EditorialWarum Deutschland trotz allem optimistisch sein sollte

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Man kann mit großen Hoffnungen in das kommende Jahr gehen. Die Wirtschaft wird um
etwa zwei Prozent wachsen, es sollen über 500 000 neue Jobs entstehen, rund 45 Millionen Menschen hätten dann Arbeit, die Zahl der Arbeitslosen könnte auf 2,5 Millionen sinken. Egal wie spät wir in dem Zyklus sind, den Ökonomen Deutschlands „Goldene Jahre“ nennen: Zumindest bis 2019 kann das Land blühen, aus dem Vollen schöpfen, investieren, die Grundlage für einen nachhaltigen Wohlstand legen.

Man kann in das kommende Jahr aber auch mit großen Sorgen gehen: Deutschland hat keine Regierung und bekommt voraussichtlich eine, die niemand so richtig haben will, nicht mal jene, die sie bilden müssen.

Sorgen mischen sich in den Boom, weil wir einen Vorgeschmack auf die Zukunft bekommen, in der der Fachkräftemangel nicht mehr nur in Studien steht, sondern vor unserer Haustür – in Person eines Klempners, den wir eigentlich schon im September bestellt haben.

Und dann ist da noch die größte Sorge im Hintergrund, an die uns die ganzen Lehman-Pleite-Rückblicke im nächsten Jahr erinnern werden: Wie kommen wir aus diesem Jahrhundertexperiment namens „Quantitative Easing“ wieder raus, bei dem nur noch ein paar Experten behaupten, sie hätten alles unter Kontrolle? Man kennt dieses Gefühl aus Mafiafilmen: Nichts wird vergessen, irgendwann ist Zahltag.

Wer pessimistisch ist, zeichnet das Bild einer Zombieökonomie, einer Wirtschaft, in der Tausende Unternehmen und Banken nicht mehr existieren dürften, weil wir durch Billionen an billigem Geld den alten Schumpeter außer Kraft gesetzt haben: Diese Firmen sind tot, aber die zinslose Welt lässt sie leben – denn diese hat eh das Gefühl für Preise verloren – seien sie für Kredite, seien sie für Aktien, Anleihen oder Immobilien. Und 2018, wenn der Ausstieg beginnt, wird es verdammt ungemütlich – als würde man einen Vorhang wegziehen. Payback-Time.

Selbst Optimisten räumen ein, dass es ab 2018 holprig wird; aber pure Ohnmacht wird es nicht geben, wir werden den Ausstieg steuern können. Zumal es Quatsch ist zu behaupten, unsere Wirtschaft sei seit einer Dekade nur auf Sand gebaut.

Und es stimmt ja: Wenn es zu wenig schöpferische Zerstörung gibt – warum bitte gibt es dann so viel Disruption? Kaum eine Dekade hat Unternehmen in ihren Geschäftsmodellen doch mehr herausgefordert als jene, in der der Zins verschwand. Will heißen: Viele sind heute agiler, paranoider, veränderungsbereiter. Das rüstet sie für neue Schocks.

Zumal manche Zahlen nicht einfach verschwinden: Deutschland wird im Vergleich zum Horrorjahr 2009 750 Mrd. Euro mehr an Wertschöpfung haben, die fünf Millionen mehr Menschen erwirtschaften. Der Staat nimmt 400 Mrd. Euro mehr ein als 2009, allein 200 Mrd. Euro mehr an Steuern. Das wird bleiben, auch wenn es an den Märkten holpert. Seien wir also optimistisch.

Ich wünsche Ihnen für das kommende Jahr alles Gute – und Freude und Erfüllung bei dem, was Sie tun und planen!