LeserfrageWie sollen sich Aktionäre bei Übernahmeschlachten verhalten?

Händler an der Frankfurter Börse
Händler an der Frankfurter BörseGetty Images

Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Der Sensorikspezialist AMS ist mit seinem mehr als 4 Mrd. Euro schweren Übernahmeangebot bei Osram zum Zug gekommen. Denn die Mindestannahmeschwelle von 55 Prozent, die sich AMS gesetzt hatte, wurde überschritten. Im ersten Versuch, als diese Hürde noch bei 62,5 Prozent gelegen hatte, waren die Österreicher mit ihrem Vorstoß noch gescheitert. Nun ist der Weg frei.

Wie immer bei Akquisitionen von börsennotierten Unternehmen stehen Anleger vor der Frage, wie sie mit Übernahmeangeboten umgehen sollen. Denn meist fällt die Prämie üppig aus. Bei Osram beispielsweise entsprach der gebotene Preis von 41 Euro je Aktie einem Aufschlag von 42 Prozent gegenüber dem Zeitpunkt, bevor erste Übernahmespekulationen die Runde machten.

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Doch es kann noch weitaus stärker nach oben gehen. Grund sind Abfindungsspekulationen, die oftmals von Investoren initiiert werden, die auf solche Fälle spezialisiert sind. Auch bei Osram sind solche Anlegergruppen am Werk. Hedgefonds hatten sich zuletzt fast die Hälfte der Anteile gesichert. Sie hofften auf eine höhere Abfindung, sollte AMS einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag abschließen oder Osram komplett übernehmen.

Am Ende steht nicht selten ein sogenannter Squeeze-out mit anschließendem Delisting. Die Gründe für einen solchen Schritt liegen meist in den Kosten begründet. Denn sind nur noch wenige Prozent einer Firma an der Börse notiert, lohnt das Listing in der Regel nicht mehr. Nach dem Börsenrückzug kann sich der Großaktionär teure Hauptversammlungen sparen und besitzt zudem volle Handlungsfreiheit.

Abwarten macht Sinn

Ein klassisches Beispiel für eine solche Abfindungsspekulation war Stada. 2017 lieferten sich mehrere Interessenten eine Bieterschlacht um den Generikahersteller. Am Ende kamen die Finanzinvestoren Bain und Cinven zu 66,25 Euro je Stada-Aktie zum Zug. Jedoch stieg während des Übernahmeprozesses auch Investor Paul Singer mit seinem Hedgefonds Elliott mit mehr als 15 Prozent bei Stada ein. Singer ist bekannt dafür, sich bei Übernahmekandidaten einzukaufen, um einen besseren Preis herauszuschlagen. Mit Erfolg: Die Stada-Käufer mussten die Offerte zunächst auf 74,40 Euro, später sogar auf 81,83 Euro je Aktie nachbessern. Inzwischen haben Squeeze-out-Spekulationen den Kurs sogar in Richtung 90 Euro getrieben.

Auch bei Osram ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Dass an der Börse Spekulationen auf eine Nachbesserung die Runde machen, zeigt die Reaktion des Kurses: Nach der Meldung, die Mindestannahmeschwelle sei erreicht worden, sprang die Notiz auf mehr als 44 Euro. Auch bei künftigen Übernahmen kann es für Anleger also Sinn machen, nicht gleich das erste Angebot anzunehmen, sondern erst abzuwarten.

 


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