GastbeitragWie man den Hintern hochkriegt

Wolfgang Gründinger
Wolfgang GründingerDavid Ausserhofer

Mit der Motivation ist es so eine Sache. Man will mehr Sport treiben, aber seltsamerweise kommt immer etwas dazwischen: zu kalt, zu heiß, es regnet, es könnte regnen, heute schon zu spät. Man will zwar für die Uni lernen, aber dann fällt einem auf, wie viele andere Dinge man dringend erledigen muss. „Meine Wohnung ist nie so sauber wie in der Klausurenphase“, schreibt die Studentin Lilly Blaudszun auf Twitter. Wir sind alle ein bisschen Lilly.

Leider gibt es keinen Schalter im Kopf, den man einfach umlegen könnte und schwupps, hört man auf zu rauchen oder ist hochmotiviert für den Spanischkurs um acht Uhr früh. Bei manchen mag das ab und an klappen, doch die Regel sieht anders aus: Kaum will man sich an die Aufgabe machen, ist alles andere plötzlich wichtiger – die berühmte Prokrastination.

Das neue Buch von Wolfgang Grüdinger erscheint im August im Finanzbuch Verlag. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Buch

Teresa Amabile, BWL-Professorin an der Harvard Business School, ließ in einem Experiment über 1000 Proband:innen stupide Sätze abschreiben, räumte den Testpersonen dafür aber absichtlich zu viel Zeit ein. Anstatt die langweilige Aufgabe schnell über die Bühne zu bekommen, trödelten sie lieber vor sich hin. Bei einer Vergleichsgruppe, die weniger Zeit für die Aufgabe erhielt, waren die Testpersonen wie auf magische Weise schneller fertig. Busyness ist eben kein Indikator für Produktivität.

Es dauert immer so lange, wie man Zeit hat. Als die National Science Foundation der USA die Abgabefristen für Forschungsanträge lockerte, nahm die Zahl der Einreichungen um 59 Prozent ab – obwohl man eigentlich das Gegenteil erreichen wollte. Das ist typisch menschlich: Wer sich vornimmt, „mal zu schauen, wie weit ich komme“, wird nicht fertig. Das Problem: Je länger man aufschiebt, desto mehr muss man später auf einen Schlag nachholen – und das unter Zeitdruck. Das geht selten gut.

Motivation ist meistens nicht genug, um die Prokrastination zu besiegen und den Hintern endlich hochzukriegen. Hilfreicher ist ein System, das dir möglichst wenig Motivation und Disziplin abverlangt. Daraus folgen zwei Prinzipien:

  1. Mach es dir so einfach wie möglich, deinen Plan umzusetzen.
  2. Mach es dir so schwer wie möglich, deinen Plan zu brechen.

Auf dieser Basis baut man sich ein System aus Anreizen: Wie ein Esel mit einer Karotte vor der Nase und der Peitsche am Hintern bringt man sich selbst dazu, seinen Plan wirklich zu befolgen, ohne viel darüber nachdenken zu müssen.

Schon kleine Änderungen bringen viel!

Google hat in seinen Büros die kostenlosen Süßigkeiten in Schubladen und Boxen vor den hungrigen Augen der Mitarbeiter:innen „versteckt“ – und allein dadurch den Konsum der Süßigkeiten reduziert, im Vergleich zu vorher, wo sie offen in Körben herumlagen. Einzig der Handgriff, einen Deckel öffnen zu müssen, um an die Schokolade zu gelangen, veränderte das menschliche Verhalten.

Schon kleine Änderungen bringen also viel! Die Ein-Prozent-Regel besagt: Lieber mit minimalen Veränderungen anfangen, als sich große Ziele zu setzen und dann die Motivation zu verlieren. Wenn du an vielen Stellen ein Prozent besser wirst, summiert sich der Erfolg rasch auf.

Der Plan muss das Ziel systematisch formulieren. „Ich will mehr Sport machen“ ist ein zu schwammiger Vorsatz, den man im realen Leben schleifen lässt. Du musst genau festlegen, was du bis wann exakt messbar bis wann erreichen wirst: „Ich spiele einmal pro Woche Volleyball über die Sommersaison.“ Das macht dein Ziel smart: spezifisch, messbar, aktivierend, realistisch und terminiert – also „smart“ (eine Systematik von Peter Drucker). Nur so ist dein Ziel eindeutig, du kannst deinen Fortschritt tracken und machst dir klar, was du erreichen willst – und weißt auch erst dann, ob du noch auf der Zielgeraden bist.

Du kannst in deinem Kalender feste Blocker eintragen, in denen du vermerkst, welche Aufgabe du konkret wann und wo erledigen willst („Timeboxing“). Ist der Termin erst einmal fest notiert, wirst du eher durchhalten. Erzähle möglichst vielen Freund:innen davon; das erhöht die Verbindlichkeit.

Smart Work beats Hard Work

Baue bei der Zeitplanung einen Puffer ein. Denn wir tendieren dazu, zu unterschätzen, wie lange wir für die Erledigung einer Aufgabe brauchen, und kalkulieren mit einem Best-Case-Szenario statt mit dem realen Leben mit all seinen unvorhergesehenen Zwischenfällen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman wies an Beispielen wie dem Ausfüllen von Steuerformularen oder dem Aufbau von Möbeln nach, wie heftig wir mit unseren Schätzungen über den Zeitaufwand danebenliegen. Daher sollte man immer reichlich Puffer einkalkulieren – und wenn man doch schneller fertig ist, feiert man den Bonus der geschenkten Zeit.

„Harte Jobs gebe ich an faule Leute. Weil wer faul ist, findet einen einfachen Weg dafür“, sagte Bill Gates. Genau darum geht es: Nicht härter oder länger zu arbeiten – sondern ein intelligentes System zu finden, um die besten Ergebnisse mit dem geringsten Aufwand zu erzielen. Smart Work beats Hard Work!

 


Dr. Wolfgang Gründinger ist Digitalvordenker und Zukunftslobbyist. Er engagiert sich u.a. im Gesprächskreis „Digitale Verantwortung“ bei Facebook Deutschland und ist European Digital Leader des Weltwirtschaftsforums. Capital zählte ihn zu den „Top 40 unter 40“.