GeldanlageWas Flatrate-Depots taugen

Flatrate-Depots: All you can tradeGeorge Wylesol

In der Gartenstraße in Frankfurt-Sachsenhausen hängt die Revolution im Schaufenster. In einem Nachkriegskasten residiert im Erdgeschoss eine Commerzbank-Filiale. Hinter den breiten Fenstern hat das Institut Werbeplakate aufgehängt, für das Onlinebanking zum Beispiel – und für das PremiumFondsDepot. Hinter dem sperrigen Begriff in schwarzer Schrift auf leuchtend gelbem Grund versteckt sich nichts weniger als ein Umsturz, ein Symbol für den Wandel im Geldgewerbe.

Das Besondere an dem Depot: Es funktioniert über eine Flatrate; Anleger können mit dem Depot so oft Fonds kaufen und verkaufen, wie es ihnen beliebt – sie zahlen nur ein einziges Mal im Quartal. Willkommen in der schönen, neuen Bankenwelt, wo plötzlich alles ganz einfach geht. Angeblich.

Flatrates sind das „All you can eat“-Büfett der Wirtschaftswelt. Angefangen hat es in der Telekommunikation, bei Arcor und der Telekom. Seitdem hat der Begriff Karriere gemacht: Fitnessstudios bieten die Tarife an, Onlinestreamingdienste wie Netflix locken Kunden mit dem Versprechen, unbegrenzt Filme schauen zu können – und findige Kneipiers erfanden gar das Flatrate-Saufen. Jetzt erreicht die All-Inclusivierung das Wertpapierdepot, den Zugang zum Finanzmarkt, und das nicht nur bei der Commerzbank.

Die Deutsche Bank bietet ebenfalls ein solches Modell an, die Münchner HypoVereinsbank hat 2012 eines entwickelt, die Sparkasse KölnBonn 2015, die Targobank 2016 – und alle vermelden Zuwächse. Die Commerzbank hat gar schon zwei Flatrates im Angebot. Beim älteren Modell, dem PremiumDepot, konnte sie das Volumen im vergangenen Jahr um fast 50 Prozent steigern, mittlerweile beträgt es fast 20 Mrd. Euro. Im zweiten All-in-Produkt, dem Fondsdepot aus dem Schaufenster, stecken bereits gut 2 Mrd. Euro. Und die Targobank konnte ihre Kundenzahl seit Anfang 2017 um gut 100 Prozent steigern. „Schon bald werden weitere Privatbanken, Sparkassen und große Volksbanken einsteigen“, sagt Oliver Mihm, Chef der Unternehmensberatung Investors Marketing, die mit Banken Flatrate-Modelle entwickelt.

Auf die Kunden wirken die Flatrates verführerisch, denn: „All-inclusive-Tarife sichern uns gegen schwankende Preise ab, sie nehmen uns die Angst davor“, sagt Fabian Herweg, Ökonomieprofessor an der Universität Bayreuth. „Wir haben das Gefühl, die Kosten im Griff zu haben.“

Das klassische Wertpapierdepot wirkt dagegen wie das Paradebeispiel für das Gebührenwirrwarr der Banken. Anleger zahlen für ein Depot normalerweise eine absolute Grundgebühr in Euro plus unterschiedlich hohe prozentuale Kosten je Anlageklasse, zudem Handelskosten, deren Höhe vom Volumen und der Anlageklasse abhängen. Wie viel ein Anleger letztendlich berappen muss? Kaum zu durchblicken. Direktbanken wie die ING-Diba haben die Preise zwar schon vor Jahren vereinfacht, dafür jedoch jede Beratung eingespart. Gerade auf den persönlichen Berater, der sagt, ob man kaufen oder verkaufen soll, wollen viele Kunden aber nicht verzichten – obwohl dessen Interessen auch zweigeteilt sind: Er dient nicht nur seinen Kunden – im klassischen Vergütungsregime denkt er nicht zuletzt an sich selbst und seine Provision, wenn er ein Wertpapier verkauft. Die Flatrates sollen beide Probleme lösen: das Gebührenwirrwarr und Interessenkonflikte bei der Beratung.