KolumneDeutschland sitzt in der selbst gebauten Energiefalle

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Die Bundesbürger bekommen langsam das Ausmaß des Desasters zu Gesicht, das durch die schlecht durchdachte Energiewende entstanden ist. Jetzt, wo die Preise für Erdgas stark gestiegen sind, müssen sich Verbraucher und Unternehmen auf größeres Ungemach einstellen. Nach dem beschlossenen Ausstieg aus Atomkraft und Kohleverstromung muss die Bundesrepublik auf Gaskraftwerke setzen, um hinreichend viel grundlastfähigen Strom produzieren zu können und auftretende Flauten bei Wind und Sonne verlässlich zu kompensieren.

Andere Länder, die diesbezüglich klügere politische Führungen haben, waren gut beraten, sich nicht vorschnell einseitig auf wenige Energiequellen zu beschränken. Das verschafft ihnen den Vorteil, beim Energieeinsatz wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen zu können. Für ein Land wie Deutschland, das im Vergleich mit anderen Nationen einen relativ hohen Industrieanteil aufweist und deshalb einigermaßen energieintensiv aufgestellt ist, liegt darin die große Gefahr, erheblichen Wettbewerbsnachteilen aufgrund hoher Stromkosten ausgesetzt zu sein.

Demgegenüber verhalten sich China, Amerika und Japan viel flexibler, indem sie sich alle Primärenergiequellen offenhalten. Man mag es in Berlin nicht gerne hören, aber die unideologische Energiepolitik der genannten Länder hat nicht nur deutlich niedrigere Strompreise, sondern mitunter noch eine bessere Klimabilanz zu bieten. Vor allem die USA sind in den vergangenen Jahren sehr gut vorangekommen, ihre Stromerzeugungskapazitäten zu verbreitern und dabei Sonne und Wind in den Energiemix zu integrieren. Freilich hat das Land der unbegrenzten Möglichkeiten den naturgegebenen Vorteil vieler Sonnenstunden und darüber hinaus zwei lange Küsten, an denen der Wind beständig weht.

Die Energiewende ist kein Vorbild für andere Länder

Noch augenfälliger ist die Ausgewogenheit der japanischen Energiepolitik. Anstatt sich der nach Fukushima entstandenen Hysterie zu beugen, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel getan hat, nahm man sich in Japan Zeit, um sachlich abzuwägen, ob es nicht klug wäre, die bereits existierenden Atomkapazitäten zu erhalten, solange die Meiler erstens technisch und zweitens wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden können.

Mehr und mehr erscheint der deutsche Sonderweg in der Energiepolitik als Kombination aus sachlicher Inkompetenz und ideologischer Hybris. Der Wunsch der etablierten deutschen Parteien, als Paradebeispiel in der Welt voranzugehen und ihr den Weg zu weisen, ist wahrscheinlich mit einem Schuldgefühl wegen der garstigen Rolle Deutschlands in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu erklären.

Immerhin: Die Nordstream 2 Pipeline hätte eine Linderung der Erdgaspreisinflation erbringen können, aber der beherzte Auftritt der Vereinigten Staaten als Verteidiger europäischer Energieunabhängigkeit in Tateinheit mit der vermeintlich benevolenten Bewahrerrolle ukrainischer Finanzinteressen haben dazu geführt, dass der finanzielle Nutzen der neuen Rohrleitung weitgehend entfällt. Auch gibt es in Deutschland bislang kein Entladeterminal für Flüssiggas, weil private Betreiber angesichts der chaotischen deutschen Energiepolitik vor einer Investition bislang zurückschreckten.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns