BörsenattackenWie aggressive Investoren Unternehmen kapern

Carl Icahn
Carl Icahn, 81: Kaum ein Investor hat die US-Unternehmenslandschaft so umgegraben wie er. In den 80er-Jahren war er einer der bekanntesten „Firmen-jäger“, die Konzerne schuldenfinanziert übernahmen. Zuletzt produzierte er mit erfolgreichen Kampagnen bei Apple, Ebay und Hertz Schlagzeilen. Getty Images

Guy Wyser-Pratte hatte keinen Termin. Er klopfte auch nicht an. Stattdessen „trat er die Türe ein und stand in unserem Wohnzimmer“. So erinnert man sich beim Satellitenbauer OHB an den ersten Kontakt mit dem Investor aus den USA. Wyser-Pratte hatte seit Ende 2015 Aktien des wenig bekannten, aber hochspezialisierten Unternehmens aus Bremen gekauft. Am Abend des 16. August 2017, einem Mittwoch, traf schließlich ein Brief ein. Ohne Vorwarnung, aber dafür gleich offen für alle, die es interessierte. Nur der Form halber freundlich in Fragen verpackt, war der Brief eine Generalabrechnung mit der gesamten OHB-Führung: Der Vorstandschef ein Spross der Familie? Die eigene Mutter die Chefin des Aufsichtsrats? Wie sieht eigentlich die Strategie aus? Und überhaupt, wie denke man über eine Übernahme des italienischen Rivalen Avio?

Rumms. Das saß. Und verhalf der OHB-Aktie tags drauf zu knapp fünf Prozent Kursanstieg auf 32 Euro. Den Streit trugen das Unternehmen und Wyser-Pratte in den Folgemonaten öffentlich über Briefe aus. Im Dezember zog sich der Investor nach eigenen Angaben aus der OHB-Aktie wieder zurück. Der Kurs heute: 45 Euro.

Der Fall zeigt: Aktivisten mögen der Horror für Vorstände und Aufsichtsräte sein. Aber Aktionäre können sich oft freuen, wenn so ein Investor ins Unternehmen einsteigt und öffentlich Druck macht. Beim deutschen Pharmahersteller Stada etwa übernahm der Investor AOC 2016 schrittweise einen Anteil von fünf Prozent und attackierte dessen Aufsichtsrat. Der Konflikt eskalierte zu einer gewaltigen Schlacht, an deren Ende sowohl Aufsichtsrat wie Vorstand gehen mussten. Vor allem aber: Die Aktie kletterte von gut 30 Euro vor Beginn des Zoffs auf inzwischen 90 Euro.

Legendär ist etwa der Angriff von US-Investor Carl Icahn auf den iPhone-Giganten Apple im Jahr 2013: Icahn verkündete seinen Einstieg und Forderungen in mehreren Tweets auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Seine ersten drei Meldungen ließen den Börsenwert Ap­ples um zusammen rund 20 Mrd. Dollar ansteigen. Bis 2016 erhöhte Apple Dividenden und Aktienrückkäufe, die Aktie kletterte, und Icahn machte 2016 Kasse – mit rund 2 Mrd. Dollar Profit.

Weltweit verwalten aktivistische Investoren rund 140 Mrd. Euro. Für normale Anleger sind die Fonds der Profis unerreichbar, die Mindestanlagesumme liegt meist im Millionenbereich. Doch umso glücklicher kann man sich schätzen, wenn man als Aktionär indirekt profitiert, weil ein Aktivist eingreift. Denn die Großinvestoren versprechen ihren Kunden zweistellige Renditen – und die liefern sie oft auch.

Deutschland im Fokus

Oft reichen den Krawallmachern schon kleine Anteile von ein paar Prozent, um ihre Forderungen durchzusetzen – in der Regel den Ruf nach neuen Strategien, neuen Vorständen oder Aufsichtsräten oder schlicht nach höheren Dividenden und Aktienrückkäufen. Die Kurse springen deutlich an, sobald ein Aktivist die Öffentlichkeit sucht.

Bisher spielten sich solche Attacken vor allem in den USA ab, und noch immer gehen dort zwei Drittel der weltweit rund 500 Attacken pro Jahr über die Bühne. In Deutschland waren sie eher unüblich oder fanden im Verborgenen statt. Doch das ändert sich jetzt – und die Aktivisten werden damit auch für deutsche Aktienkäufer zu einem immer wichtigeren Thema.