werden, um unsere Ansichten zu äußern.“ Auch wenn es heiße, dass die Baugenehmigung noch ausstehe, halte er das jedoch für unglaubwürdig. Die Baumaschinen arbeiteten unter Hochdruck, der Parkplatz deshalb auch „eine vollendete Tatsache“.

Das Verkehrsministerium in London versucht die Bewohner derweil weiter zu beschwichtigen: Die Anlage sei lediglich für fünf Jahre zur Nutzung vorgesehen, heißt es in einem Schreiben. Es sei sichergestellt, „dass es keine signifikanten oder langfristigen Umweltauswirkungen geben werde“. Zudem weist das Ministerium darauf hin, dass Einwände noch bis zum 3. Februar berücksichtigt würden. Dass das Areal rund ums Dorf jemals wieder in seinen natürlichen Zustand zurückversetzt werden kann, glauben die Anwohner jedoch nicht.

Brexiteers fühlen sich getäuscht

Aber Schnellschüsse rächen sich häufig, möglicherweise auch hier in Kent. Denn die Regierung hat bei ihren Planungen etwas Wichtiges ignoriert: Die Gegend rund um Ashford ist Überschwemmungsgebiet. Je mehr zubetoniert wird, desto weniger kann Wasser ablaufen. Für die neuen Zollanlagen verheißt das nichts Gutes. Hätte es geordnete Verhandlungen mit den Anwohnern gegeben, wäre dieser Punkt sicherlich zur Sprache gekommen.

Selbst eingefleischte Brexiteers vor Ort fühlen sich mittlerweile getäuscht. Von der Regierung buchstäblich überrollt zu werden, damit hatten sie nicht gerechnet. „Wenn wir nochmal abstimmen könnten, würden wir für die EU stimmen“, zitiert der „Guardian“ einen Anwohner von Ashford, der für den Brexit gestimmt hat. Das Verkehrsministerium hat die Proteste aus Guston zumindest vernommen. Die Einspruchsfrist gegen den Bebauungsplan wurde von zwei auf drei Wochen verlängert.

Der Artikel ist zuerst erschienen auf ntv.de