KommentarDas Ende der Apple-Magie

Klar, iPhones verkaufen sich noch immer ganz gut - aber ihre Magie haben sie verloren
Klar, iPhones verkaufen sich noch immer ganz gut – aber ihre Magie haben sie verloren
© Getty Images

Am Samstagmorgen kam mein neues iPhone, und es passierte – nichts. Ich nahm den weißen Karton in die Hand, legte es auf den Schreibtisch, da lag es lange so da, eingepackt. Kann sein, dass es ein wenig an dem DHL-Boten lag („vereinbarte Lieferzeit 17-22 Uhr), der schon um 7.30 Uhr am Samstag morgen klingelte. Er entschuldigte sich, ich sagte: „Macht nichts, ich freue mich, dass es da ist.“ Als ich die Tür schloss, merkte ich, dass ich gelogen hatte: Ich freute mich nicht wirklich, ich brauchte einfach ein neues iPhone, weil das alte nach gut zwei Jahren zugemüllt ist wie ein alter Dachspeicher. Nach außen sieht es tadellos aus, nur ein paar Kratzer. Hatte ja auch brav die Spießerhülle drum.

Seit einem haben Jahr aber kann ich kein Update mehr machen, weil die Softwareaktualisierung von Apple immer mehr Platz verlangt, es ist eine gigabytemäßige Unverschämtheit, wie sich das Betriebssystem iOS ausbreitet, wie das Nichts in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ oder die grauen Herren in „Momo“, unsichtbar und unaufhaltsam und irgendwann ist alles gelähmt und verstopft.

Die industrielle Logik ist mir natürlich klar: Ein iPhone, zumal mit 16 Gigabyte, muss nach anderthalb Jahren den Geist aufgeben und verstopft sein, damit man sich ein neues kauft. Wenn man die Software nicht aktualisiert, funktionieren irgendwann auch manche Apps nichts mehr, schon ist man (aus)geliefert.

Apple wird wie Microsoft in den 1990er Jahren

Apple hat damit eine Krankheit erfasst, die wir aus den 90ern von Microsoft kennen: Als Nutzer kommt man bald in einen Hardware-Software-Teufelskreis, die Dauer-Updates irgendwelcher Software und Apps fressen sich ins System, bis es irgendwann zu langsam ist. Microsoft wurde dafür beschimpft und gehasst, Apple, das irgendwie immer für die besseren, schöneren und  intelligenteren Programme und Nutzeroberflächen stand, hatte nicht diesen Ruf, wurde geliebt und bewundert.

Diese Zeit aber ist längst vorbei, auf einem iPhone ist das Update praktisch der Normalzustand, entweder das Betriebssystem will sich erneuern (Grund: „Fehlerbehebungen“ oder „Verbesserungen“) oder die Apps. Der kleine rote Kreis prangt meist wie ein Warnschild über der App-Store, gnadenlos wird nach oben gezählt, 3, 7, 14, 22. Wer eine Woche im Ausland ist und sich darum nicht kümmert, wird zu Hause erschlagen.

Nun unterstelle ich Apple mal, dass die Software wirklich verbessert wird oder Fehler behoben, auch Microsoft musste früher oft einfach nur die berühmten „Sicherheitslücken“ schließen. Wenn diese automatischen Updates im Hintergrund liefen, konnte man auf der Rückseite des Laptops Spiegeleier braten, der Rechner war außer Gefecht gesetzt.
Bei Apple läuft das Update meist reibungsloser, trotzdem ist diese indirekte Selbstzerstörung vor allem ein Symptom: Da ist etwas verloren gegangen, die Apple-Magie ist weg, jener Zauber, der uns lange ehrfürchtig vor der makellosen Perfektion erschaudern ließ.

Wie so viele erinnere ich sogar den Zeitpunkt, als ich mein erstes iPhone bekam. Ja, das iPhone gehört tatsächlich zu den Erstes-Mal-Momenten im Leben. Ich weiß noch, wie ich das Wunderding auspackte, das damals noch runde Gerät ruhte in der Hand hielt wie ein schwarzer Juwel, ach was, es schwebte in der Handfläche, als habe es E.T. persönlich  vorbeigebracht. Und bloß keinen Kratzer rein machen! Damals entstand die Schutzhüllenindustrie, eine jener Branchen, die sich um die Smartphones angesiedelt haben wie ein Speckgürtel um eine Stadt.  Wir sind seit 2007 tatsächlich so dämlich, diese schönen Geräte in absurde billige Plastik- oder Gummihüllen zu packen, dass man ihre Schönheit nicht mehr sieht, dass aus schlankem, edlen Design hässliche Klobigkeit wird.

Wir freuten uns über Klaviertastaturen, Fingerwischen, rollende Adressverzeichnisse

Und doch war das Verpacken hochsymbolisch: Das iPhone war zu schön, zu verletzlich, um ungeschützt in der Welt da draußen benutzt zu werden. „Ich will einen Schutzhülle für meine Schutzhülle vom iPhone“, schrieb einmal ein Tech-Kolumnist des „Wall Street Journal“, in einer Hymne auf das neue Gerät. Klar, viele wollen das iPhone einfach nur schützen, weil es so oft runterfällt. Das aber ist, nun, eine Schutzbehauptung: Es ging in erster Linie um die Bewahrung von Schönheit. Wir hatten ein Wunder in den Händen, man saß 2007 im Kreise mit Freunden zusammen, und freute sich über die Art, wie SMS in Sprechblasen dargestellt wurden, über Biergläser, die sich auf dem Display füllten und Rasierer-Apps, die das Gerät vibrieren ließen, über Klaviertastaturen, Fingerwischen, rollende Adressverzeichnisse.
 
Apple ist ein Konzern, der uns viel gegeben hat, und von dem wir unglaublich viel verlangen. Das iPhone ist gerade mal sieben Jahren alt, das iPad kam 2010, und irgendwie fordern wir, dass alle paar Jahre ein neues Wunder, eine neue Revolution kommt. Das war immer übertrieben, ja absurd, zumal die Meilensteine zwar kleiner wurden, aber doch regelmäßig kamen. Zwischen dem ersten iPhone und dem 5S liegen Welten.

Und dennoch: Die Magie ist verschwunden. Das mag zum einen daran liegen, dass aus dem Ich-bekomme-ein-neues-iPhone-Moment ein Ritual geworden ist. Niemand würde mehr, wie früher, auf Facebook posten, dass er das göttliche Gerät endlich in den Händen hält. Smartphones sind zu alltäglich geworden, heute müsste man eher posten, wenn man sich wieder ein Nokia 6310 zulegt, weil man in erster Linie telefonieren will (Und die Qualität des Telefonierens hat im Zeitalter der Smartphones tatsächlich nachgelassen! Es mag an den verstopften Netzen liegen oder an der Multifunktionalität, aber den Satz: „Ich rufe Dich mal kurz auf dem Festnetz an“, höre ich immer öfter.“)

Nach einem Jahr wird das iPhone ein Mistding

Es geht um mehr als um Routine: Wenn wir das neue iPhone bekommen, haben wir uns monatelang über das alte geärgert. Nicht der kurze Zorn, wie über den verkorksten Kartendienst, hat den Zauber gedämpft, sondern der nagende Ärger mit Technik, die nervt. Ich war mit dem 4S, dass ich im März 2012 kaufte, seit Monaten praktisch nur noch beschäftigt, Apps, Fotos, Musik oder Videos zu löschen, damit die hungrige Software-Krake sich ausbreiten konnte. Irgendwann ging es nicht mehr, das Update wollte über vier Gigabyte freien Speicherplatz, mein iPhone läuft deshalb tatsächlich noch mit dem alten, dunkleren Design, dem klassischen Entriegeln-Riegel. Du hast ja auch nur 16 Gigabyte, sagte mal ein Freund in einem Ton, als habe ich auf einem chinesischen Wochenmarkt ein Ralph-Lauren-T-Shirt gekauft, das nun hoffnungslos eingegangen ist. Gegenfrage: Warum werden die 600-Euro-Geräte überhaupt noch mit 16 GB angeboten? Und es geht ja nicht nur um Platz: Als ich mein erstes iPhone 2008 kaufte, und 2009 mal ein Update machte, war es danach praktisch funktionsunfähig. Wenn man eine SMS schrieb, hakte die Tastatur.

Apple stand, vereinfacht gesagt, immer dafür, dass es solche lästigen, nervigen Probleme nicht gab, weil es vorausdachte und sie löste, bevor sie entstanden. Das war ein Baustein der Magie, wir liebten und bewunderten die Geräte, weil sie unserer Zeit, unserem Verhalten und Bewusstsein voraus waren. Nun also kam am Wochenende mein neues iPhone, und ich schaute es an, ich dachte, schön bist du immer noch, aber ich dachte auch: Endlich wieder Platz. Und ich weiß, dass du in einem Jahr anfangen wirst, ein Mistding zu sein, und Dein Verfall mich nötigen wird, Deinen Nachfolger zu kaufen.

So entrümpeln Sie ihr iPhone

Nachtrag, 13.30 Uhr. Mehrere Leser haben uns auf unserer Facebook-Seite Tipps gegeben, um das iPhone aufzuräumen und damit zu beschleunigen. Vielen Dank an Stephan Ted Paal und Rou Ven Sie Gler.

1. Deinstallieren Sie Apps, die Sie nicht brauchen.

2. Update via iTunes am PC/Mac machen.

  • OTA-Updates (Over-The-Air) via Wlan brauchen in der Tat eine Menge an Speicherplatz, da sowohl alte als auch neue Systemdateien kurzzeitig gleichzeitig auf dem iDevice sein müssen. Ein Update am PC/Mac umgeht dies.“ (Stephan Ted Paal)

3. „Im Laufe der Zeit sammeln sich sehr sehr viele temporäre Dateien und anderer „Müll“ auf dem iDevice an, daher emfiehlt es sich in regelmäßigen Abständen das Gerät aufzuräumen. Hier bieten sich erfahrungsgemäß 2 Wege an“ (Stephan Ted Paal)

  1. komplette Neuinstallation, ist aber mit viel Arbeit verbunden, da alle Apps manuell wieder aufgespielt werden müssen etc. oder
  2. Neuinstallation und anschließend das Gerät aus einem Backup wiederherstellen. Vorteil: Man hat alle Apps und Einstellungen wie vorher da. Nachteil: Es ist nicht so gründlich.