Interview„Wir Älteren leben auf Kosten der jüngeren Generation“

Axel Börsch-SupanJan Roeder/MEA

Axel Börsch-Supan hat den Bundespräsidenten und Bundesministerien beraten, ist Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, gründete das Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel und gilt als einer der führenden Rentenexperten hierzulande.

Herr Börsch-Supan, Sie waren Mitglied im wissenschaftlichen Beirat, der eine Anpassung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung empfohlen hat. Der Vorschlag hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Können Sie das verstehen?

AXEL BÖRSCH-SUPAN: Ich kann vor allem nachvollziehen, woher es kommt: Viele Leute denken nur sehr kurzfristig – vor allem die Wahlkämpfer. Die sind alle nervös. Die Rente taugt einfach nicht als Wahlkampfthema, denn sie betrifft unzählige Bürger und muss extrem langfristig geplant werden. Rentenpolitik wird für 20 bis 30 Jahre gemacht. Es wird aber alle fünf Jahre neu gewählt. Das passt nicht zusammen.

Wie stabil ist das gesetzliche Rentensystem im Augenblick?

Wir stehen eigentlich ganz gut da: der demographische Wandel kommt allerdings mit seiner Ernsthaftigkeit auf uns zu. Wenn man das System jetzt nicht gegen die Wand fährt, kann das System ihn aber verkraften.

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Das klang in den Gutachten aber anders: Da wurde vor einer gigantischen Finanzierungslücke gewarnt und kritisiert, dass die Regierung einiges eingeführt hat, was die Stabilität des Systems gefährdet.

Das meine ich mit „das System vor die Wand fahren“: In den letzten Jahren sind einige Reformen passiert, die in diese Richtung gehen. Angefangen von der Einführung der Grundrente und Mütterrente bis hin zur doppelten Haltelinie für Beiträge und Sicherungsniveau. Damit fährt man das System an die Wand.

An welcher Stellschraube müssten wir jetzt dringend drehen?

Es ist nicht eine einzige Stellschraube, man müsste an sehr vielen drehen: Das Rentenalter müsste ein bisschen erhöht werden, aber nicht viel. Die Beiträge müssten etwas höher werden, die Steuerzuschüsse auch. Künftige Rentner werden auf manche Steigerung verzichten müssen. Sie bekommen also nicht mehr drei bis vier Prozent Rentenplus pro Jahr.

Was heißt „ein bisschen länger arbeiten“? Bis 68, bis 69?

Momentan gilt die Rente mit 67 – und die müssen wir ja erst einmal einführen. Das wird erst 2031 sein. Wenn sich die bisherige Entwicklung der Lebenserwartung fortsetzt, müssten wir alle 10 bis 15 Jahre ein zusätzliches Jahr im Beruf bleiben. Mitte der 2040er-Jahre also käme etwa ein Jahr drauf, erst in den 2060er-Jahren noch einmal ein Jahr.

Das klingt nicht nach dem großen Aufreger, trotzdem scheint eine solche Anpassung nicht mehrheitsfähig.

Es geht nicht um eine Volksabstimmung. Die beste Rentenpolitik wird unmittelbar nach den Wahlen gemacht, im Konsens zwischen Regierung und Opposition. Das war bereits die Leistung der Regierung der Nullerjahre. Man unterschätzt da oft die Einschnitte, die schon Norbert Blüm gemacht hat, die waren viel einschneidender als bei Rürup, etwa die Umstellung von der Bruttolohn- an die Nettolohnanpassung. Ein ähnliches überparteiliches Vorgehen müsste man jetzt auch machen.

Man muss den Menschen also sagen, dass es künftig weniger Rentenzuwachs gibt?

Man muss sich vor allem von der Illusion verabschieden, dass wir die jetzigen Haltelinien, die 2025 auslaufen, danach fortsetzen können. Das halte ich für ganz wichtig. Sonst müssen wir 2050 mehr als die Hälfte unseres Bundeshaushalts ins Rentensystem pumpen. Die Haltelinien sind etwa so, als würde man versprechen, den Klimawandel dadurch aufzuhalten, dass man Haltelinien für die Temperatur ins Gesetz schreibt.

Also müsste auch das Rentenniveau sinken. Das macht vielen Leuten Angst.

Der Begriff Rentenniveau ist irreführend. Man sollte lieber von der Rentenquote sprechen. Denn man muss immer daran erinnern, dass das Rentenniveau nicht die Kaufkraft der Rente ist! Die Kaufkraft der Rente wird auch künftig weiter steigen. Unsere Kinder werden in 30 Jahren mit ihrer Rente rund ein Drittel mehr Kaufkraft haben. Das liegt an den jährlichen Produktivitätssteigerungen. Sie sind groß genug, um die Renten weiter zu erhöhen und dennoch an den demographischen Wandel anzupassen. Ob man die Steigerungen nun an die Inflation oder an die Löhne koppelt – und in welchem Verhältnis, darüber kann man streiten.

„Die Steuerzuschüsse allein immer weiter zu erhöhen kann nicht die einzige Stellschraube sein“

Axel Börsch-Supan

Können wir denn sicher sein, dass die Produktivität weiter so stark steigt?

Na, wovon leben wir denn? Wenn die Produktivität der deutschen Volkswirtschaft nicht steigt, verarmen wir. Wir haben nur unsere Köpfe und keine nennenswerten Rohstoffe. Wir sind als Land reich geworden, weil wir die besseren Autos bauen und produktiver sind als andere. Ohne Produktivitätszuwachs verlieren wir unser Wirtschaftswachstum – und damit auch die Leistungsfähigkeit unseres Sozialsystems.

Manche Parteien fordern mehr Steuerzuschüsse fürs System – andere wettern dagegen.

Da schreie ich gern mit: Ich zahle meine Steuern, wenn auch ungern. Aber die Steuerzuschüsse allein immer weiter zu erhöhen kann nicht die einzige Stellschraube sein. Das belastet einseitig die jüngere Generation. Die Zuschüsse für die Rente betragen bald ein Drittel des Bundeshaushalts. Und wir haben jetzt schon zu wenig Geld, um Bildung und Klimawandel zu finanzieren. Auch die Beiträge für Reiche zu erhöhen wird nicht funktionieren – dafür sind dies zu wenige. Dafür müsste man weite Teile der Mittelschicht zur Kasse bitten.

Hat die jetzige Regierung also zu viele Wahlgeschenke an die Alten verteilt?

So ist es. Es zeugt geradezu von Zynismus, dass sich die Koalition und die Reformkommission auf den Auftrag der „Generationengerechtigkeit“ berief, dann aber Haltelinien einführte. Wir Älteren – ich bin selbst über 60 – leben auf Kosten der jüngeren Generation. An dieser Einsicht mangelt es im Augenblick.

Mit dem Satz gewinnt man aber wirklich keine Wahlen. Wie sehr kann man das System auf zusätzliche Kapitaldeckung umstellen?

Das ist ein kompliziertes Thema: In den 80er- und 90er-Jahren habe ich das gefordert und die Niederlande und Schweden etwa haben es gemacht. Aber jetzt ist die falsche Zeit. Beim Übergang zur Kapitaldeckung käme es zur Doppelbelastung für die Jungen, die jetzt besonders groß ist. Sie müssten gleichzeitig mehr sparen und mehr Ältere finanzieren, weil jetzt die Babyboomer in Rente gehen. Erst wenn die Babyboomer verstorben sind, ist man wieder in der Situation wie in den 80er- und 90er-Jahren. Also abwarten und das Umlagesystem reformieren. Auch wenn mehr Kapitaldeckung insgesamt eine gute Idee ist.

 


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