GroßbritannienWas das Brexit-Votum für Anleger bedeutet

"Brexit. Ist es das wert?": Gegner des EU-Austritts hoffen auf ein zweites Referendumdpa

Theresa May hat auf Risiko gesetzt und verloren. Am Dienstagabend schmetterte das britische Unterhaus den Brexit-Deal ab, den die britische Premierministerin mit der Europäischen Union ausgehandelt hat. Nur 202 Abgeordnete stimmten für Mays EU-Austrittsvertrag, 432 dagegen. Je nachdem, ob man optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft schaut, ist dadurch das Risiko für einen ungeordneten Brexit deutlich gestiegen – oder aber die Chance für ein neues Referendum.

Ein No-Deal-Brexit würde sowohl Großbritannien als auch die EU hart treffen. Deutschland würde besonders stark belastet, wenn die Briten die im Austrittsabkommen aufgestellte Abschlussrechnung nicht begleichen würden, hat der Brüsseler Thinktank Bruegel ausgerechnet. Die Bundesrepublik müsste bis Ende 2020 voraussichtlich bis zu 4,2 Mrd. Euro zusätzlich in den EU-Haushalt stecken, um das durch einen harten Brexit entstandene Budget-Loch zu stopfen. Am zweitheftigsten träfe es Frankreich, das knapp 3 Mrd. Euro zusätzlich aufbringen müsste, gefolgt von Italien, Spanien und den Niederlanden.

Ein zweites Referendum würde dagegen die Möglichkeit eröffnen, dass der Brexit in letzter Minute abgesagt wird. Inzwischen halten nämlich viele Briten den geplanten EU-Austritt nicht mehr für eine gute Idee. Beobachter weisen zwar darauf hin, dass es schwierig wäre, in der Kürze der Zeit eine neue Abstimmung auf die Beine zu stellen. Der Stichtag für Großbritanniens EU-Austritt ist nämlich der 29. März – das ist bereits in zweieinhalb Monaten. Unmöglich ist ein Exit vom Brexit aber nicht. Den Weg dorthin hat der Europäische Gerichtshof geebnet: Im Dezember vergangenen Jahres entschied er, dass Großbritannien den Austritt einseitig stoppen kann, ohne die Zustimmung der anderen EU-Länder. Bisher will die britische Regierung diese Notbremse nicht ziehen. Sie könnte es sich aber noch anders überlegen.

Investoren setzen auf Verschiebung des Austrittsdatums

Letztlich hat die Abstimmung über Mays Brexit-Deal nicht die erhoffte Klarheit gebracht. Im Ringen um die konkrete Ausgestaltung des Austritts sind das Vereinigte Königreich und die EU keinen Schritt weiter. Unter Vermögensprofis gilt es deshalb als wahrscheinlichstes Szenario, dass die Entscheidung über den Brexit aufgeschoben wird. Das hieße: Die Hängepartie ginge weiter, über den 29. März hinaus.

Investoren agieren unterdessen nach dem Prinzip Hoffnung. So haben sie im vierten Quartal 2018 mehr Großbritannien-Fonds gekauft als verkauft, berichtet Rudolf Geyer, Sprecher der Geschäftsführung der B2B-Direktbank Ebase. „Offensichtlich setzen viele Anleger beim Brexit auf ein gutes Ende“, sagt er. Das Problem: Behalten die Pessimisten doch Recht und es kommt zu einem harten Brexit, ist das Abwärts-Potenzial an den Aktienmärkten enorm. Anleger sind in Großbritannien bisher nicht untergewichtet. „Deshalb haben britische Aktien Luft, bei schlechten Nachrichten deutlich nachzugeben“, warnt Pieter Jansen, Stratege beim Fondsanbieter NN Investment Partners. Die Märkte werden sich seiner Einschätzung nach stabilisieren, wenn klar wird, ob sich der Brexit verschiebt.

FTSE 100 Index

FTSE 100 Index Chart

In einem Punkt herrscht nun immerhin Sicherheit: Theresa May bleibt im Amt. Die Premierministerin überstand ein Misstrauensvotum am Mittwochabend knapp. Bei der Abstimmung im britischen Parlament stimmten 325 Abgeordnete gegen den Misstrauensantrag der Opposition und somit für die Regierung, 306 stimmten dagegen. May hat nun weiterhin bis zum kommenden Montag Zeit, dem Parlament einen Plan B für den Austritt aus der EU vorzulegen.


Das denken prominente Briten über den Brexit: