KolumneDie Vorzüge des angelsächsischen Pragmatismus

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

„Die Engländer schreiben in der Regel alle gut, als geborene Redner und als praktische, auf das Reale gerichtete Menschen.“ Diese Einschätzung stammt von Goethe, der das Zupackende und weniger Prinzipielle an der angelsächsischen Kultur wertschätzte. An anderer Stelle in den berühmten Gesprächen mit Eckermann heißt es: „Alle Engländer sind als solche ohne eigentliche Reflexion, die Zerstreuung und der Parteigeist lassen sie zu keiner ruhigen Ausbildung kommen. Aber sie sind groß als praktische Menschen.“

In den letzten Monaten hat sich diese charakterliche Eigenschaft sowohl in Großbritannien als auch in den USA als vorteilhaft bei der Bekämpfung der Corona Epidemie manifestiert. Aus den Vereinigten Staaten kann ich berichten, dass Turnhallen, Mensen, Stadien und andere großräumige Lokationen rasch zu Massenimpfzentren umfunktioniert wurden. Die Impfung selber geht kinderleicht und dazu noch schnell über die Bühne. Ich selber wurde bei der Erstimpfung in Michigan von einem Soldaten der Nationalgarde geimpft und beim zweiten Impftermin von einer freiwilligen Helferin. Inzwischen kann man in Chicago ohne vorherigen Termin ein Impfzentrum aufsuchen und sich immunisieren lassen.

Wie zu hören ist, gibt es auf dem Land wesentlich mehr Impfskeptiker als in den großen Städten und auch unter den Minderheiten der Bevölkerung stoßen die Impfangebote mitunter noch auf Ablehnung. Gleichwohl hat sich das öffentliche Leben bereits weitgehend normalisiert. Restaurants und Eisdielen, Schulen und Kinos sind weitgehend geöffnet und der Einzelhandel hatte ohnehin nie zur Gänze geschlossen. Insgesamt bin ich erstaunt, wie lebhaft das Treiben in den Innenstädten mittlerweile wieder geworden ist. Der Verkehr hat die Vorkrisendichte erreicht. Auch die arg geschundene Tourismusbranche weitet derzeit ihre Kapazitäten wieder aus.

Den Briten ist ihr Entschluss offenbar gut zupass gekommen, zunächst alle Bürgerinnen und Bürger einmal zu impfen, ehe nur die Hälfte der Bürger zweimal vakziniert wird. Augenscheinlich ist es diesen beiden Ländern gut gelungen, eine veritable Krisenmobilisierung in Gang zu bringen. Denn die Parallele zu einem Kriegszustand ist durchaus nicht abwegig. Auch im Krieg kommt es bekanntlich darauf an, alle verfügbaren Kapazitäten und Reserven möglichst rasch in die Schlacht zu werfen. Über die Kosten kann man dann später streiten.

Wie sich aber nunmehr zeigt, dürften die USA und Großbritannien ein signifikant höheres Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 erwarten als dies in der EU und auch in Deutschland möglich ist. Insofern hat es sich längst ökonomisch bezahlt gemacht, etwas mehr für die Vakzine zu bezahlen, dafür aber größere Mengen bekommen zu haben.

Vielleicht hat also unser großer Dichterfürst prophetische Weisheit an den Tag gelegt, als er dereinst dichtete:

Amerika, du hast es besser
als unser Kontinent, der alte
Hast keine verfallenen Schlösser
und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern
Zu lebendiger Zeit
Unnützes Erinnern
und vergeblicher Streit.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns