Jahresausblick20 Prognosen: So wird 2019

Blick in die Glaskugel
Blick in die Glaskugel dpa

Wird die Zukunft in Zeiten von Donald Trump und Brexit, Protektionismus und Populismus, immer schwieriger vorherzusagen? Für die Prognostiker der Financial Times scheint das der Fall zu sein. Wir haben acht der 20 Fragen des letzten Jahres falsch beantwortet, unser schlechtestes Ergebnis seit mehreren Jahren. Wir haben uns geirrt mit der Prognose, dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump beginnen würde (obwohl Edward Luce seine Prognose in diesem Jahr wiederholt). Wir setzten auf den falschen Kandidaten bei der mexikanischen Präsidentschaftswahl, lagen beim Haushalt für die Eurozone und bei der Fußball-Weltmeisterschaft daneben.

Bei den Ölpreisen, dem Wachstum in den Schwellenländern und dem Aktienindex S&P 500 waren wir zu optimistisch. Angesichts des Rücktritts des indischen Zentralbankgouverneurs waren wir womöglich nur ein wenig zu früh dran, als wir prognostizierten, dass Ministerpräsident Narendra Modi 2018 ein weiteres Wirtschaftsexperiment durchführen würde.

Wird der Brexit gestoppt?

Ja. Um fünf vor zwölf wird sich Großbritannien von diesem Akt der Selbstbeschädigung befreien. Brexit heißt Brexit, sagte Theresa May 2016, aber nach zwei Jahren erbitterten Streits kann sich selbst die Partei der Premierministerin nicht darauf verständigen, was das in der Praxis bedeuten soll. Weil das Parlament unfähig ist, sich auf eine einzige Version des Brexits zu einigen, wird das Problem wieder bei den Wählern landen. In einem zweiten Referendum können sie nochmals abstimmen und den Ruf des Vereinigten Königreichs als Nation wiederherstellen, die nicht bereit ist, Wohlstand und Sicherheit einer ideologischen Obsession zu opfern. Hinter dieser Vorhersage stecken sowohl Hoffnung als auch Erwartung! Philip Stephens

Wird Jeremy Corbyn britischer Premierminister?

Nein. Der Oppositionsführer hat sein Image in der Öffentlichkeit zwar verbessert, er schafft es aber nicht, über die Basis der Labour-Partei hinauszuwachsen. Großbritannien erlebt 2019 womöglich eine Parlamentswahl, aber es ist alles andere als sicher, dass Corbyn gewinnen wird. Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass seine Popularität hinter der von Theresa May und seiner eigenen Partei zurückbleibt. Corbyn kann die Wähler nicht davon überzeugen, dass er in der Lage ist, die Führung des Landes zu übernehmen. Aber wenn die Konservative Partei ihren Zermürbungskrieg gegen Europa fortsetzt, könnte Labour doch als Sieger aus den Trümmern hervorgehen – vor allem, wenn Corbyn nicht mehr am Ruder steht. Sebastian Payne

Wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seine Reformpolitik nach den Protesten der Gelbwesten wieder auf Kurs bringen?

Ja. Der französische Präsident hat keine andere Wahl. Aufgeben würde bedeuten, seine politische Existenz aufzugeben. Eine taktische Pause scheint unvermeidlich zu sein, damit der Ärger der regierungsfeindlichen Demonstranten nachlässt und die Auswirkungen einer Senkung der Wohnungssteuer und eines höheren Mindestlohns zum Tragen kommen. Aber Macron wird die Reformen bei Renten, Arbeitslosenversicherung und Unternehmensregulierung fortsetzen. Maßnahmen zur Straffung des Staates werden weniger einschneidend ausfallen, sie können aber helfen, die Kritik der Demonstranten an zu hohen Steuern zu beantworten. Um weitere Unruhen zu vermeiden, muss Macron jedoch seinen Führungsstil ändern und die Menschen mitnehmen. Ben Hall

Werden Populisten bei den Wahlen zum Europäischen Parlament große Gewinne erzielen?

Ja, diese Wahlen bieten perfekte Voraussetzungen für große Gewinne von Populisten und Nationalisten. Umfragen zufolge ist die Zuwanderung in den meisten Ländern das wichtigste Thema. Die Europawahlen werden häufig dazu genutzt, um Protest gegen die herrschende Politik zu artikulieren. Zudem gilt das Verhältniswahlrecht – was den Populisten hilft. Nationalistische Parteien wie die Lega von Matteo Salvini in Italien, die Alternative für Deutschland und die Schwedendemokraten dürften erhebliche Gewinne erzielen. Insgesamt wird die zentristische Pro-EU-Mehrheit bestehen bleiben. Aber das nächste Parlament wird viel gespaltener und streitlustiger sein. Gideon Rachman

Werden die Demokraten versuchen, Präsident Donald Trump anzuklagen?

Ja, die Untersuchung von Robert Mueller wird Anfang 2019 mit einer Flut von Anklagen und einem vernichtenden Bericht zu einem spektakulären Abschluss kommen. Trump wird bestreiten, dass es eine Zusammenarbeit mit Russland gab, um die Kommunikationswege der Demokraten zu hacken und Veröffentlichungen zu koordinieren. Wegen der Wut an der demokratischen Basis wird die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi Anhörungen zustimmen. Präsident Trump kann im demokratisch dominierten Kongress mit einfacher Mehrheit angeklagt werden. Aber der Senat, wo für eine Verurteilung eine Zweidrittelmehrheit benötigt wird, dürfte ihn entlasten. Damit wären dann die Voraussetzungen für eine Präsidentschaftswahl im Jahr 2020 geschaffen, bei der das Thema Rechtsstaatlichkeit im Vordergrund stehen wird. Edward Luce

Wird der Waffenruhe zwischen Donald Trump und Chinas Xi Jinping Bestand haben?

Nein. Obwohl seit Juli eine Waffenruhe im Zollkrieg zwischen den USA und der EU herrscht, herrscht bei Trump und anderen Regierungsmitglieder ein tief sitzender Groll an der in ihren Augen handelsverzerrenden Politik Chinas. Die USA stehen auf dem Standpunkt, dass China aufgrund des Abkommens zwischen Trump und Xi vom Dezember damit beginnen muss, sein staatlich-interventionistisches Entwicklungsmodell in den nächsten drei Monaten umzubauen. So könnte Peking höhere Zölle auf chinesische Waren vermeiden. Das wird nicht passieren. Die USA werden die Politik der Strafzölle auf Einfuhren aus China bis Mitte des Jahres wieder aufnehmen. Alan Beattie

Wird Russland die Militäraktion gegen die Ukraine ausweiten?

Nein. Die Beschlagnahme von drei ukrainischen Kriegsschiffen im Schwarzen Meer im November durch Russland war unheilverkündend. Der Bruch der Ukraine mit der russisch-orthodoxen Kirche heizte die Spannungen weiter an. Eine unpopuläre Rentenreform ließdie Zustimmungswerte für Wladimir Putin absacken; militärische Aktionen gegen die Ukraine könnten davon ablenken und eine nationalistische Grundstimmung erzeugen. Aber der russische Präsident wägt Risiken sorgfältig ab. Die Armee der Ukraine ist besser ausgebildet und ausgerüstet als vor fünf Jahren; die Russen würden keine großen Verluste durch einen Krieg gegen eine „Bruder“-Nation akzeptieren. Im Kreml wird Vorsicht herrschen. Neil Buckley