KommentarDer zweigeteilte Aufschwung

Containerschiff
Symbolbild: KonjunkturPixabay

Wahrscheinlich war es nur ein Zufall, doch er passte ziemlich gut: Zuerst präsentierten am Mittwoch dieser Woche die führenden Forschungsinstitute ihre große Herbstanalyse zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Sie setzten damit gewissermaßen den Rahmen für das, was bald darauf folgen sollte: Denn genau zwölf Stunden später traten die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten vor die Kameras, um zu erklären, wie sie mit verschärften Maßnahmen das Coronavirus wieder eindämmen wollen. In einem ersten Schritt, wie sie erklärten, weitere Einschnitte seien durchaus wahrscheinlich.

Zwei Auftritte binnen weniger Stunden, die zeigen, was in diesen Tagen auf dem Spiel steht. Wirtschaftliche Erholung und die Eindämmung einer Pandemie, die zuletzt deutlich an Schrecken verloren hatte.

Zuerst die Zahlen der Volkswirte: Sie erwarten, dass unsere Wirtschaft in diesem Jahr um etwas mehr als fünf Prozent schrumpfen wird. Das Minus ist einerseits gut einen Prozentpunkt größer als bei der letzten Prognose im April angenommen, gleichwohl deutlich kleiner als die düsteren Vorhersagen mancher Experten, die im Mai und Juni noch vor einem Einbruch um acht oder zehn Prozent gewarnt hatten. Deshalb war die Prognose gar nicht so dramatisch, wie sie von manchen interpretiert wurde.

BIP-Anstieg im nächsten Jahr

Für das nächste Jahr erwarten die Institute dann einen starken Anstieg um fast fünf Prozent (plus 4,8 Prozent), allerdings dürfte es noch eine ganze Weile dauern, bis Deutschlands Unternehmen den Einbruch in diesem Frühjahr vollständig überwunden haben werden. Den einfachen Teil des Wiederaufstiegs hätten wir geschafft, sagte Stefan Kooths, der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zur Vorstellung der Herbstprognose, doch der Rest sei „die mühsamere Wegstrecke zurück zur Normalität“.

Was die Wirtschaftsforscher in ihrer Pressekonferenz nicht ganz so deutlich sagten, wurde in ihrer Analyse klar: Corona hat nicht das ganze Land in eine tiefe wirtschaftliche Krise gestürzt. Sondern manche Regionen und Branchen gar nicht – und andere dafür umso heftiger. Das Virus untergräbt unseren Wohlstand nicht nur, es spaltet auch: Während die Baubranche im ersten Halbjahr dieses Jahres um elf Prozent wuchs, schrumpfte das verarbeitende Gewerbe (zu dem weite Teile der Autoindustrie und des Maschinenbaus gehören) um ganze zwölf Prozent. Zwar profitiert dieser Sektor inzwischen von einer anziehenden Nachfrage aus dem Ausland, andere Bereiche wie Tourismus und Gastgewerbe hingegen werden noch lange weiter leiden. Beeindruckend sind auch die regionalen Unterschiede: Mit einem wirtschaftlichen Minus von einem Prozent war Schleswig-Holstein von der Pandemie im ersten Halbjahr ganz anders getroffen als etwa das Industrieland Baden-Württemberg (minus 5,5 Prozent).

K statt V

Die Ökonomen haben uns in den vergangenen Monaten die unterschiedlichsten Buchstaben an den Kopf geworfen, um den erwarteten Konjunkturverlauf zu beschreiben: Erst war es ein I (krasser Absturz), dann ein L (runter, und dann flach), später ein U (schnell runter, Stagnation, dann wieder hoch), vielleicht auch ein W (runter, ein bisschen hoch, wieder runter und dann erst der echte Aufschwung), und über allem schwebte die große Hoffnung auf ein V. Seit einigen Wochen aber gibt es einen neuen Buchstaben in der Debatte, der eben diese Spaltung im Aufschwung abbildet: das K. Für weite Teile der Industrie mag es wieder aufwärts gehen. Der gesamten Luftfahrt-, Reise- und Messebranche stehen hingegen weitere bittere Monate und vielleicht sogar Jahre bevor.

An dieses K musste ich auch denken, als dann später am Abend die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten mit ernster Miene erklärten, wie sie nun den jüngsten und steilen Anstieg der Infektionszahlen wieder einfangen wollen. Weniger Kontakte, weniger Reisen, weniger Feiern. „Wir sind dem zweiten Lockdown eigentlich viel näher, als wir das wahrhaben wollen“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Und auch wenn dieser zweite Lockdown wohl anders aussehen würde als der erste (die Geschäfte dürften wahrscheinlich offen bleiben, Schulen und Kitas auch), wären die Folgen verheerend – gerade in den Branchen, die immer noch weit entfernt sind von jeder Erholung.

Umso wichtiger wäre es gewesen, dass sich Bund und Länder auf eine gemeinsame Position zum verkorksten Beherbergungsverbot geeinigt hätten. Verkorkst deshalb, weil es jedes Land anders damit hält, es keinen klaren Zusammenhang zwischen Infektionen und innerdeutschen Touristen gibt, und weil es nun Verwaltungsrichter sind, die genau deshalb jetzt die Verbote kippen. Besser wäre es gewesen, die Regierungschefs wären selbst zu dieser Erkenntnis gelangt, hätten einen Fehler eingeräumt und ihn korrigiert.

Denn das wird doch das Entscheidende in den nächsten Wochen und Monaten sein: Nicht nur die wirtschaftliche Spaltung durch die Pandemie abzufedern, sondern auch die politische, die entsteht, wenn einzelne Maßnahmen zur Eindämmung des Virus einseitig und nicht mehr nachvollziehbar sind. In einem Interview sagte Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, diese Woche: „Wir wissen nicht, was das nächste Jahr für uns bringen wird. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass es noch mal zu einer Verschärfung kommen kann.“ Mit dieser Mahnung hat Fratzscher Recht, und sie gilt auch für Regierungschefs: Nur, wenn die ganz überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die Einschnitte und Eingriffe in ihr Leben, ihre Freiheit und in ihr wirtschaftliches Wohlergehen weiter akzeptiert, wird sich das Virus wirklich eindämmen lassen.