Ausblick 2016Aufschwung-Risiko Rechtspopulismus


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.


Sieben Jahre nach der großen Finanzkrise regiert weiterhin die Vorsicht das Verhalten vieler Menschen. Haushalte nehmen weniger Kredit auf, Unternehmen investieren weniger und Arbeitnehmer halten sich bei Löhnen mehr zurück als früher. Das Ergebnis ist ein Aufschwung ohne Überschwang. Weder zu heiß noch zu kalt. In den USA und Großbritannien wächst die Konjunktur seit Jahren im Einklang mit dem langfristigen Durchschnitt. Dank der Reformen in Randeuropa und der angemessenen Geldpolitik der EZB konnte auch die Eurozone 2015 ein solches Tempo erreichen.

Insgesamt blicken wir mit verhaltener Zuversicht ins neue Jahr. Die Weltkonjunktur kann etwas an Schwung gewinnen bei stabilem Wachstum in der westlichen Welt und langsam auslaufenden Krisen in einigen Schwellenländern. Während der Rückenwind aus dem Verfall der Ölpreise langsam abflaut, kann der anhaltende Zuwachs der Beschäftigung den Konsum in der westlichen Welt weiter stützen.

Auch bei Investitionen rechnen wir nicht damit, dass sich in den großen Ländern der westlichen Welt viel ändert. Insgesamt kann die Investitionsneigung zwar im Laufe des Aufschwungs nach oben streben, sofern nicht ein Schock von außen oder politische Sorgen das Zukunftsvertrauen der Unternehmen und damit ihre Investitionsneigung eintrüben. Aber ein Investitionsboom wie in früheren Konjunkturaufschwüngen zeichnet sich nicht ab. Unternehmen disponieren weiterhin vorsichtig. Dazu kommt, dass sich Investitionen immer schwerer messen lassen, da sich das Schwergewicht von Hardware zu Software, von langlebigen Maschinen und Gebäuden hin zu kurzlebigeren Informationstechnologien verlagert, die sich statistisch schwerer erfassen lassen. Dies könnte einen Teil der gemessenen Investitionsschwäche erklären.

Arbeitsmarkt in Deutschland strotzt vor Kraft

Für die deutsche Binnennachfrage stehen die Zeichen auf Grün. Der Arbeitsmarkt strotzt vor Kraft. In den vergangenen zwölf Monaten ist bei uns die Zahl der Menschen, die durch ihre Arbeit genügend verdienen, um Sozialbeiträge zahlen zu müssen, um knapp 700.000 gestiegen. Mit 600.000 als offen ausgewiesenen Stellen ist das Potenzial für noch mehr Arbeitsplätze hoch. Der Anstieg der Einzelhandelsumsätze um 0,9 Prozent im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal zeigt, dass die Deutschen ihre zumeist gut gefüllten Geldbörsen durchaus öffnen.

Unser robuster Arbeitsmarkt erklärt auch, warum es so viele Flüchtlinge innerhalb Europas nach Deutschland zieht. Anfangs werden uns die Zuwanderer Geld kosten, die wir ins Land lassen. Für das kommende Jahr könnten diese Mehrausgaben durchaus bis zu 20 Mrd. Euro erreichen. Das entspräche etwa dem Überschuss, den wir ansonsten im Staatshaushalt würden. Aus makroökonomischer Sicht handelt es sich um einen Fiskalstimulus von etwa 0,6 Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Wie der Zufall so spielt, kommt er fast genau zu dem Zeitpunkt, an dem die deutsche Industrie mit einer zeitweiligen Nachfrageschwäche aus Schwellenländern und den Folgen von Dieselgate zu kämpfen hat. Auch das dürfte den Aufschwung stabilisieren.

In den USA und Großbritannien wird das Wachstum mit Raten um 2,5 Prozent voraussichtlich stabil bleiben. Da der Aufschwung dort bereits deutlich fortgeschrittener ist als in der Eurozone, werden vermutlich sowohl die US-Fed als auch die Bank of England 2016 ihre Leitzinsen vorsichtig erhöhen. Da die EZB erst spät die Euro-Konjunktur wirksam gestützt hat, lässt die Zinswende in der Eurozone wohl noch zwei Jahre auf sich warten.