KolumneDie Anlagemisere ist hausgemacht

Sparbuch
Auf einem Sparbuch geparktes Geld wirft kaum Zinsen ab
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Aus innerbetrieblichen Streitigkeiten ist das Phänomen bestens bekannt: Wenn etwas schief geht, müssen rasch Schuldige her – und das sind vorzugsweise die, die zum Zeitpunkt der Debatte gar nicht dabei sind oder sich nicht wehren können. Nicht zwingend die, die es verbockt haben.

Die Suche nach Schuldigen machen sich Leute wie der Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon mit Blick auf die Anlagemisere sehr einfach: Die Europäische Zentralbank müsse die Zinsen anheben, und damit wieder einen Anreiz zum Sparen und Vorsorgen schaffen. Durch ihre extrem niedrigen Leitzinsen entgingen Sparern zweistellige Milliardenbeträge, wettert der Sparkassenpräsident seit Tagen in gleich mehreren Interviews, etwa mit der Zeitschrift „Stern“ oder dem „Deutschlandfunk“.

Christian Kirchner
Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital

Ein Anreiz zum Sparen? Die Sparquote hierzulande mag zuletzt leicht auf unter 10 Prozent gesunken sein, doch das ist immer noch eine der höchsten Quoten der Welt. Das deutsche Problem ist nicht die mangelnde Motivation zu sparen, sondern die Rentabilität der Anlagen, die eine Katastrophe ist, weil rund 2000 Mrd. Euro in Bar, auf Girokonten und kaum verzinsten Sparbüchern liegen.  So wuchs etwa im vergangenen Jahr das Vermögen der US-Amerikaner pro Kopf viermal schneller als das der Deutschen – bei einer nicht einmal halb so hohen Sparquote.

Die Misere hat viele Gründe

Lassen wir die ökonomische Binsenweisheit einmal außen vor, dass es kein Grundrecht auf eine attraktive Verzinsung von risikofreien Geldanlagen wie dem Sparbuch gibt, sondern Zinsen immer irgendwo auch erwirtschaftet werden müssen. Eine Reduktion der unbestrittenen Misere auf zu niedrige Guthabenzinsen ist schlicht frech, und das nicht nur, weil Niedrigzinsen auf der anderen Seite der Bilanz auch Immobilienkäufer beglücken. Sondern auch, weil es eine ganze Menge Adressaten gäbe, die sich fragen müssen, wie es sein kann, dass in Deutschland Geld mehrheitlich zinsfrei angelegt wird.

Zum Beispiel die Banken selbst, die es offenbar nicht mehr schafffen, Anleger für rentablere Geldanlageformen als das Sparbuch zu begeistern und mit einer Reihe von Vertriebsskandalen Vertrauen zerstört haben

Zum Beispiel die Politik, die in den letzten gut zehn Jahren – mit Blick auf die Demografie auch nicht freiwillig –  geförderte Vorsorgeformen wie die Riester- und die Rüruprente eingeführt hat, die Beratung darüber aber weitgehend Finanzdienstleistern überlassen hat, statt sich selbst um mehr Anlegerbildung zu kümmern und die Beschäftigung mit Geld zu enttabuisieren

Zum Beispiel die Regulierer, die seit der Lehman-Krise 2008 nach Kräften daran arbeiten, alle rentablen Vermögenswerte wie Unternehmensbeteiligungen so zu bestrafen, dass sie in der Anlagepolitik großer Kapitalsammelstellen bis hinunter ins Beratungsgespräch einer Bank eine immer kleinere Rolle spielt. Denn wer das Risiko – oder besser gesagt: das, was sich in der Vergangenheit als riskant entpuppt hat – aus dem Alltag der Anleger verbannt, wirft damit zugleich auch die Renditechancen raus. Und vergisst, dass die nächste Krise vielleicht in genau jenen Anlageformen lauern könnte, die man damit privilegiert, etwa Staatsanleihen und Sparguthaben.

Zum Beispiel die Anleger selbst, denn wie und wo jemand Geld anlegt, ist immer noch eine freie Willensentscheidung in einem freien Land – mit allen Konsequenzen.

Bloß kein Risiko

Wieso aber keilen manche Bankenvertreter gegen die Niedrigzinsen? Erstens: Notenbanken bestimmen Leitzinsen, nicht aber die Sparzinsen beim Endkunden. Wie viel Banken hier zahlen können, hängt auch, aber längst nicht nur von den Leitzinsen ab, sondern auch von der Frage, ob man dafür auch eine angemessene, rentable und zugleich absehbar sichere Verwendung bei Kreditnehmern hat.

Und vor allem – zweitens –  von der Frage, auf welcher Kostenbasis man arbeitet. Die Kreditversorgung in Deutschland ist indes gut – und ein breites Filialnetz schön und auch sozial durchaus wünschenswert. Aber es kostet eben auch. Daher wackelt so manches Geschäftsmodell gerade von Sparkassen angesichts der Konkurrenz von Onlinebanken. Und träumt man von der Zeit, in der man risikolos auskömmliche Zinsmargen verdienen konnte, indem man Anlegern mickrige Zinsen zahlt und bei Kreditnehmern oder, ganz risikolos, bei der Notenbank weit mehr dafür erhält.

Und schließlich drittens: Die Bereitschaft, überhaupt rentablere und damit für die Banken auch margenstärkere Anlageformen zu kaufen, hat tatsächlich zuletzt deutlich abgenommen. Davon zeugen sinkende Aktionärszahlen, Nettoabflüsse aus Aktien und Aktienfonds ebenso wie die Stagnation geförderter Altersvorsorgeformen und ein Einbruch des Neugeschäfts der Versicherungen.

Derlei Zahlen sind kein Herrschaftswissen, sondern für jedermann verfügbar. Warum das so ist – dafür gäbe es gleich eine Reihe von Erklärungen. Die Europäische Zentralbank dafür zu beschimpfen ist jedenfalls keine sonderlich kluge, sondern ein leicht zu durchschauendes Ablenkungsmanöver von ganz anderen Problemen.