ReportageDas Land, in dem BMW Reis exportieren muss

Ernte in Argentinien
Ernte in Argentinien
© Nicolas Pousthomis

Bis gestern Mitternacht New Yorker Zeit hatte die argentinischen Regierung Zeit, um in Verhandlungen mit den US-Hedgefonds NML Capital und Aurelius eine Staatspleite abzuwenden. Es ist ihr nicht gelungen. Die Forderungen der Fonds seien unakzeptabel gewesen, sagte der argentinische Wirtschaftsminister Axel Kicillof. Zum zweiten Maln innherhalb von 13 Jahren ist das Land damit zahlungsunfähig. Aber die Probleme Argentinien begannen schon früher. Denn die Inflationsrate ist hoch, ausländische Investoren werden abgeschreckt und weltberühmte argentinische Produkte wie Rindfleisch dürfen nicht mehr exportiert werden. In seiner Reportage beschreibt Capital-Autor Claus Hecking, wieso das Land schon wieder in einer großen Wirtschaftskrise steckt und warum europäische Hersteller von Luxuswagen plötzlich Reis, Wein und Olivenöl exportieren.

Argentiniens Geldwechslerstrich beginnt direkt vor der Filiale der Zentralbank. Auf der Calle Florida, der Fußgängermeile von Buenos Aires, lungern vor der Geschäftsstelle der Banco de la Nación tätowierte Muskelmänner und junge Frauen in knappen Tops herum. Die ganze Zone ist voll von den „Arbolitos“: den „Bäumchen“, wie man die Aufreißer hier nennt. „Cambio, Change“, raunen sie Passanten zu – bevorzugt denen, die aussehen wie Ausländer. Denn die haben in der Brieftasche, wonach sich Argentinien sehnt: Devisen. Dollar, Euro, Pfund oder Real. Echtes Geld, das sich nicht im Monatstakt entwertet wie der heimische Peso.

Die „Arbolitos“ machen glänzende Geschäfte – dank Cristina Fernández de Kirchner. Seit die linkspopulistische Präsidentin vor drei Jahren beschlossen hat, ihre Bürger nur unter strengen Auflagen an ausländische Devisen zu lassen, prosperiert der illegale Geldumtausch. Ob in der Calle Florida, ob in Restaurants, Geschäften, Hotels – überall offerieren Kellner, Ladeninhaber, Rezeptionisten jede Menge Pesos für eine Handvoll Dollar.

„Viele kaufen jeden Schein, den sie kriegen können“, sagt Juana Martínez, „weil sie fürchten, dass der Peso wieder zusammenbricht.“ Die 28-jährige „Arbolita“ heißt eigentlich anders. Täglich von 9 bis 19 Uhr bietet sie im Minirock und mit knallrot lackierten Fingernägeln Pesos feil. Lässt man sich auf sie ein, geleitet sie den Kunden in eine cueva (Höhle), ein Büro in der Nähe. Hinter der verschlossenen Tür sitzt der Chef, vor sich eine Zählmaschine und Stapel von Banknoten. 10,43 Pesos zahlt er an diesem Tag pro Dollar: 30 Prozent mehr als den offiziellen Wechselkurs. Die Abnehmer dieser Dollar werden ihm noch mal fünf bis zehn Prozent obendrauf geben. Denn wer nicht eine Auslandsreise antritt oder andere sehr gute Gründe hat, den lässt die Regierung sein Geld nicht in harte Währungen umtauschen. Rigoros überwacht sie den Devisenfluss, um eine Kapitalflucht zu verhindern. Und schürt so erst recht die Furcht vor einem neuen Kollaps.

Kein Geld für Ketchup

Zwölf Jahre ist der letzte Argentinien-Crash her: damals, als der Peso ins Bodenlose fiel. Als der Staat sich bankrott erklärte, die Rückzahlung eines Großteils seiner Schulden verweigerte und Gläubiger in der ganzen Welt um mehr als 50 Mrd. Dollar brachte. Zwar hat Argentinien im Anschluss an die Insolvenz zehn Jahre geboomt, als wäre nichts gewesen – dank der Dauer-Hausse an den internationalen Märkten für Agrarprodukte. Doch jetzt ebbt der Soja-, Mais- und Weizenboom ab, und die Angst vor dem nächsten Finanzdesaster wächst. Die Inflation ufert aus, Schätzungen zufolge auf mindestens 35 Prozent pro Jahr. Die Werte, die die Regierung veröffentlicht, waren bis vor Kurzem manipuliert.

Dollar-Schwarzmärkte erblühen allerorts, wer kann, bringt sein Geld außer Landes. Mitte April paralysierte ein Generalstreik das Land, den die Gewerkschaften ausgerufen hatten, weil die Lohnerhöhungen nicht mehr mit der Geldentwertung Schritt halten können. Auch die Währungsreserven schmelzen dahin: von 52 Mrd. Dollar im Jahr 2011 auf zuletzt nur noch 28 Mrd. Dollar. So groß ist der Devisenmangel, dass die nationale McDonald’s-Kette zeitweise nicht einmal mehr Ketchup aus Chile bezahlen konnte.

Dabei hat die Natur Argentinien eigentlich gesegnet: mit fruchtbaren Böden, mildem Klima und üppigen Rohstoffen. Keine 100 Jahre ist es her, da sagte man in Deutschland noch, jemand sei „reich wie ein Argentinier“. Eine gute Soja-Ernte beschert dem Land heute schon mal 25 Mrd. Dollar auf einen Schlag; es verfügt über die drittgrößten Schiefergasvorkommen der Welt. „Argentinien hat so ein großes Potenzial“, sagt Gustavo Cañonero, Lateinamerika-Chefökonom der Deutschen Bank und selbst Argentinier. „Aber seine Politiker haben Probleme angehäuft, anstatt das Wachstum der vergangenen Jahre für eine Erneuerung der Wirtschaft zu nutzen.“

Mit einem im Westen einmaligen Staatsinterventionismus hat die Regierung um Wirtschaftsminister Axel Kicillof Investoren verschreckt, florierende Branchen geschwächt und sich so selbst einiger Devisenbringer beraubt. Immer wieder hat die Politik ins Wirtschaftsgeschehen eingegriffen, Argentiniens Märkte nach außen abgeschottet, ganze Branchen durch Bürokratie oder staatliche Willkür gelähmt – und gerne die Notenpresse angeworfen, wenn Geld gebraucht wurde. Herausgekommen ist ein System, das von Woche zu Woche absurder wird.

„Eine Mischung aus Kafka und Mafia“

Martin Jebsen in seinem Büro in Buenos Aires
Martin Jebsen in seinem Büro in Buenos Aires
© Nicolas Pousthomis

„Was wir hier sehen“, sagt Martin Jebsen, „ist eine Mischung aus Kafka und Mafia.“ Dann holt der deutschstämmige Anwalt und Unternehmensberater das „EKG“ hervor, wie er sein Lieblingsdiagramm nennt. Sie zeigt den Herzschlag der argentinischen Wirtschaft, die Wachstumsraten. Ständig auf und ab geht die Kurve. „Wer hier zur richtigen Zeit auf der richtigen Seite steht, hat die Möglichkeit, sehr gut dazustehen“, sagt Jebsen und zeigt auf ein Hoch. „Aber der nächste Crash kommt bestimmt.“ Sein Wachstums-EKG deutet bereits wieder steil nach unten.

Jebsen ist 68, und seit 1971 berät er Firmen, die sich in Argentinien angesiedelt haben. Nach Cristina Kirchners Amtsantritt 2007 wurden seine Dienste besonders gefragt. Denn Kirchners Regierung mischt sich in einer Tour in den Wirtschaftsalltag ein, schreibt Energiekonzernen, Wasserversorgern oder Landwirten die Preise vor, errichtet immer neue Handelsbarrieren. Als das Geld knapp wurde, verstaatlichte sie kurzerhand private Pensionskassen und leitete Teile von deren Einlagen in den Regierungshaushalt um. 2012 nationalisierte sie den heimischen Ölförderer YPF und mit ihm die gerade entdeckten gewaltigen Schiefergasreserven. Der spanische Ölkonzern Repsol, Großaktionär bei YPF, wurde kurzerhand enteignet.

Jebsen hat Politiker aller Couleur kommen und gehen sehen. Aber „noch nie in meinem Leben habe ich so eine verlogene Bande getroffen wie diese Regierung“, sagt er. „Die offiziellen Inflations-, Armuts- und Wachstumszahlen sind geschönt, im Gerichtswesen wird manipuliert.“ Am schlimmsten für die Investoren sei aber die Rechtsunsicherheit: willkürliche Änderungen von Gesetzen und immer neue Bestimmungen, die oft nicht einmal niedergeschrieben sind. Sie geben den Bürokraten enormen Ermessensspielraum und bereiten damit der Korruption den Nährboden. Und sie machen Unternehmern das Leben zur Hölle, die dem Regelwerk vertrauen.

Alles ruhig, Maschinen stehen still, Porsche macht jetzt in Olivenöl

Nelson Visioli kann die Ruhe in seiner nagelneuen Werkhalle kaum ertragen. Traurig blickt der Argentinienchef des deutschen Automatisierungsherstellers Phoenix Contact auf vier Arbeiterinnen, die mit Schraubenziehern ein paar Reihenklemmen zusammenfügen. Das sind die Schnittstellen in Schaltschränken, bei denen alle Kabel einer Fabrik zusammenlaufen und vernetzt werden. Die vier sind die Überbleibsel von Visiolis Vision, hier am Rande von Buenos Aires eine neue Produktionsstätte aufzubauen. Den Rest seiner 25-köpfigen Startbelegschaft musste er gerade entlassen, mangels Arbeit. Die meisten Maschinen stehen still. Weil es die Regierung will.

„Wir haben uns so angestrengt, um es allen recht zu machen: der Politik, den Arbeitern und unserer Zentrale in Deutschland“, sagt der 53-jährige Manager. Lange hat Visioli nach einem Weg gesucht, das große Problem seines Unternehmens zum Wohl aller Beteiligten zu lösen: Argentiniens sogenannte Importkompensationen, die vielen ausländischen Investoren das Leben schwer machen.

Seit drei Jahren müssen nach dem Willen der Regierung alle Unternehmen, die Produkte nach Argentinien einführen, Güter im gleichen Wert in die übrige Welt ausführen. Die Bestimmung treibt skurrile Blüten. Sie hat den Autobauer BMW in einen der größten Reisexporteure des Landes verwandelt, Ferrari verschachert Wein im großen Stil. Porsche macht in Olivenöl. Und der deutsche Bauzulieferer Gretsch-Unitas probierte es zunächst vergeblich mit Knoblauch; heute verschifft er Tierfutter in die Welt. Widerstand ist zwecklos. Bei einem deutschen Manager, der anfangs nicht mitzog wie von der Regierung gewünscht, schellte nachts um halb fünf daheim das Telefon. Am Apparat war Guillermo Moreno, der berüchtigte damalige Staatssekretär für den Binnenhandel. Er drohte, die argentinische Dependance ganz dichtzumachen.

Nelson Visioli in seiner neuen Werkhalle, in der fast alles still steht
Nelson Visioli in seiner neuen Werkhalle, in der fast alles still steht
© Nicolas Pousthomis

„Für uns kamen Lebensmittelexporte nicht infrage, wir kennen uns in diesem Geschäft doch gar nicht aus“, sagt Visioli. Von Kontaktklemmen hingegen versteht Phoenix etwas: Mit einem Umsatz von 1,7 Mrd. Euro zählt das Familienunternehmen aus Ostwestfalen zu den internationalen Branchenführern. Und so entwickelte Visioli die Idee, eine eigene Fertigung vor Ort aufzubauen, um von Argentinien aus andere Staaten zu beliefern – obwohl die Produktion hier teurer ist als etwa in Deutschland.

Er tüftelte ein Konzept aus, präsentierte es Regierungsvertretern, überzeugte die Zentrale, stellte Leute ein und legte los. Doch bald hakte es. „Wir brauchen Kunststoff als Rohmaterial für die Produktion“, erklärt Visioli, „aber die Behörden geben uns dafür keine Importerlaubnis.“ So liegt nun fast alles brach.

Auch Visiolis Kunden leiden. Denn Schaltschränke setzen sich aus einer Reihe verschiedener Bauteile zusammen, und die stecken ständig an der Grenze fest. Bis der Empfänger alle nötigen Einzelkomponenten beisammen hat, vergehen oft Monate – sofern man keine sehr guten Beziehungen hat oder nachhilft. Argentinische Berater, die häufig im Dunstkreis der Regierung angesiedelt sind, kassieren satte Provisionen dafür, den Ausländern Pseudo-Exportpartner zu vermitteln – oder auch mal auf die Schnelle eine Sonderimportgenehmigung zu besorgen.

Die Staatsbürokratie ist offensichtlich überfordert mit dem Handling Hunderttausender Einfuhrlizenzen; politischen Insidern zufolge hat die zuständige Abteilung nicht einmal 50 Mitarbeiter. „So verzögern sich die Projekte, die gesamte Zahlungskette verlängert sich – und in der Zwischenzeit wertet der Peso immer weiter ab“, sagt Visioli.
Seit Anfang 2012 hat Argentiniens Währung gegenüber dem Dollar fast 40 Prozent an Wert eingebüßt. Lieferanten, die in Pesos bezahlt werden, verlieren so rasend schnell Geld. Einige Unternehmer haben in ihrer Not angefangen, Schaltschränke mit Komponenten von verschiedenen Fabrikanten zusammenzuschustern. „Das ist so, als wenn man unter seinem Auto je einen Reifen von Goodyear, Bridgestone, Michelin und Continental anbringt“, sagt Visioli. „Es kann gut gehen – oder auch nicht.“

Investoren erfüllen alle Vorgaben, aber nichts läuft wie vereinbart

Beim Landmaschinenkonzern Agco zieht ein Arbeiter im Blaumann noch einmal die Radschrauben fest, klopft aufs grüne Motorengehäuse, dann schwingt er sich hoch in den Fahrersitz des Traktors. Sofort springt der Agco Allis 6.220 A an, 300 PS setzen sich in Bewegung, und der Trecker tuckert vom Band. „Industria Argentina“ prangt in riesigen Lettern auf der Haube. Frank Keller lächelt stolz. „Das haben wir alles hier von null aufgebaut“, sagt der Argentinienchef von Agco. Ein Vorzeigebetrieb soll die neue Traktorenfabrik westlich der Hauptstadt werden, bis zu 140 Mio. Dollar will die US-Firma hier investieren. Zur Eröffnung im vergangenen Oktober kam Präsidentin Kirchner persönlich. Und sagte über Agco: „Man müsste Sie klonen, weil wir Unternehmer mit dieser Kraft, diesem Optimismus brauchen.“

Frank Keller ist ein Investor, wie ihn sich jeder Politiker wünscht. Der Deutsche hat nicht gemurrt und nicht über die krude Wirtschaftspolitik diskutiert – obwohl sein Unternehmen Importe für Dutzende Millionen mit Exporten kompensieren muss. Er hat sich angepasst. „Das ist ein Fußballland, hier muss man das umsetzen, was der Trainer vorgibt“, sagt Keller. So hat er in Ministerien vorgesprochen, Entwürfe vorgestellt, hat gebaut und Arbeitsplätze geschaffen. Nun ist alles fertig. Und nichts läuft wie vereinbart.

Kurstafel an einem Wechselschalter. Ausländische Währungen werden zwar noch gekauft - aber nicht mehr verkauft.
Kurstafel an einem Wechselschalter. Ausländische Währungen werden zwar noch gekauft – aber nicht mehr verkauft.
© Nicolas Pousthomis

Seit Mitte Dezember wartet Keller auf Nachschub an bereits fertig produzierten Traktoren. Die Behörden aber lassen die Fahrzeuge nicht mehr rein nach Argentinien – aus Devisenmangel, wie es heißt. Als wäre das nicht genug, geht außerdem der Verkauf des Modells zurück, das sie hier produzieren. Weil die Regierung ihr Programm für billige Darlehen zum Landmaschinenkauf fast auf null gefahren hat – ohne Vorwarnung, wie üblich. Es ist ein Desaster für Keller. Sein Umsatz ist in den ersten beiden Monaten 2014 um 50 Prozent gefallen. Auf dem Parkplatz vor dem Werk reihen sich schon mehr als 100 Traktoren aneinander, der Platz wird knapp. „Wenn es länger in diesem Stil weitergeht, dann werden wir die Kapazität der Fabrik wieder reduzieren und Personal abbauen müssen“, sagt der Deutsche. Argentinien sei leider doch unberechenbar.

Das spiegeln auch die internationalen Standort-Rankings wider. Im Global Competitiveness Index des World Economic Forum ist das Land seit 2005 vom 54. auf den 104. Platz unter 148 erfassten Nationen abgerutscht. Katastrophal werden vor allem staatliche Institutionen bewertet – egal ob es um die Intransparenz von Regierungsentscheidungen geht, Verschwendung öffentlicher Gelder, die Ineffizienz des Rechtssystems oder die extrem hohe Besteuerung. Auch im Korruptionsindex von Transparency International liegt Argentinien auf Rang 107 von 177 Ländern. In Südamerika gelten nur die Chaosstaaten Paraguay und Venezuela als noch bestechlicher. Und so investierten ausländische Geldgeber 2013 nur noch 12,6 Mrd. Dollar in Argentinien. Der halb so große Nachbar Chile bekam über 30 Mrd. Dollar.

Nun rächen sich die radikalen Aktionen der Regierung – allen voran die Gasnationalisierung. So frenetisch Kirchners und Kicillofs Anhänger zunächst die Enteignung feierten: „Vaca Muerta“, die „tote Kuh“, wie das riesige Schiefergasfeld heißt, muss erst zum Leben erweckt werden. Um den Schatz im Boden zu heben, braucht es Know-how und Kapital. Internationale Investoren trauen sich bis heute kaum an das Projekt – aus Angst, ihnen könne es ebenso ergehen wie Repsol. Und den heimischen Energiekonzernen fehlt ob der staatlichen Preisvorgaben für ihre Produkte bereits das Geld für die Instandhaltung ihrer Leitungen, Umspannstationen, Kraftwerke. So kommt es immer wieder zu Blackouts, selbst in der Millionenmetropole Buenos Aires. Dann stehen Fabriken plötzlich still, brechen schon mal Kommunikationsnetze zusammen – und der Standort wird noch unattraktiver.

Auch die klassische Kirchner-Wählerklientel wird immer frustrierter. Den ärmeren Leuten setzt die Inflation zu. Im Dezember wurden mindestens elf Menschen bei Unruhen getötet, als wütende Mobs versuchten, Supermärkte und andere Geschäfte zu plündern. Dramatisch verteuert hat sich vor allem Rindfleisch. Sämtliche Versuche der Regierung, den Preis von Argentiniens liebstem Grundnahrungsmittel unten zu halten, haben genau das Gegenteil bewirkt. Der Niedergang der Rinderzucht ist zum Synonym geworden für die Misswirtschaft der Linkspopulisten.

Von einen Tag auf den anderen verbot die Regierung den Rindfleischexport

So reitet der Gaucho Luciano Arata. Er ist Präsident des Landwirtschaftsverbandes von Lobos und sagt:
So reitet der Gaucho Luciano Arata. Er ist Präsident des Landwirtschaftsverbandes von Lobos und sagt: „Die Regierung hat uns ruiniert“
© Nicolas Pousthomis

Als die ersten Kälber durchs Gatter zur Nachbarweide trotten, reißt Luciano Arata sein Pferd herum. Frontal reitet der 46-Jährige auf die Kühe zu, die ihren Jungtieren folgen wollen, und lässt die Peitsche in der Luft knallen. Verschreckt bäumen sich die Kühe auf, weichen zurück, das Gatter zwischen den Weiden schließt sich. Der Viehzüchter Arata hat damit die Kälber erstmals von ihren Müttern getrennt, zum Entwöhnen.

Arata ist Herr über die Hacienda San Francisco, eine 350-Hektar-Farm bei Lobos, 90 Kilometer südlich von Buenos Aires. „Ich bin kein Bauer“, sagt er, „ich bin Gaucho!“ Ein Cowboy. Und Cowboy will er bleiben. Obwohl sich das Rindergeschäft nicht mehr rentiert.

„Diese Regierung hat uns ruiniert“, sagt Arata in der Pause, als er sich mit seinen Kollegen eine Kalebasse Mate teilt, das Traditionsgetränk der Viehzüchter hier in der Pampa. Die Haciendas haben sich geleert, Hunderte Züchter haben in den vergangenen Jahren den Rinderbetrieb aufgegeben. Weil ihnen die Regierung das lukrative Exportgeschäft kaputt gemacht hat.

Am 8. März 2006 kommt Argentiniens Rindfleischausfuhr abrupt zum Stillstand. Präsident Néstor Kirchner, Cristinas inzwischen verstorbener Ehemann, verbietet mit sofortiger Wirkung fast alle Exporte. Jenseits einiger Spezialarrangements dürfen die Schlachthäuser nichts mehr ins Ausland verkaufen – nicht einmal Stücke wie Filet, für die es in Argentinien gar keinen Markt gibt. Es ist ein Schock für die Züchter, die Schlachthäuser – und ihre Kunden: Fleischimporteure auf allen Kontinenten. Sie stehen plötzlich ohne Nachschub da.

Doch die Regierung lässt sich nicht erweichen. Zweieinhalb Monate lang hält sie das Exportverbot aufrecht, erst dann lockert sie es, kontrolliert den Markt aber weiter streng. Die Preise im Inland sollen fallen, das ist ihr großes Ziel. Vertilgt doch jeder Bürger im Schnitt bis zu 70 Kilo Rind pro Jahr: ein Steak pro Kopf, Tag für Tag. Und Kirchners Populisten haben dem Volk versprochen, die mesa de los argentinos zu füllen, die „Tafel der Argentinier“. Wenn Rindfleisch nicht mehr in fremde Länder darf, so ihr Kalkül, wird es daheim nicht nur billiger – es gibt auch mehr davon.
Anfangs geht ihr Plan auf: Drei Jahre lang sind die Fleischtheken voll wie im Schlaraffenland. Ein Pfund schönstes Steak kostet zeitweise umgerechnet nicht mal 1,50 Euro, der Pro-Kopf-Verbrauch wächst um 15 Prozent. „Wenn die Leute damals gegrillt haben, haben viele gar keine Salate mehr dazu gemacht, so billig war das Fleisch“, sagt die Agrar-Ökonomin Nieves Pascuzzi. „Aber dann hat der Markt plötzlich gedreht.“

Immer mehr verarmte Züchter geben auf – und schlachten die heiligen Kühe. Zwischen 2009 und 2010 sackt der Bestand von 54,1 auf 47,9 Millionen Tiere ab. Als das Blutbad vorbei ist, schießt der Rindfleischpreis binnen dreier Monate 70 Prozent nach oben. Seither haben auch Argentiniens Konsumenten ein Problem. Ende 2013 mussten sie für ein Kilo Rindfleisch etwa sechsmal so viel hinblättern wie 2006. Parallel dazu ist der Export um 75 Prozent gefallen: auf nur noch 190 000 Tonnen. War Argentinien 2006 noch drittgrößter Rindfleischexporteur der Erde, stürzte es bis 2013 auf Rang elf ab, hinter viel kleineren Staaten wie Uruguay. Nach Pascuzzis Berechnungen entgehen der Nation Exporterlöse von fast 3 Mrd. Dollar pro Jahr. Kostbare Devisen, die fehlen.

Rinderbauern pflanzen jetzt Soja und Mais an – aber auch das ist sehr riskant

Frank Keller ist der Argentinien-Chef des Landmaschinenherstellers Agco - sein Betrieb steht fast still
Frank Keller ist der Argentinien-Chef des Landmaschinenherstellers Agco – sein Betrieb steht fast still
© Nicolas Pousthomis

Seit den Turbulenzen von Ende Januar, als der Peso 14 Prozent an Wert verlor, gibt sich die Regierung etwas pragmatischer. Wirtschaftsminister Kicillof verhandelt wieder mit den Altschuldnern von 2001, er hat die Devisenkontrollen leicht gelockert und dem Ölkonzern Repsol eine Entschädigung von 5 Mrd. Dollar für die Zwangsenteignung versprochen. Er hat zugelassen, dass die Zentralbank die Leitzinsen kräftig erhöht, um Kapital im Land zu halten und den Total-Crash der Währung zu verhindern.

Neuerdings veröffentlicht die Regierung sogar Inflationszahlen, die der Wahrheit näher kommen als die jahrelang geschönten Werte. Demnach liegt die Teuerungsrate zwischen drei und vier Prozent – pro Monat. „Die Regierung hat angefangen, die Realität zu akzeptieren“, sagt der Deutsche-Bank-Ökonom Cañonero. Doch sie sei „weit davon entfernt, die Probleme zu lösen“. Eine Rezession sei wohl unausweichlich.

Aussitzen ist angesagt. Viehzüchter, Investoren, Berater und die Opposition – alle warten auf das nächste Jahr. Dann sind Wahlen, und Cristina Kirchners Regentschaft wird enden. Wer ihr nachfolgt in den Präsidentenpalast, ist ungewiss. Aber schlimmer könne es kaum noch werden, sagt der Viehzüchter Arata. „Wir wollen doch nur in Ruhe arbeiten.“
Viele Züchter sind in der Not auf Soja- und Getreideanbau umgestiegen. Trotz der staatlichen Exportsonderabgabe von 35 Prozent auf den Umsatz, die das Geschäft für die Bauern hochriskant macht. Ein Jahr mit schlechter Ernte kann sie ruinieren.

Diesmal sieht es aber gut aus in Lobos. Anfang April steht das Korn im Saft, Erntezeit. Ein Mähdrescher walzt durch ein Hunderte Meter langes Maisfeld, lädt seine Fuhre ab. Es scheppert, als die Körner durch die Abfüllanlage rieseln: hinein in meterlange Kunststoffsäcke für die Lagerung, die jeweils zwölf Tonnen fassen. Zehntausende von ihnen liegen prall gefüllt rund um die Gehöfte herum. Die Farmer horten ihr Getreide lieber, als es sofort auf den Markt zu bringen. Erst wenn sie Bares brauchen, verkaufen sie einen Teil, selten mehr als gerade nötig. Zu groß ist die Angst vor Inflation und Abwertung. „Unser Getreide hat einen echten Wert“, sagt Arata, „aber dem Peso vertrauen wir nicht mehr.“