Inflation „In der derzeitigen Entwicklung steckt unglaublich viel Sprengkraft“

Die Lebensmittelpreise sind deutlich gestiegen.
Die Lebensmittelpreise sind deutlich gestiegen.
© IMAGO / Martin Wagner
Die Inflationsrate ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Ökonom Christian Proaño spricht im Interview über die langfristigen Folgen der Inflation und mögliche Gegen-Maßnahmen

Die Inflationsrate in Deutschland hat im Mai einen neues Rekordhoch erreicht. Von welchen Faktoren hängt es ab, wie sich die Inflation in naher Zukunft entwickeln wird?

Wichtig ist zum einen, wie es in China weitergeht: Der Hafen in Schanghai ist ein wichtiges Drehkreuz – und wegen des Lockdowns ruckelte es zuletzt kräftig in den Lieferketten. Die Zero-Covid-Politik wird die chinesische Regierung wohl kaum durchhalten können, ohne die Wirtschaft gänzlich abzuwürgen. Und dann ist natürlich die Entwicklung im Krieg in der Ukraine entscheidend. Die Märkte scheinen im Moment davon auszugehen, dass sich die Lage nicht weiter zuspitzt. Speziell für Deutschland ist von Bedeutung, wie es weitergeht, wenn ab Herbst der Öl- und Gas-Bedarf steigt. Sollte Putin dann den Hahn abdrehen, stehen wir vor ganz neuen Herausforderungen.

Was ist ihre Prognose: Wie lange bleibt die Inflation noch so hoch?

Wenn wir annehmen, dass China in den nächsten Monaten wieder in Gang kommt und sich der Krieg in der Ukraine nicht noch weiter verschärft, dann werden wir vielleicht in den nächsten drei Monaten noch ähnlich hohe Inflationsraten sehen. Danach sollte die Inflation aber – vorausgesetzt, es entstehen keine weiteren Krisenherde – langsam sinken. Das Niveau wird etwas erhöht bleiben, vermutlich bei etwas mehr als vier Prozent noch in 2023.

Auch die USA haben derzeit mit einer erhöhten Inflation zu kämpfen. Wie unterscheidet sich die Lage in Deutschland von der in den USA?

In Deutschland haben wir es mit einer ganz anderen Art von Inflation zu tun als in den USA. Die deutsche Inflation wird vor allem vom Energiepreis getrieben – das ist in den USA nicht primär der Fall. Die Biden-Administration hat versucht, die Wirtschaft mit einem riesigen Fiskalpaket in Gang zu bringen und ist dabei, so scheint es, ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen. Es gab sehr starke Lohnzuwächse, der Arbeitsmarkt war für einige Monate stark überhitzt. Die Inflation in den USA ist zu einem großen Teil nachfragegetrieben. Weil die deutsche Inflation durch die Energiepreise angetrieben wird, werden Konsumenten gleich mehrfach getroffen: einmal direkt und dazu noch über die Produktionsketten.

Welche Rolle spielt die Geldpolitik bei der Eindämmung der Inflation?

Die USA werden die Zinsen erhöhen, um der Inflation entgegenzuwirken. Die EZB wird auch die Zinsen erhöhen, um die Inflationserwartungen vordergründig zu stabilisieren. Aber auch, um die Zinsdifferenz zwischen der Eurozone und dem USA nicht allzu groß werden zu lassen. Sonst gäbe es eine starke Abwertung des Euros, die die Inflation befeuern könnte.

Olaf Scholz hat Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einer „konzertierten Aktion“ zusammengerufen, um über den Umgang mit der Inflation zu beraten. Was halten Sie von dieser Maßnahme?

Den Austausch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern halte ich für einen sinnvollen Schritt. Im Grunde sind die Forderungen nach mehr Lohn ein Versuch, die Kaufkraft der Arbeiter aufrecht zu erhalten. Ich denke, es kann nur vom Vorteil für die Gesellschaft sein, wenn man versucht, sich in diesem Punkt an einen Tisch zu setzen, um gemeinsame Lösungen zu entwickeln.

Dahinter steckt ja auch die Sorge vor einer Lohn-Preis-Spirale. Für wie akut halten Sie diese Gefahr derzeit?

In den Daten gibt es derzeit noch keinen Beleg für eine Lohn-Preis-Spirale. Ich denke zudem, dass sich die Gewerkschaften auch ihrer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Sie werden sicherlich Lohnerhöhungen fordern, aber ich denke, dass sich die in einem Rahmen bewegen werden, in dem sie nicht der treibende Grund für eine akzelerierende Inflation in der Zukunft sein werden.

Welche Auswirkungen wird die Inflation langfristig haben?

In der derzeitigen Entwicklung steckt unfassbar viel politische Sprengkraft. Zwei Kollegen und ich haben in einer Studie herausgefunden, dass hohe Einkommensungleichheit Polarisierung befördert – und dass diese Polarisierung in den letzten 20 Jahren immer stärker rechten Parteien zugutegekommen ist. Wir müssen also wirklich versuchen, die Folgen der Inflation gerade für die ärmsten Bevölkerungsschichten abzumildern, wenn wir diese Polarisierung verhindern wollen.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die bisher ergriffenen Maßnahmen der Bundesregierung?

Ich denke, sie sind ein Schritt in die richtige Richtung, werden aber noch nicht ausreichen. Es ist wichtig, die Menschen im Niedriglohnsektor zu bedenken, wenn es um Entlastungsmaßnahmen geht. Eine Mehrwertsteuersenkung zum Beispiel wäre zwar leicht zu implementieren, würde aber der Ungleichheit nicht entgegenwirken. Profitieren würden alle und am meisten wahrscheinlich sogar Mehrverdiener. In diesem Fall sind direkte Transferzahlungen sinnvoller.

Die hohe Inflation zeigt sich auch in steigenden Lebensmittelpreisen. Welche Auswirkungen haben die Preissteigerungen in diesem Bereich?

Die Auswirkungen sind zum Teil enorm. In Deutschland müssen wir uns aktuell keine Sorgen machen, dass wir nicht genug Weizen bekommen. Aber das reicht nicht, wir müssen globaler denken: Es gibt Länder, die treffen die steigenden Lebensmittelpreise und auch die Knappheit von zum Beispiel Weizen viel stärker. Der Libanon steht kurz vor einer Hungersnot. Das wiederum könnte soziale Unruhen auslösen oder eine Flüchtlingswelle. Es ist also zu national gedacht, wenn wir davon ausgehen, dass wir ausreichend mit Weizen versorgt sind und uns alles Weitere nicht betrifft.

Worauf müssen wir uns mit Blick auf die Inflation langfristig einstellen?

Wenn wir auf die nächsten 20 Jahre schauen, wird das häufigere Auftreten von Klimaschwankungen dazu führen, dass es häufiger Störungen in den globalen Lieferketten gibt. Es wird also mehr Schocks geben, die preistreibend wirken. Wir sollten uns darauf einstellen, dass die durchschnittliche Inflation höher als das gegenwärtige EZB-Ziel von circa zwei Prozent liegen wird.

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