EnergiemarktCapital erklärt: Warum gerade jetzt die Energiepreise steigen

Die Energiepreise steigen
Die Energiepreise steigen – was bedeutet das für die Wirtschaft? IMAGO / Future Image


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal geht es um die steigenden Energiepreise. Capital-Redakteur Thomas Steinmann, der unter anderem über die Energiepolitik schreibt, erklärt, was es damit auf sich hat.


Warum steigen auf dem Energiemarkt gerade die Preise?

Der Anstieg der Energiepreise hat zwei Hauptursachen. Ein Faktor ist die CO2-Bepreisung. Industrieunternehmen und Kraftwerksbetreiber in der EU müssen für ihren CO2-Ausstoß sogenannte Emissionszertifikate vorhalten. Die Preise für diese Zertifikate sind in den vergangenen Monaten massiv gestiegen. Jahrelang lagen die Kosten für sie bei unter 10 Euro pro Tonne CO2, in diesem Jahr sind sie auf mehr als 60 Euro nach oben geschossen. Dadurch ist auch die Energieproduktion teurer geworden – vor allem die aus Kohle, bei der vergleichsweise viel CO2 ausgestoßen wird.

Der zweite wichtige Faktor sind die gestiegenen Rohstoffpreise: Für die Brennstoffe Kohle und Gas, die dazu verwendet werden, Strom zu produzieren, müssen die Energiekonzerne deutlich mehr bezahlen. In Summe führt das dazu, dass die gesamte Energieproduktion kostenintensiver geworden ist, was sich wiederum in den Großhandelspreisen niederschlägt. Elektrizität ist an der Börse so teuer wie noch nie seit der Liberalisierung der Energiebranche – auch bei Terminkontrakten, also für Strom, der etwa erst in einem Jahr geliefert wird.

Haben die gestiegenen Brennstoffpreise auch mit der Ressourcenknappheit durch die Corona-Krise zu tun?

Nicht in erster Linie. Vor allem beim Gas gibt es derzeit eine Knappheit, die zu einem extremen Preisschub führt. Dies liegt zum einen daran, dass die Gasspeicher in Europa ungewöhnlich leer sind. Zum anderen ist das Angebot knapper als sonst – auch weil der russische Gazprom-Konzern derzeit weniger Gas über Pipelines durch die Ukraine nach Europa liefert. Manche Experten vermuten, dass der Kreml hier absichtlich auf die Bremse tritt, um ein Faustpfand für die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 in der Hand zu haben. Denn der Vorteil bei Nord Stream 2 ist aus russischer Sicht, dass dort keine Transitgebühren an die Ukraine anfallen.

Erdgaspreis in Dollar je MMBtu

Auf jeden Fall trifft das knappe Angebot an Gas auf eine Nachfrage, die nach der Corona-Krise wieder deutlich angezogen hat – in dem Maße, wie sich die Wirtschaft in Europa erholt. Das führt zu dem massiven Preissprung. Ähnlich sieht es bei der Steinkohle aus: Auch hier sind die Weltmarktpreise in jüngster Zeit deutlich gestiegen – nicht zuletzt weil sich die großen Volkswirtschaften von der Pandemie erholen und der Strombedarf überall wieder deutlich anzieht. Seit Jahresbeginn ist der Preis der Steinkohle um mehr als 100 Prozent gestiegen und befindet sich derzeit auf einem Allzeithoch mit 195 Dollar je Tonne. Profiteur dieser Entwicklung ist die Braunkohle, die in den heimischen Tagebauen der Kraftwerksbetreiber gefördert wird – also ausgerechnet die schmutzigste der wichtigen Energiequellen.

Heißt das, dass die höheren Energiepreise direkt an die Verbraucher weitergegeben werden?

Ja. Die Großhandelspreise, nach denen der Strom entweder kurzfristig oder auch richtig langfristig verkauft wird, befinden sich auf einem absoluten Rekordhoch. Noch sind diese Preissprünge nicht beim Verbraucher angekommen. Aber es ist absehbar, dass die Energieanbieter ihre Preise für die Endkunden bald an die höheren Beschaffungskosten anpassen werden. Wenn die Situation so bleibt und der Energiepreisanstieg nicht nur kurzfristig ist, wird sich das auf die Endkunden auswirken.

Kann man bereits abschätzen, ob dieser Preisschock länger anhalten wird?

Ja und nein. Einer der beiden preistreibenden Faktoren für die Energiepreise bleibt jedenfalls relativ sicher dauerhaft. Es ist nicht zu erwarten, dass die Kosten für die CO2-Zertifikate wieder deutlich fallen. Dies kommt schon alleine dadurch, dass die Europäische Union ihre Klimaziele kürzlich noch einmal verschärft hat. Durch diesen Green-Deal wird die Menge an CO2, die ausgestoßen werden darf, noch einmal reduziert, was sich direkt auf die Preise der Emissionsrechte auswirkt. Es ist nicht damit zu rechnen, dass diese Preise noch einmal ein Niveau erreichen, bei dem fast keiner gemerkt hat, dass sie überhaupt existieren.

Gib es eine Prognose, welche Wirtschaftsbereiche von diesem Energiepreisschock besonders betroffen sein werden?

Der Energiepreisschock wird natürlich vor allem die energieintensive Industrie treffen. Hier geht es vor allem um die Grundstoffe, also die Stahlherstellung oder die Chemiebranche. Hier wird sich vor allem die Frage stellen, wie die einzelnen Unternehmen gegen steigende Strompreise abgesichert sind. Haben sie langfristige Stromlieferverträge? Wer das gemacht hat und bereits auf lange Sicht mit Strom eingedeckt ist, hat Glück gehabt. Wer sich jetzt für das kommende Jahr eindecken muss, muss das zu deutlich höheren Kosten machen. Dies kann für die heimischen Unternehmen zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen gegenüber Konkurrenten in Nordamerika oder Asien führen.

Manche Stimmen waren bereits vor Stromknappheit und Blackouts im Winter. Ist das realistisch?

Das ist übertrieben, da es eigentlich keinen Mangel an Rohstoffen gibt. Es handelt sich hierbei um eine Frage der Kosten. Problematisch wird es nur, wenn es in diesem Winter eine lange Kältewelle mit wenig Wind geben sollte. Diese würde den Energiemarkt in der aktuellen Lage noch heftiger treffen, als es ohnehin der Fall wäre.

 


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