GastbeitragDer K.O.-Modus der Champions League hilft dem Fußball

Per Kopf erzielt Robert Lewandowski das 3:0 für Bayern München im Halbfinale der Champions League gegen Olympique Lyon
Per Kopf erzielt Robert Lewandowski das 3:0 für Bayern München im Halbfinale der Champions League gegen Olympique Lyonimago images / Poolfoto

Mittlerweile ist sie Normalität: die Langeweile an der Spitze der großen nationalen Fußball-Ligen. Der FC Bayern München ist zum achten Mal in Folge Deutscher Meister geworden. In Frankreich hat Paris St. Germain sieben der vergangenen acht Meisterschaften für sich entschieden. Seit der Saison 2011/12 heißt der italienische Meister durchgehend Juventus Turin. In Spanien machen der FC Barcelona und Real Madrid die Meisterschaft fast unter sich aus: Mit Atletico Madrid gab es in den vergangen 15 Jahren lediglich einen anderen Meister. Nur in der Premier League gab es mit fünf verschiedenen Meistern in den vergangenen zehn Jahren ein wenig Abwechslung.

Die ständige Teilnahme der Spitzenklubs an der Champions League und den damit verbundenen Prämien verschafft den Top-Klubs gegenüber ihrer nationalen Konkurrenz einen kräftigen Wettbewerbsvorteil. Viele Beobachter zerbrechen sich den Kopf, wie die resultierende Spirale aus sportlichem Erfolg und Finanzkraft zu durchbrechen ist. Die meisten Experten setzen dabei auf Finanzregulierung. Doch nicht zuletzt die Erfahrungen mit dem prinzipiell sinnvollen Financial-Fairplay-Reglement zeigen, dass Finanzregulierungen schnell zu einem Katz-und-Maus-Spiel entarten. Es gibt zu viele Schlupflöcher und Umgehungsmöglichkeiten, die dazu führen, dass der Ehrliche, der sich an die Regeln hält, letztlich der Dumme sein kann.

Aus unserer Sicht wäre es deshalb sinnvoll, einen radikalen Schritt in den europäischen Wettbewerben zu wagen: Weg von der Gruppenphase und zurück zum K.O.-System.

Der Spielmodus der Champions League (und der Europa League) mit einer Gruppenphase zu Beginn des Wettbewerbs hat für die teilnehmenden Klubs den Vorteil einer größeren finanziellen Planbarkeit. Für die Stabilität der nationalen Ligen sind die Gruppenphasen jedoch kontraproduktiv. Die teilnehmenden Klubs haben mindestens sechs Spiele, die zu entsprechend hohen Erlösen führen. Dadurch werden sie finanziell in die Lage versetzt, ihren Spielerkader nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ zu verstärken. Für die gestiegene Anzahl von Pflichtspielen ist ein größerer Spielerkader nötig, um bei verletzungsbedingten Ausfällen handlungsfähig zu sein oder um die körperliche Mehrbelastung der einzelnen Spieler von vornherein zu begrenzen. Für die Teilnehmer an den europäischen Wettbewerben besteht deshalb ein großer Anreiz, möglichst viele qualitativ gute Spieler zu „horten“, auch wenn immer nur elf Spieler auf dem Platz stehen können.

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Eine Abkehr von der Gruppenphase und eine Rückkehr zum K.O.-System von Beginn an (mit Hin- und Rückspiel) hätte mehrere Vorteile: Für den Zuschauer sind K.O.-Spiele interessanter, weil es um „Alles oder Nichts“ geht. Zudem stehen bei nur zwei Spielen die Chancen für den sportlichen Außenseiter besser, sich für die nächste Runde zu qualifizieren. Der aktuelle Corona-Spielmodus in der Champions League zeigt, welch überraschende Ergebnisse einzelne Spiele mit sich bringen: Olympique Lyon wirft Manchester City aus dem Wettbewerb, und Bayern München fertigt den großen FC Barcelona mit 8:2 ab.

Mehr Gewicht für Tagesform und Zufall

Die Tagesform bekäme wieder ordentlich Gewicht, wenn von Anfang an im K.O.-System gespielt wird. Der Faktor Zufall und die Unkalkulierbarkeit, die den Fußball ja eigentlich so reizvoll machen, würden wieder eine größere Rolle spielen. Favoritenstürze, die es in einer Gruppenphase kaum gibt, wären im K.O.-System wieder möglich. Damit stiege das Risiko für jeden Klub, bereits nach der ersten Runde ausgeschieden zu sein. Und somit verändert sich die Anreizstruktur für die Teilnehmer der europäischen Wettbewerbe.

Da die garantierten beziehungsweise zu erwartenden Einnahmen im Vergleich zur heutigen Situation wesentlich geringer wären, würde der Anreiz sinken, Spieler quasi auf Vorrat zu kaufen. Das K.O.-System ist eine Bremse für die Akkumulation von Spielerqualität und Konzentration von Marktmacht. Gute Spieler würden dadurch wieder gleichmäßiger auf alle Klubs verteilt.

Man müsste deshalb nicht gleich zum Modus des Europapokals der Landesmeister, in dem tatsächlich nur der Meister eines jeden Landes teilnahmeberechtigt war, zurückkehren. Mehrere Teilnehmer pro Land könnten gemäß den UEFA-Koeffizienten beibehalten werden. Nur hätten eben alle das Risiko, bereits nach ein oder zwei Runden nicht mehr dabei zu sein.

Uns ist bewusst, dass die Rückkehr zum K.O.-System bei den internationalen Top-Klubs Kopfschütteln auslösen würde. Weniger Planungssicherheit und zumindest kurzfristig weniger Geld sind keine schönen Perspektiven. Aber wann, wenn nicht während der wohl größten finanziellen Krise des Fußballs könnten grundlegende Reformen möglich sein? Zumal die Corona-Krise eindrucksvoll gezeigt hat, dass der Fußball ein Gemeinschaftsprodukt ist, bei dem sich niemand nur auf seine eigene Stärke verlassen kann. Letztlich muss es darum gehen, den Fußball und die nationalen Ligen wieder spannender zu machen. Denn das ist es, was den Fußball so groß gemacht hat und was die Massen noch immer elektrisiert.

 


Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank in Hamburg. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de. Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und lehrt Volkswirtschaftslehre an der HSBA Hamburg School of Business Administration.