UnstatistikAltersarmut – eine Null zuviel


Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. 
Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de. Jüngst erschienen im Campus Verlag ist das Buch „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“


„Fast jedem Zweiten droht eine Armutsrente“, titelte der WDR in der vergangenen Woche. 50 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wären demnach mit dem Problem Altersarmut konfrontiert. „Kein Wunder, dass eine solche Zahl zu Deutschlands Rente die Republik in Aufregung stürzt“, schreibt die Unstatistik. Nur sei die Zahl falsch: „Fünf Prozent ist eine wahrscheinlichere Prognose“, so die Statistikexperten.

Die Methode des WDR scheine auf den ersten Blick plausibel. Der Sender „ließ sich die augenblickliche Verteilung des Arbeitseinkommens auflisten, nahm an, dass diese auch in Zukunft so bestehen bleibt, und errechnete dann die Rentenansprüche für das bereits jetzt festgelegte niedrigere Rentenniveau im Jahr 2030“. So komme es zu den 50 Prozent der Arbeitnehmer, die an oder unter der Grundsicherungsgrenze lägen.

Zwei Denkfehler

Die Rechnung ist laut der Unstatistik korrekt, nur seien dem WDR zwei Denkfehler unterlaufen. So könne man nicht aus Daten eines heutigen Querschnitts auf die Dynamik eines zukünftigen Erwerbslebens schließen. An einem krass überzeichneten Beispiel wird deutlich, was die Statistiker meinen: „Wenn alle Menschen die erste Hälfte ihres Lebens in Ausbildung mit einem sehr geringen Gehalt verbringen und dann anschließend in der zweiten Lebenshälfte ein so hohes Einkommen hätten, so dass sie auf das ganze Leben bezogen genau das heutige Durchschnittseinkommen erzielten, dann würde die WDR-Methode Altersarmut für die Hälfte der Bevölkerung prognostizieren. Richtig berechnet würde in diesem Beispiel jedoch kein einziger Mensch altersarm werden.“

Ein weiterer Fehler ist sozialpolitischer Natur: Grundsicherung werde nicht auf das individuelle Arbeitseinkommen bezogen, sondern auf das Gesamteinkommen eines Haushalts. Und das liege in der Regel deutlich über dem Arbeitseinkommen einer einzelnen Person. Nach der WDR-Rechenmethode wäre in einer Ehe mit einem viel und einem wenig verdienenden Partner eine Person altersarm. Für den gesamten Haushalt würde das jedoch nicht gelten.

Dass Altersarmut ein zunehmendes Problem ist, bestreitet die Unstatistik aber nicht. Nach Berechnungen des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium aus dem Jahr 2013 könnte der Anteil der Grundsicherungsempfänger von derzeit drei Prozent auf 5,4 Prozent wachsen. Das entspräche fast einer Verdoppelung, dennoch „eine Null weniger als beim WDR“.