WirecardDas Doppelleben des Jan Marsalek

Seite: 4 von 5

Wagner-Gruppe und RSB-Söldner in Libyen aktiv

Tatsächlich waren russische Söldner in einer Reihe von Ad-hoc-Einsätzen seit Jahren im Land. 2017 wurde ihre Präsenz substanzieller und dauerhafter, so Suchankin. In dem Jahr habe sich eine russische Abordnung in Industrieanlagen eingerichtet, die Marsalek nach eigenen Angaben mit gehören. Mehrere Dutzend schwer bewaffnete Soldaten der privaten russischen RSB-Gruppe wurden für eine „Minenräumaktion“ in Zementwerken im Osten Libyens unter Vertrag genommen. Die Werke im Besitz der Libyan Cement Company (LCC) lagen tief im Gebiet des Kriegsherrn Chalifa Haftar, damals Russlands wichtigster Verbündeter im Land.

Bundesaußenminister Heiko Maas auf Vermittlungsmission beim libyschen General Haftar 2020.
Bundesaußenminister Heiko Maas auf Vermittlungsmission beim libyschen General Haftar 2020.

RSB rekrutiert hochqualifizierte russische Kämpfer aus Spezialeinheiten. Ihr Chef Oleg Krinitsyn behauptet, dass unter seinen Mitarbeitern auch Veteranen der russischen Spetsnaz-Truppen sind, darunter die berüchtigten Einheiten Alpha und Vympel, das FSB und das Elite-Fallschirmjägerregiment Rjasan. Ein Sprecher der RSB Group sagte, die Firma habe keine Kenntnis von einem Herrn Marsalek und habe nur mit dem „Direktor“ des Zementunternehmens LCC zu tun. Bilder von RSB-Mitarbeitern, die vor Wandgraffiti posieren, auf denen auf Englisch „Mine – RSB Group“ zu lesen ist, wurden in libyschen Medien verbreitet und erscheinen auf der Website des Unternehmens. Der offizielle Sprecher von General Haftar, Oberst Ahmed al-Mismari, betonte in mehreren Interviews, dass die Präsenz der Gruppe sehr begrenzt sei.

RSB selbst bezeichnet den Auftrag in Libyen als „eine humanitäre Mission“. Man arbeite aber „nicht mit den Sonderdiensten oder der Regierung der Russischen Föderation zusammen“.

Laut dem Sprecher sei nach Abschluss der RSB-Arbeit in Libyen in der Fabrik „eine Scheinfirma aufgetaucht“. Die habe „versucht, unter unserem Namen zu arbeiten“. Nach Berichten lokaler sozialer Medien herrschte in der LCC-Fabrik ein reges Treiben von Soldaten, die nicht nur mit Kampfmittelbeseitigung beschäftigt zu sein schienen.

Nach öffentlich zugänglichen Angaben befindet sich LCC im Besitz der in London ansässigen Libya Holdings Group (LHG). Diese beschreibt sich selbst als Organisation, die Partnerschaften mit Drittinvestoren eingeht, die auf Beteiligungen an libyschen Geschäftsmöglichkeiten aus sind. Der in der britischen FCA registrierte Geschäftsführer Ahmed Ben Halim sagte auf Anfrage, das Unternehmen habe keine Verbindung zu einem Herrn Marsalek. Zuvor hatte die Holding erklärt, dass hinter LCC 15 Investoren aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten stünden. Vor der Übernahme durch LHG 2015 war das Zementwerk im Besitz der österreichischen Gruppe Asamer.

Abkassiert beim österreichischen Staat

Laut fünf verschiedenen Quellen in Österreich, Deutschland, Libyen und Russland behauptete Marsalek jedoch, einer der neuen Eigentümer von LCC zu sein. Zudem konnte die FT Dokumente der Münchner Beratungsfirma Wieselhuber & Partner einsehen, die für Asamer arbeitete. Danach hat Marsalek die Übernahme von Schulden in Höhe von 20 Mio. Euro durch den österreichischen Staat beantragt, die 2017 für die Einrichtungen von LCC gewährt wurde. Aus den Unterlagen geht hervor, dass die Summe an Marsalek ausgezahlt wurde.

Suchankin zufolge folgen die Einsätze russischer Söldner in Nahost und in Afrika zunehmend dem „Muster“, über kommerzielle Vertragsbeziehungen vor Ort eine Präsenz zu etablieren, wie etwa zwischen RSB und LCC. Ein vergleichbares Beispiel sei die Wagner-Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik, die dort offiziell mit der Sicherung von Bergbauanlagen beauftragt ist. „Sie müssen aus Quellen des Einsatzgebiets finanziert werden. Es geht nicht nur darum, dass es [durch den Kreml] plausibel bestritten werden kann, sondern auch um die kommerzielle Seite … tragfähige Beziehungen, um sie ohne Kosten für Russland vor Ort zu halten … die Geoökonomie des Projekts ist ebenso wichtig [wie der militärische Einfluss].“

Wenn es um seine Pläne ging, eine Grenztruppe im Süden Libyens aufzustellen, sagte Marsalek seinen Gesprächspartnern wiederholt, dass er ohne Probleme vor Ort bewaffnete Streitkräfte aus Russland beschaffen könne – dank seiner engen Beziehungen zu russischen „Sicherheitsspezialisten“. Als Beweis dafür, dass er dies bereits getan habe, nannte er libysche Geschäftsinteressen wie Zementfabriken.

Doch Marsaleks großartige Ideen in Libyen schienen sich nie zu verwirklichen. Die Operationen der LCC sind teilweise noch immer suspendiert. Libyen ist nach wie vor ein gespaltenes Land. Russlands Söldner haben dort in letzter Zeit erhebliche Rückschläge erlitten. Und Wirecard ist kollabiert.