Immobilien Neue EU-Gebäuderichtlinie: Das kommt auf Eigentümer zu

Fassade eines Nullenergiehauses in Tübingen
Fassade eines Nullenergiehauses in Tübingen
© IMAGO / Westend61
EU-Mitgliedstaaten könnten dank einer neuen Gebäuderichtlinie den Einsatz fossiler Brennstoffe in Gebäuden künftig verbieten. Mit den richtigen staatlichen Förderpaketen könnte der Schritt eine historische Chance sein, ohne sie das Aus für die eigenen vier Wände bedeuten

Seit dem Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die Ukraine werden die Rufe nach einer Abkehr von fossilen Brennstoffen nochmal lauter. Denn Deutschlands Haushalte sind für ihre Energieversorgung stark von Importen aus Russland abhängig und die Preise für Öl und Gas steigen immer weiter an.

Bereits vor Ausbruch des Krieges hatte die Europäische Kommission im Rahmen des Europäischen Green Deals einen Vorschlag für Maßnahmen eingereicht, welche die Dekarbonisierung von Gebäuden in der EU vorantreiben sollen. Dieser steht noch zur Debatte, hat aber in der Immobilienbranche bereits für heftige Reaktionen gesorgt – die einen sehen die geplanten Änderungen als längst überfällig an, die anderen fürchten, die Pläne könnten Millionen Besitzer das Eigenheim kosten.

Das sieht die EU-Gebäuderichtlinie vor

Zunächst einmal will die Kommission den Gebäudebestand in der EU bis zum Jahr 2050 vollständig dekarbonisieren. Gebäude dürfen also nur noch wenig Energie verbrauchen und müssen diese zudem aus erneuerbaren Energiequellen statt aus fossilen Brennstoffen beziehen. Andererseits sollen neue Gebäude ab dem Jahr 2030 so gebaut werden, dass sie emissionsfrei sind, öffentliche Gebäude bereits ab dem Jahr 2027.

So weit, so gut. Nun sehen die geplanten Maßnahmen allerdings auch vor, dass die „am schlechtesten abschneidenden 15 Prozent des Gebäudebestands der einzelnen Mitgliedstaaten so modernisiert werden müssen, dass Nichtwohngebäude bis 2027 und Wohngebäude bis 2030 statt der Einstufung G mindestens das Niveau F gemäß dem Ausweis über die Gesamtenergieeffizienz erreichen“. Mit anderen Worten: Häuser mit miserabler Energieeffizienzeinstufung soll es künftig gar nicht mehr geben. Eine weitere Veränderung, die auf Empörung stößt: Einzelne EU-Mitgliedsstaaten sollen in der neuen Gebäuderichtlinie den Einsatz fossiler Brennstoffe in Gebäuden komplett verbieten dürfen.

Längst überfällig oder das Aus für Millionen Eigenheime?

Umwelt- und Energieeffizienzverbände begrüßen den Schritt: „Die EU will mit energetischen Mindesteffizienzstandards für Gebäude endlich Tempo in die Bewältigung von Klimakrise und Energiearmut bringen“, kommentiert Verena Graichen, stellvertretende Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Die Bundesregierung muss sich auf europäischer Ebene nun dafür stark machen, dass sie rechtskräftig werden“, fordert sie. Auch der Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG) sieht die vorgeschlagenen Maßnahmen als längst überfällig an, zumal noch ein Drittel der Ein- und Zweifamilienhäuser in Deutschland in den schlechtesten Energieeffizienzklassen G und H herumdümpeln.

Scharfe Kritik übt dagegen Matthias Heißner, Mitbegründer und Geschäftsführer des Bonitätsprüfers Mietercheck: „Für viele private Eigentümer und somit auch für private Vermieter beendet die EU damit die Wirtschaftlichkeit der eigenen Immobilie. Ihnen bleibt keine andere Möglichkeit als betroffene Immobilien abzustoßen“, warnt er. Das wiederum würde die ohnehin bereits angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter verschlechtern. Für viele Gebäude in Deutschland seien die energetischen Mindestanforderungen zudem technisch nicht umsetzbar, moniert Heißner. „Wir wissen nicht, ob die Baubranche überhaupt über genügend handwerkliche Ressourcen verfügt, um die Richtlinie in dem Zeitfenster umzusetzen.“ Die Bundesregierung müsse hier nachsteuern.

Auch der Zentralverband der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer, Haus & Grund, sieht die Pläne der EU-Kommission mit Argwohn. Die neue Gebäuderichtlinie würde für 40 Millionen Gebäude europaweit das Aus bedeuten, rechnet der Verband vor. Allein hierzulande könne man in zwei Stufen ab den Jahren 2030 und 2033 etwa drei Millionen Gebäude nicht mehr nutzen. „Für viele Gebäude der Energieklassen F und G wird eine Sanierung keine Option sein, der Ersatzneubau mindestens 1200 Mrd. Euro kosten. Für viele private Eigentümer beendet die EU damit den Traum von den eigenen vier Wänden“, erläutert Verbandspräsident Kai Warnecke. „Hohe Ambitionen sind gut, aber Klimaschutzpläne müssen realisierbar sein. Das sehe ich in diesem Entwurf nicht.“

CO2-Ausstieg bis 2035 laut Studie möglich

Ob die neue Gebäuderichtlinie nun zustande kommt oder nicht, bleibt abzuwarten. Ebenso steht noch nicht fest, ob Deutschland im Fall eines Zustandekommens tatsächlich den Einsatz fossiler Brennstoffe in Gebäuden verbieten wird. Doch klar ist: Damit die Modernisierungen umsetzbar sind, gerade für Eigentümer mit kleinem Portemonnaie, braucht es staatliche Förderungen. Dass ein ambitioniertes Dekarbonisierungsprogramm für Gebäude nicht nur die Umwelt schont, sondern langfristig auch das Portemonnaie der Verbraucher, zeigt eine aktuelle Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag von Greenpeace.

Mithilfe zusätzlicher staatlicher Investitionen in Höhe von 50 Mrd. Euro sowie staatlicher Fördergelder in Höhe von 22 Mrd. Euro sei eine Abkehr von Öl und Gas im deutschen Gebäudesektor bis zum Jahr 2035 demnach möglich und würde danach jährlich netto 11,5 Mrd. Euro an Kosten einsparen. Dafür brauche es aber ein Sofortprogramm, das bis 2035 die Installation von landesweit zwölf Millionen Wärmepumpen und 70 Millionen Quadratmeter an Solarthermie-Anlagen fördert. Auch Nah- und Fernwärmenetze müsse man schrittweise ausbauen, so die Studienautoren. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass der Einbau neuer Öl- und Gasheizungen schon ab 2024 verboten werden müsste, bestehende Anlagen maximal bis zum Jahr 2035 genutzt werden dürften.


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