UnstatistikDer Unfug mit der Armutsquote

Die falsche Interpretation relativer Armutsquoten ist offenbar nicht auszurotten. Auch im Armutsbericht 2017 des Paritätischen Gesamtverbands wird wieder mit diesem Begriff hantiert. „Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen“, heißt es in der Pressemitteilung zur Veröffentlichung. „Nach Aussagen des Verbandes markiert dieser Höchstwert einen mehrjährigen Trend wachsender Armut.“

Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband beginnt Armut in Deutschland unterhalb eines Einkommens von 60 Prozent des Medians. „Der Median ist das Einkommen, welches von 50 Prozent der Bevölkerung über- und von 50 Prozent unterschritten wird“, erklären die Unstatistiker. Ein Mensch mit Medianeinkommen habe also genauso viele andere über sich wie unter sich.

Nach Ansicht der Unstatistik taugt dieses Verfahren nicht zur Messung der Armut: „Der ganze Unfug dieser Anbindung der Armutsgrenze an den Median wird deutlich, wenn man die Folgen einer realen Verdopplung oder Verdreifachung aller Einkommen überdenkt: Dann verdoppelt oder verdreifacht sich auch der Median und damit auch die Armutsgrenze, die Armut bleibt gleich, unabhängig davon, wie stark das reale Einkommen der vormals Armen wächst.“

Ungleichheit nicht Armut

Hinzu komme, dass das im Mikrozensus erfasste Nettoeinkommen das „wahre“ Einkommen nur sehr unvollkommen messe. So würde Einkommen aus Schwarzarbeit nicht erfasst. Zum „wahren“ Einkommen zähle auch jede Produktion, „die nicht am Mark gekauft, sondern im Haushalt selbst erwirtschaftet wurde“. 100 Mrd. Euro sollen so jährlich am Bruttosozialprodukt vorbei erwirtschaftet werden – mit steigender Tendenz. „Denn mit der Baumarktbranche und der Heimwerkerbewegung wächst auch die Haushaltsproduktion beziehungsweise das dadurch gesparte Geld“, schreiben die Unstatistiker.

Ebenfalls nicht erfasst würden die staatlichen Transferleistungen. „Würde man etwa, wie es die ökonomische Vernunft verlangt, die Ausgaben des Staates für eine Universitätsausbildung dem Einkommen des Elternhaushaltes zurechnen, wäre fast kein Haushalt mit studierenden Kindern in Deutschland heute arm“, heißt es in der aktuellen Ausgabe der Unstatistik.

Die Armutsquote des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes messe nicht die Armut, sondern Ungleichheit. „Wo keiner etwas besitzt, gibt es auch keine Einkommensungleichheit und damit keine Armut“, zitiert die Unstatistik aus dem Armutsbericht. Armut verschwinde nach diesem Konzept nur so die Statistikexperten, „wenn alle Personen identisch dasselbe Nettoeinkommen haben, egal ob dies wenig ist (wie beispielsweise in Nordkorea) oder viel“.


Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. 
Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de. Jüngst erschienen im Campus Verlag ist das Buch „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“