KommentarDas Liquiditätsparadoxon

Banknoten fliegen herum
Liquidität ist reichlich vorhanden, trotzdem kommt es zu Marktschwankungen aus Mangel an Liquidität

David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


Weltweit haben die Zentralbanken in den vergangenen Jahren ihre Bilanzen deutlich ausgeweitet und damit zusätzliches Zentralbankgeld geschaffen. Umgangssprachlich schwimmen die Finanzmärkte also im Geld. Gleichzeitig kommt es aber in letzter Zeit zu sehr eigenartig anmutenden Extremschwankungen an Finanzmärkten. Denken wir etwa an den vergangenen Herbst, als der Dax innerhalb von vier Wochen um 13 Prozent nachgab, um anschließend wieder rasch anzusteigen. Oder an die letzten Wochen, in denen die zehnjährige Bundesanleihe schlagartig von 0,07 Prozent auf über 0,6 Prozent anstieg. Häufig genannte Erklärung: Mangel an Liquidität.

Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen, auf den zweiten Blick schon, denn Zentralbankgeld ist nicht gleich Liquidität. Bei (Zentralbank-)Geldmengen reden wir über eine volkswirtschaftliche Bestandsgröße. Für den Marktteilnehmer heißt Liquidität, ein Wertpapier jederzeit mit einem anderen Finanzmarktteilnehmer handeln zu können. Mit anderen Worten: Wir vergleichen hier Äpfel mit Birnen.

Alle Blicke sind auf die Fed gerichtet

Ein Zusammenhang zwischen der quantitativen Lockerungspolitik der Zentralbanken und geringer Handelbarkeit von Finanztiteln kann allerdings über folgenden Kanal hergestellt werden. Die erwünschte Folge von quantitativer Lockerung ist, Anleger systematisch „ins Risiko“ zu treiben. Das geschieht, weil die Zentralbank im Zuge ihrer Maßnahmen den Geschäftsbanken das ganz spezifische Risiko der länger laufenden Staatsanleihen abkauft und ihnen dafür mit Null verzinste Reserven gutschreibt. Um Erträge zu erwirtschaften, bleibt den Banken im Gegenzug kaum etwas anderes übrig, als wieder andere, höhergelagerte Risiken in die Bilanz zu nehmen. Die Zentralbanken hoffen, dass sich das positiv auf die Realwirtschaft auswirkt. Zum Beispiel über eine höhere Konsum- und Investitionsneigung, weil man sich reicher fühlt (Vermögenseffekt) oder Banken mehr Kredite vergeben könnten.

Im Resultat hat man also eine Anlegerklasse, die sich nun in riskanten Finanzmarktsegmenten unterwegs ist, in denen sie sich eigentlich nicht wohlfühlt und im Umkehrschluss auch besonders sensibel für unerwartete Abweichungen nach unten in diesen Segmenten. Parallel dazu haben regulatorische Änderungen dafür gesorgt, dass etwa das Halten größerer Wertpapierbestände bei Investmentbanken, die normalerweise als Mittler zwischen Käufern und Verkäufern dienen, ziemlich unattraktiv geworden ist.  Es gibt also nur noch in deutlich reduziertem Umfang ein solches Wertpapierlager, das bei einer Vielzahl von Verkäufen als Puffer fungiert.

Eine Vielzahl von Anlegern mit zittrigen Händen einerseits und mangelnde Puffer andererseits sorgen für eine Situation, in der es schnell mal zu heftigen Kursausschlägen kommen kann. Ein Trost dabei wäre allerdings, dass dies vielleicht allzu viel Sorglosigkeit vermeiden hilft.